Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gegen organisierte Sterbehilfe

Soll Sterbehilfe – etwa bei unheilbaren und überaus schmerzhaften Krankheiten – erlaubt sein oder nicht? Aktive Sterbehilfe jedenfalls ist in Deutschland verboten. Unionspolitiker haben nun eine Initiative gestartet, die zum Ziel hat, auch die organisierte Hilfe zum Suizid zu verbieten. Die evangelischen Kirchen haben eine einhellige Position: Sie lehnen Sterbehilfe in jeder Form ab.


Sterbenskranke bis zum letzten Atemzug begleiten, das tun Hospize. Eine
aktive Sterbehilfe lehnen sie ab. (Foto: epd-Bild)

Die Initiative geht von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aus. Gerade im Amt, forderte er eine klare gesetzliche Regelung zum Verbot der Hilfe zum Suizid. Gröhe war zwölf Jahre Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und ist Mitglied der EKD-Synode. Ihm geht es vor allem um die organisierte Suizid-Beihilfe. Die wollte er schon in der vergangenen Legislaturperiode verbieten lassen.

Wer mit den Ängsten der Menschen vor dem Sterben ein Geschäft machen wolle und sich für Hilfe zur Selbsttötung bezahlen lasse, handele „überaus verwerflich“. Die Straffreiheit der Selbsttötung und damit auch ihres Versuches zeige, dass es menschliche Dramen gebe, vor denen das Strafrecht zu Recht schweige, erläuterte der Minister. „Wer aber die Selbsttötung propagiert, als Ausdruck der Freiheit des Menschen geradezu verklärt, der versündigt sich an der Wertschätzung des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen“, sagte er in einem Interview mit der „Rheinischen Post“. Auf jeden Fall solle „jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe“ gestellt werden.

Damit hat Gröhe eine breite Debatte über die Sterbehilfe ausgelöst. Diese gibt es immer wieder. Sie ist neu entfacht worden, nachdem Prominente öffentlich gefordert hatten, ein selbstbestimmtes Lebensende zu ermöglichen. Zu ihnen gehört der Theologe Hans Küng (mehr dazu auf Seite 6 ) und der ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks Udo Reiter.

Der Bundesgesundheitsminister erhielt für seinen Vorstoß Unterstützung von der Bundesärztekammer und auch von Patientenschützern. „Der Minister rennt damit bei uns offene Türen ein“, sagte Präsident Frank Ulrich Montgomery. Die Bundesärztekammer warne seit langem „vor der Werbung und Verlockung für Menschen, den vermeintlich leichten Ausweg zu suchen“.

Ähnlich äußerte sich auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Es solle jede Form organisierter Sterbehilfe unter Strafe gestellt werden. Das gelte auch für unentgeltliche. „Denn wenn ein Prinzip falsch ist, kommt es nicht mehr auf die Frage an, ob Geld fließt oder nicht“, sagte Vorstand Eugen Brysch.

Der Deutsche Hospiz- und Palliativ-Verband geht sogar noch weiter. Er will nicht nur eine gesetzliche Regelung für ein Verbot der Beihilfe zum Suizid. Auch für die Werbung dafür solle bereits verbot verboten werden, fordert Benno Bolze, Geschäftsführer des Hospizverbandes. Bolze versteht zwar, dass Menschen unter bestimmten Voraussetzungen ihr Leben beenden wollen. „Häufig ist es die Angst vor Schmerzen, die Angst vor dem Alleinsein oder die Angst, anderen zur Last zu fallen. Dies gilt es, ernst zu nehmen.“ Aber „die Hilfe kann in einer solchen Situation nicht in einer organisierten Form der Beihilfe zum Suizid bestehen, sondern in Solidarität, Mitmenschlichkeit und Zuwendung“.

Die SPD-Politikerin Kerstin Griese, die wie Gröhe Mitglied der EKD-Synode ist, hat indessen eine breite Debatte über Suizidbeihilfe gefordert. Der Bundestag sollte einen Weg finden, um geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung auszuschließen. „Denn zu einer humanen Gesellschaft gehört das Sterben in Würde und nicht die Dienstleistung Suizid auf Abruf“, sagt Griese.

Forderungen nach einem selbstbestimmten Sterben hält die Politikerin entgegen, Selbstbestimmung dürfe nicht nur bedeuten, über das eigene Lebensende zu entscheiden, sondern auch den gesellschaftlichen Umgang mit Tod und Sterben mitzugestalten. Für schwer leidende Menschen müsse die Gesellschaft mehr übrig haben als die Tablette auf dem Nachttisch für den einsamen Suizid. „Ein gesellschaftliches Klima, das suggeriert, die Selbsttötung sei ein guter Ausweg, ist beängstigend“, warnt Griese.

Vertreter der Kirchen bekräftigen in diesem Zusammenhang ihre ablehnende Haltung gegenüber der aktiven Sterbehilfe. Für die Theologin Margot Käßmann ist Tötung auf Verlangen ein „Irrweg“, der neue Grauzonen schaffe und die „große Gefahr des Missbrauchs“ in sich berge. Stattdessen sollen Palliativmedizin und Hospizwesen gefördert werden.

„Die Entscheidung über Leben und Tod liegt in Gottes Hand“, sagte der württembergische Landesbischof Frank Otfried July bereits im Jahr 2008 vor der Landessynode. Das Ja zum Lebensschutz ermögliche ein Altern in Würde, ein Helfen und Begleiten auch in schweren Zeiten. Seelsorger hätten die Aufgabe, den sterbenden Menschen schützend zur Seite zu stehen.

Der SPD-Politiker Franz Müntefering lehnt aktive Sterbehilfe vor dem Hintergrund einer eigenen Erfahrung ab. Er hat vor sechs Jahren seine krebskranke Frau Ankepetra in ihren letzten Lebensmonaten gepflegt und deswegen von der Politik eine Auszeit genommen. Die Pflege seiner Frau habe sein Verhältnis zum Sterben verändert. „Früher hatte ich Angst davor, lange sehr große Schmerzen zu haben. Heute weiß ich, dass sich Schmerzen durch die Palliativmedizin erheblich mindern lassen.“ In einem Interview mit der „Frankfurt Allgemeinen Zeitung“ sagte er außerdem, er habe während der Krankheit seiner Frau den Hospiz-Gedanke schätzen gelernt, nämlich „dass man Menschen beim Sterben begleitet“.

Ein Gesetz zum Verbot der organisierten Hilfe beim Suizid wird es jedenfalls so schnell nicht geben. Nach Auffassung des Bundesjustizministeriums muss diese Initiative aus der Mitte des Bundestages kommen und nicht von einer Partei oder einem Ministerium. Und: Bei Gewissensentscheidungen gibt es keinen Fraktionszwang bei der Abstimmung.

Mit Material von epd


Stichwort: Sterbehilfe


Unter Sterbehilfe werden Handlungen verstanden, die die Unterstützung im Sterbeprozess, aber auch aktive Tötung umfassen können. Unterschieden wird zwischen passiver, indirekter und aktiver Sterbehilfe. Auch Hilfe zur Selbsttötung, um die es in der aktuellen Diskussion geht, gehört dazu.

Die Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar, weil die Haupttat selbst – der Suizid – keine Straftat ist. Solange der Patient etwa ein tödliches Medikament selbst und aus freiem Willen einnimmt, bleibt der Helfer straffrei.

Ein Sonderfall ist der ärztlich assistierte Suizid, also die Mitwirkung eines Arztes bei der Selbsttötung eines Patienten. Die Bundesärztekammer hat Ärzten jede Hilfe zum Suizid in der Musterberufsordnung von 2011 verboten. Nach einem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts aus dem Jahr 2012, nach dem dieses Verbot nicht uneingeschränkt gelten kann, gibt es allerdings auch bei den  Ärzten eine Diskussion darum.

In der vergangenen Wahlperiode versuchte sich die schwarz-gelbe Bundesregierung an einem Verbot der Suizidhilfe. Die damalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wollte Organisationen mit Strafe belegen, die mit diesem Angebot Geld verdienen.

Der Union ging das nicht weit genug. Sie fürchtete, nichtkommerziell ausgerichtete Sterbehilfe-Vereine nicht belangen zu können. Sie fordert ein Verbot jeglicher organisierter – juristisch: geschäftsmäßiger – Suizidbeihilfe. Derzeit laufen die Vorbereitungen für einen entsprechenden Gruppenantrag im Bundestag.

Ebenfalls straffrei ist in Deutschland die passive Sterbehilfe. Sie bedeutet den Verzicht auf oder das Reduzieren von lebensverlängernden Maßnahmen bei todkranken Patienten. Das kann etwa das Einstellen der künstlichen Beatmung sein. Dieses Sterbenlassen ist auch bei nicht mehr entscheidungsfähigen Patienten straffrei und sogar rechtlich geboten, wenn der Patient dies vorher geäußert oder veranlasst hat.

Von indirekter Sterbehilfe wird gesprochen, wenn die ärztlich gebotene schmerzlindernde Medikation dazu führt, dass der Kranke schneller stirbt. Sie gilt als weitgehend zulässig.

Verboten ist in Deutschland die aktive Sterbehilfe, die auch als Tötung auf Verlangen bezeichnet wird. Hat der Täter auf ernsten und ausdrücklichen Wunsch des Betroffenen gehandelt, wird dies strafmildernd berücksichtigt. Die Tötung aus Mitleid wird im Strafgesetz nicht als entlastendes Moment genannt. epd



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