Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fünf pro Quadratkilometer

BIBERACH – Evangelisch sein, das wird in Oberschwaben anders gelebt als im Unterland. Warum das so ist und weshalb ein Pfarrer auch mal ganz zweckfrei in der Bibel lesen sollte, darüber hat Dorothee ­Schöpfer mit Hellger Koepff gesprochen, der seit 15 Jahren Dekan in Biberach ist.

Kürzlich hat der EU-Kommissar Günther Oettinger bei Ihnen in der Stadtpfarrkirche gepredigt – wie kamen Sie zu der Ehre?

Hellger Koepff: Im Herbst 2016 hat Oettinger bei den Ceta-Verhandlungen in Brüssel gesagt, wenn man dazu die Wallonie fragen muss, könnte man ja gleich noch den Kirchengemeinderat von Biberach befragen. Ich habe diese Steilvorlage genutzt und Oettinger als Prediger eingeladen, damit er den Kirchengemeinderat kennenlernt. Jetzt ist er gekommen.

War es ein erhellender Besuch?

Hellger Koepff: Er hat keine Predigt im klassischen Sinne gehalten, sondern eine politische Rede. Darin hat er sehr überzeugend deutlich gemacht, warum es ohne die Europäische Union keinen Frieden und auch nicht diesen Wohlstand gäbe. 

Wieviele Pfarrstellen sind bei Ihnen derzeit unbesetzt? 

Hellger Koepff: Wir besetzen im Herbst eine Stelle, die eineinhalb Jahre vakant war. Und in der Stadt Biberach gibt es eine unbesetzte Stelle. Ich hätte mit einer höheren Zahl gerechnet...Hellger Koepff: Das ist eine Momentaufnahme, es gibt schon einen dauernden Wechsel. Es ist nicht einfach, am Rand der Landeskirche Stellen zu besetzen. Wir haben, wenn überhaupt, meist nur eine Bewerbung. 

Warum? 

Hellger Koepff: Vielen Pfarrern aus dem Unterland ist die Gegend hier fremd. Wie schön und lebenswert es hier ist, merkt man erst, wenn man da ist. Das ging auch mir so, als ich vor 15 Jahren aus Bad Boll kam. Zum anderen schrecken die weiten Wege ab. Im Landesschnitt gibt es rund 100 Evangelische pro Quadratkilometer, bei uns gibt es Gemeinden, da sind es fünf. Der frühere Pfarrer von Erolzheim-Rot hat einmal ausgerechnet, dass sich die 1200 Mitglieder seiner Gemeinde über eine Fläche verteilen, die nur ein Fünftel kleiner ist als das Stadtgebiet von Stuttgart. 

In Oberschwaben gehört man als Evangelischer immer zur Minderheit – was macht das aus?

Hellger Koepff: Diaspora bedeutet natürlich, dass wir immer der kleinere Partner sind. Die Stärkung der evangelischen Identität ist wichtig. Evangelisch sein heißt ja nicht: „Nicht katholisch sein“. Evangelisch sein heißt, mit den Grundüberzeugungen, die die Reformation wieder entdeckt hat, gelassen und gerne zu leben. Aber selbstverständlich ticken Diasporagemeinden anders als Unterländer Gemeinden. Das Bewusstsein, wo man zuhause ist, bezieht sich zunächst auf den eigenen Ort. Die Zugehörigkeit zur Kirchengemeinde spielt in der alltäglichen Identität keine große Rolle. Die Evangelischen wohnen nicht um einen Kirchturm herum, sie treffen sich nicht beim Einkaufen oder beim Elternabend. Wir sind geographisch wie eine Freikirche aufgestellt, religiös aber eine Volkskirche. 

Die unter Schwund leidet... 

Hellger Koepff: Wobei wir der Kirchenbezirk sind, in dem der Rückgang an Gemeindemitgliedern am geringsten ist. Das hat mit der boomenden Wirtschaft und der hohen Lebensqualität in der Region zu tun. Aber selbstverständlich stellen auch wir uns den Herausforderungen und arbeiten in so genannten Entwicklungsräumen daran, dass mehr evangelisches Leben spürbar wird. Mehrere Gemeinden zusammen sollen jetzt schon Wege spuren, als Evangelische die Raumschaft mitzugestalten – nicht erst dann, wenn es aufgrund von Einsparungen unumgänglich wird. Ein Beispiel dafür ist, gemeinsame Gemeindebriefe herauszugeben. Oder im eigenen Gemeindebrief zwei Seiten für die Nachbargemeinde zu reservieren, damit man ein Gefühl füreinander entwickelt. 

Wie weh tut Ihnen der neue Pfarrplan?

Hellger Koepff: Wir sind relativ glimpflich davongekommen. Aber auch wir müssen kürzen und haben etwa bei zwei Gemeinden die Stelle reduziert, dafür aber einen Krankenhausseelsorge-Auftrag dazu genommen, um wieder eine 100-Prozent-Pfarrstelle zu haben. Denn nur die sind bei uns besetzbar. Von einer 75 Prozent-Stelle kann man schlecht leben, man arbeitet meistens dennoch hundertprozentig. 

Was brauchen Pfarrer um ihre Arbeit „gern und gut zu tun und dabei gesund zu bleiben“ – wie Sie einmal Ihren Anspruch in der Personalführung formuliert haben? 

Hellger Koepff: Sie brauchen Entlastung in der Verwaltung. Und sie brauchen einen klaren Blick dafür, was ihre Aufgabe ist und was die Aufgabe der Gemeinde ist. Muss die Pfarrerin oder der Pfarrer den Schaukasten bestücken, das Layout des Gemeindebriefs machen oder im Gemeindehaus aufstuhlen? Nein. Pfarrer brauchen Freiräume für das eigene geistliche Leben, für das Gebet, um auch einmal zweckfrei in der Bibel zu lesen und nicht nur als Vorbereitung für die Predigt. Ein Pfarrer muss wissen, dass er in seiner Arbeitszeit ein Buch lesen darf – und nicht erst um zwölf Uhr nachts. Es ist mir wichtig, den Pfarrern zu vermitteln: Ihr dürft und ihr sollt euch auch um euch selbst kümmern – ob mit Sport, Kultur oder Musik, was immer dem Einzelnen gut tut. 

Was ist für Ihr Amtsverständnis als Dekan noch wichtig?

Hellger Koepff: Ich will nicht nur die Pfarrer, sondern auch alle anderen Angestellten so begleiten, dass sie ihre Arbeit gut und gern tun und gesund bleiben. Und mir ist Klarheit wichtig: Man hat als Dekan ja immer mehrere Hüte auf, ich bin mit einem kleinen Anteil Gemeindepfarrer, dann geschäftsführender Pfarrer in Biberach, ich leite mit anderen den Kirchenbezirk und bin als Dekan als Dienstaufsicht quasi der verlängerte Arm des Oberkirchenrats. Umso wichtiger ist, sich selbst, aber auch dem Gegenüber Klarheit zu verschaffen, als was man gerade agiert. Vor allem will ich auch als Geistlicher erkennbar sein in meinen Verwaltungsaufgaben: Wie ich die Menschen behandle, die mir anvertraut sind, hat viel mit meinem Glauben zu tun. Wenn ich von der Rechtfertigung des Sünders ausgehe, dann muss ich jedem Menschen auch so begegnen.

Seele oder Laugenbrezel? 

Hellger Koepff: In Biberach ist das die falsche Frage, das muss es heißen Laugenbrezel oder Fastenbrezel. Das ist eine Brezel für die Fastenzeit, die erst gekocht und dann gebacken wird. Manche finden sie fad – aber vor dem evangelischen Bäcker, der die besten Fastenbrezeln bäckt, gibt es immer eine Schlange. Ich mag sie am liebsten, wenn sie noch warm ist.

Es ist Sonntagabend: Tatort oder Abendspaziergang?

Hellger Koepff: Lieber noch eine Runde Schwimmen im Ummendorfer See. Meine Frau schaut gerne Tatort, ich finde die Welt ist grausam genug. 

Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?

Hellger Koepff: Ökumenisch haben wir neulich Knochen völlig unbekannter Menschen bestattet. Die kamen zum Vorschein, als in der Stadtpfarrkirche bei den Bauarbeiten der Boden geöffnet wurde. Ich habe mich gefragt, wie die oder der wohl gelebt hat, was hat ihn gefreut, was war seine Hoffnung? Das war ein berührender Moment. Er hat mir gezeigt: Wir gestalten bei all unseren Aufgeregtheiten nur einen ganz kleinen Teil der Weltgeschichte an einem ganz kleinen Ort mit. Das lehrt Bescheidenheit.