Christliche Themen für jede Altersgruppe

Frischer Wind im Glaubensland

Was sich in England seit Jahren bewährt, soll nun auch hierzulande Schule machen: Kirche soll auch an ungewöhnlichen Orten stattfinden. Die Bewegung Fresh X will mit neuen Formen von Gemeinde Menschen erreichen, die bisher keinen Bezug zu Glauben und Kirche haben.


In Metzingen gibt es Gottesdienste in der Kneipe. (Foto: Markus Heffner)


Seit September 2012 füllt der ehemalige Mössinger Gemeindepfarrer die von der Landessynode geschaffene Projektpfarrstelle „Neue Aufbrüche“ mit Leben, eine Aufgabe mit vielen Unbekannten, so Brändl. Dass die Landeskirche sich eine solche Stelle als Experimentierfeld leistet, gilt in manchen Kreisen durchaus als kleine Revolution. Brändl sieht in seiner Aufgabe dagegen eine schlichte Notwendigkeit. „Wir müssen wegkommen vom klassischen Säulendenken und neue Formen gemeindlichen Lebens erschließen“, betont er. „Kirche muss erfrischend und vielfältig sein.“
Erfrischend und vielfältig. Diesem Leitmotiv folgt insbesondere das neue Kirchenformat „Fresh Expressions of Church“, übersetzt etwa Neue Ausdrucksformen von Kirche, abgekürzt „Fresh X“. Es gilt nicht nur bei Martin Brändl und seinen Mitstreitern unter allen Wegen des Aufbruchs als einer der hoffnungsvollsten Ansätze. Hinter dem modernen Label steckt auch eine moderne Idee: „Es geht darum, neue Formen von Gemeinde für jene Menschen zu entwickeln, die mit dem traditionellen Gottesdienst am Sonntagmorgen nichts anfangen können und bisher noch keinen Bezug zu Kirche und Glauben haben“, erklärt Brändl.

Praktische Beispiele gibt es schon etliche: Gottesdienste im Nagelstudio oder im Wohnzimmer einer WG beispielsweise, einen Bauernhof, der Raum für christliches Leben bietet oder eine Kirche, die zur Kletterhalle umgebaut wurde. Die Nachfrage nach solchen Angeboten sei groß, die Resonanz unterschiedlich, sagt Brändl. „Manche sagen, das machen wir alles schon, das brauchen wir nicht“, so der 56-Jährige. Es gäbe aber auch viele, die der Meinung sind, dass es Zeit werde, noch einmal neu über Kirche nachzudenken. „Wir merken, dass wir in der Gesellschaft immer weniger präsent sind“, betont Brändl. „Die Frage ist nun, wie wir Menschen in anderen Lebenswelten erreichen und welche Formate wir dafür entwickeln können.“ 

Getragen wird die Fresh-X-Bewegung von ganz unterschiedlichen Kirchen und Organisationen, die sich zu einem bundesweiten Netzwerk zusammengeschlossen haben – von der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste und dem Bistum Hildesheim über den CVJM und den Deutschen Jugendverband „Entschieden für Christus“ bis hin zur Theologischen Hochschule Reutlingen und dem Zentrum für Mission in der Region. „Der ökumenische Ansatz ist ein ganz wesentlicher Aspekt, weil der Glaube nur im Miteinander aller Christen weitergegeben werden kann“, betont Brändl, der die württembergische Landeskirche in dem Netzwerk vertritt.

Ihren Anfang genommen hat die Bewegung in England, wo seit Anfang der 90er-Jahre eine Vielzahl von „Fresh expressions of Church“ entstanden sind, also neue kirchliche Gruppen und Gemeinden. Im Jahr 2005 wurde die Bewegung von der anglikanischen und methodistischen Kirche offiziell anerkannt. Als Initialzündung in Deutschland gilt die Konferenz „Gemeinde 2.0“ im März 2011 in Filderstadt, der weitere Kongresse folgten. Zu den Hauptrednern seinerzeit gehörte der Theologie-Professor Michael Herbst, der zwischenzeitlich an seinem Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung in Greifswald eine Vorlesungsreihe zum Thema Fresh X nebst Seminar und Studienreise nach England anbietet.

Auch Pfarrer Martin Brändl referiert mitunter über diese neue Form von Kirche: Das Netzwerk hat aus diversen Bausteinen einen Kurs zusammengestellt, der das Interesse wecken und mögliche Wege eines Aufbruchs aufzeigen soll (siehe Seite 6). „Eine Art Starthilfe für Gemeinden, die eine Fresh X gründen wollen“, sagt Brändl. Um die Idee weiter zu verbreiten, hatte das Netzwerk Fresh X Württemberg Ende Januar zu einem Inspirationstag auf die Liebfrauenhöhe bei Rottweil geladen, einem Marktplatz voller Ideen. Zu Gast war auch eine Gruppe junger Christen aus Rotenburg an der Fulda, deren Angebot „Church goes Pub“, also „Kirche geht in die Kneipe“, sich an Menschen richtet, denen „Sonntagmorgen zu früh, Kirchenbänke zu hart und Predigten zu theoretisch“ sind, so ihr Slogan, der seither für großen Zulauf sorgt. „Die Kirche muss heutzutage in den Lebenswelten der Menschen präsent sein“, sagt Martin Brändl. „Um den Weg zu finden, braucht es Inspiration.“