Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ganz besonderer Geschmack - SpeiseTraditionen im Advent

Der Advent ist ursprünglich eine Fastenzeit. Gleichzeitig gehören Plätzchen, Lebkuchen und Co. unbedingt dazu. Wie sich der Verzicht mit der Fülle an süßem Gebäck verträgt und welche SpeiseTraditionen im Advent und zu Weihnachten wichtig sind.

Lebkuchen, Plätzchen, Nüsse, Zimt und Orangen – das ist der Geschmack von Weihnachten. Foto: beats/ Adobe StockLebkuchen, Plätzchen, Nüsse, Zimt und Orangen – das ist der Geschmack von Weihnachten. Foto: beats/ Adobe Stock

„Ach wie schön, dass wir wieder alle beieinander sein können“, so der Standardsatz meiner Mutter zum Weihnachtstag. Der reich gedeckte Tisch hatte Platz für die Großfamilie, Enkel, Kinder, Lebenspartner und nicht zuletzt die Großeltern. Der Festtagsbraten, die Pute aus dem Backofen, stand auf dem Tisch, Maronen aus der Füllung, Rosenkohl, Spätzle mit Soße und dazu Feldsalat. Die immergleichen Zutaten prägten jahrelang meinen Geschmackssinn. Familiär hat sich in der Zwischenzeit viel geändert, doch der „Geschmack von Weihnachten“ ist mir geblieben.

Wie wird Weihnachten in diesem Jahr „schmecken“? Das Jahr 2020 hat uns unfreiwillig in Fastenzeiten geschickt. Vieles, was wir liebgewonnen haben, unbeschwerte Einkaufserlebnisse, Urlaubstage planen, Weihnachtsmarktbesuche, gesellige Weihnachtsessen, all das geht nicht. Es ist noch nicht einmal sicher, ob im großen Familienverband gefeiert werden kann.

Es sieht ganz so aus, dass ein Höhepunkt dieses unfreiwilligen Fastens wiederum auf eine christliche Fastenzeit fällt: die Adventszeit. Wenn man die Fastenzeit vor Weihnachten am Tag nach St. Martin beginnen lässt, also 40 Tage vor Weihnachten, wie es die alte Kirche vorsah, dann ist sie nahezu deckungsgleich mit dem zweiten Lockdown.

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Doch was ist das für ein Fasten? Lebt es nicht vielmehr vom freiwilligen und auch fröhlichen „Ja“ zur Selbstbeschränkung? Hat doch Jesus in der Bergpredigt gesagt: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten“ (Matthäus 6,16). Nicht sauer dreinzusehen in Zeiten von Corona fällt nicht leicht. Und doch scheint auch dieses Fasten ein inneres „Ja“ zu brauchen. Vielleicht vermag der Blick auf die christliche Fastentraditionen und ihre Speisen dazu verhelfen, ein solches zu finden.

Zeiten der Enthaltsamkeit - Bewusstes „Ja“ zum Verzicht

Was Christen in Fastenzeiten zu sich nehmen durften und was nicht, darüber wurde in zig Konzilen gestritten. Im Mittelalter setzte sich die Abstinenz von Produkten warmblütiger Tiere durch. Fleisch, Brühen und Soßen, Milchprodukte und Eier standen auf der Liste, aber auch der Alkohol. In der katholischen Welt wurde diese Regel erst 1966 durch Papst Paul VI. aufgeweicht.

Wenn man so will, kannte die christliche Tradition schon damals Veganismus, wenigstens an zwei Abschnitten des Jahreslaufes. Brot dagegen gehörte zu den erlaubten Fastenspeisen. Auch wenn manche im Weihnachtsgebäck einen Bruch mit den Fastengedanken erkennen mögen, „das Weihnachtsgebäck hat seine Wurzeln in der Adventsliturgie“, sagte Papst Benedikt XVI. Im Schwäbischen nennen wir die kleinen Brote „Bredle“.

Lebkuchen, Spekulatius, Spingerle und Co. waren mit ihren spezifischen Gewürzen ursprünglich Heilbrote der Fastenzeit. Die sieben Gewürze des Lebkuchens – Piment, Anis, Zimt, Kardamom, Muskat, Nelke und Fenchel – zeugen davon. Die Honigsüße der Weihnachtsgebäcke ist der Ausblick auf das kommende Heil von Weihnachten.

Auch die Fastenabschnitte im Laufe eines Kirchenjahres haben ihren je eigenen Geschmack. Sie beherbergen Gerüche und Aromen, die man gerne im nächsten Jahr wiederfinden will. Das gilt auch für die klassischen evangelischen Fastenspeisen, wie die Maultasche zu Karfreitag oder den Klassiker zu Heiligabend: Kartoffelsalat mit Saitenwürstle. Der Ursprung der Wurst lag in einem Stück gebackenen Karpfen. Fisch durfte in Fastenzeiten verzehrt werden. In Siebenbürgen hat man zu Heiligabend das Fleisch mit Reis vermengt, wohl verstaut in einem Krautwickel. Die Fermentation des Weißkohls in Salzlake, die sich von der Krauternte bis Weihnachten hinzog, durchdrang geruchlich jede Ritze des Hauses. So anstrengend diese herbstliche Aromenreise auch war, am Ende stand ein unglaublich leckeres Gericht.

Man könnte fragen, ob nicht von jeher der besondere Geschmack von bestimmten Zeiten eine Hilfe war, ein inneres „Ja“ auch zum Verzicht zu finden. Die Erinnerung an den Geschmack von Advent und Weihnachten kann uns niemand nehmen. Auch nicht eine Pandemie, deren Krankheit einem zeitweise den Geschmack rauben kann.

Die Christusfeste Weihnachten und Ostern stehen am Ende der Fastenzeiten. Sie spiegeln himmlische Freude. Jeder Verzicht hat auch sein Ende. Wer weiß nicht davon zu berichten, dass auf der festlich gedeckten Tafel weit mehr stand, als man verzehren konnte. Jedes Jahr wiederholt sich das. Aus der Fülle des Lebens schöpfen zu können, alle Sinne zu bespielen mit einer Vielzahl von leckeren Speisen, das gehört zum Christfest eben auch dazu.

Doch was waren und sind die klassischen Speisen zu diesem Fest? Der Schweine- oder Schinkenbraten zu Weihnachten dominierte bis ins Mittelalter hinein das weihnachtliche Festessen, das nicht dem Heiligabend, sondern dem Christfest vorbehalten war. Vermutlich stammt der Brauch, Schweinefleisch zu essen, noch aus vorchristlichen Zeiten. In manchen Landstrichen kennt man die „Mettensau“, die zu Weihnachten geschlachtet wurde. Man verfügte über große Fleischmengen und man konnte auftischen.

Wie der Gänsebraten zum Weihnachtsessen wurde, darüber gibt es viele Legenden. Foto: Floydine/ Adobe StockWie der Gänsebraten zum Weihnachtsessen wurde, darüber gibt es viele Legenden. Foto: Floydine/ Adobe Stock

Christusfest spiegelt Freude

Warum die Gans den Schweinebraten abgelöst hat, ist ungewiss. Vielleicht steht dahinter der Brauch, an St. Martin, dem letzten Tag vor der Fastenzeit, eine Gans zu verzehren und zu Weihnachten das Fasten mit eben dem gleichen Gericht zu beenden. Eine Legende erzählt, dass die Weihnachtsgans auf die englische Königin Elisabeth I. zurückgehe. Im Jahr 1588 verspeiste sie zu Weihnachten gerade eine Gans, als ihr die Nachricht vom Sieg über die spanische Armada überbracht wurde. Zur Erinnerung daran soll sie die Gans zum „Weihnachtsbraten“ erklärt haben. Wie auch immer dieser Brauch entstanden ist, die Gans war von alters her als Opfer- und Speisetier bekannt.

Dass Kohl- und Wurzelgemüse, Maronen und Nüsse die Speisen begleiten, ist der Jahreszeit geschuldet. Die Bandbreite der Speisen hat sich heute deutlich verbreitert, fleischlose Varianten haben sich dazugesellt. Zu den Weihnachtsfavoriten gehören mittlerweile auch gesellige Spielarten der Nahrungszubereitung wie Raclette und Fondue. Es scheint fast so, als hätten sich in den letzten Jahrzehnten durch die Vielfalt weihnachtlicher Genüsse sämtliche Traditionen aufgelöst.

Weihnachtsmärkte, Vereinsfeiern im Advent, Einkaufsmärkte und die Gastronomie vermitteln ein gegenteiliges Bild. Jahr für Jahr suggerieren sie anhand von Gerüchen und Aromen, dass es den „Geschmack von Weihnachten“ gibt. Dieser wird uns Jahr für Jahr geliefert.

Dieses Jahr ist es anders. Weihnachten muss sich zwangsläufig ins Private zurückziehen. Denn weder Gastronomen noch die Märkte können ihrem Auftrag auch nur annähernd nachkommen, den „Geschmack von Weihnachten“ zu servieren. Kaum anders verhält es sich bei den Kernbotschaften zu Weihnachten, sie werden in diesem Jahr zwangsläufig nur eingeschränkt weitergegeben.

Manche halten es für ein großes Unglück, nicht mehr bedient zu werden. Andere sehen es als Chance, sich selbst um den Kern von Weihnachten zu mühen. Die Bibel behauptet, die Freundlichkeit Gottes zu uns Menschen lasse sich „schmecken und sehen“. Wer dem Kind von Bethlehem nachgeht, kann es selbst erleben. Welcher Geschmack zu Weihnachten auf den Tisch kommt, bleibt jedem selbst überlassen. Bleibt nur noch zu wünschen, dass wir Weihnachten mit denen genießen und erleben können, die wir gerne bei uns am Tisch haben.

Ulrich Enderle
ist Jugendpfarrer in Esslingen. Vor ein paar Jahren wurde er Wochensieger beim Kochwettbewerb „Küchenschlacht“ im ZDF.

 

 

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