Christliche Themen für jede Altersgruppe

Geld oder Menschenrechte - Fußball-Weltmeisterschaft in Katar

Zuschauen oder boykottieren?An der Fußball-Weltmeisterschaft im autokratisch regierten Katar hat sich eine Diskussion entzündet, die nicht mehr zu stoppen ist. Es geht um sportliche Werte und die Herrschaft des Geldes, vor allem aber um die Menschenrechte.

Kerzenmeer. Foto: Caniceus, pixabayDie Kerzen im traditionsreichen Fußballstadion von Westfalia Herne erinnern an den Tod der Arbeiter auf den Baustellen von Katar. Foto: Caniceus, pixabay

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ So lautet der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündete sie am 10. Dezember 1948. Seit 1950 wird am 10. Dezember der Internationale Tag der Menschenrechte gefeiert. Aber nicht überall auf der Welt.

Am 10. Dezember stehen zwei Viertelfinalpaarungen bei der Fußball-Weltmeisterschaft auf dem Spielplan. Viele Fußballfans werden mit ihren Mannschaften fiebern – einige aber auch nicht. Sie boykottieren das Turnier, denn es findet in Katar statt. In der kleinen Monarchie am Persischen Golf regiert Emir Tamim bin Hamad al-Thani mit absoluter Macht. Katar besitzt riesige Erdgasvorkommen, darauf beruht sein Reichtum. Die Menschenrechte werden missachtet, Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter ausgebeutet, Frauen benachteiligt, nichtheterosexuelle Menschen verfolgt. Freie Meinungsäußerung existiert nicht.

Kuschen vor der Fifa und den Kataris

Allerdings auch nicht beim mächtigen Weltfußballverband Fifa, der Fédération Internationale de Football Association. Die Fifa wird von dem Schweizer Gianni Infantino regiert, der in Katar wohnt.

Die Fifa hat verboten, dass die Mannschaftskapitäne während der Spiele „One Love“-Binden tragen, mit denen sie für gesellschaftliche Vielfalt werben sollten. Die nationalen Fußballverbände, unter ihnen auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB), haben gekuscht. Thorsten Latzel, der Sportbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sieht die Glaubwürdigkeit des DFB und des internationalen Fußballs beschädigt. Die ganze Aktion sei eine einzige Farce. Selbst das minimale, symbolische Eintreten für Menschenrechte sei kassiert worden, kritisierte der Theologe: „In einer Machtdemonstration hat die Fifa den DFB und die anderen europäischen Fußballverbände vorgeführt.“

Als bescheidenen Protest hielten sich die deutschen Spieler beim Gruppenfoto vor dem Auftaktspiel gegen Japan den Mund zu. Nancy Faeser, die als deutsche Innenministerin auch für den Sport zuständig ist, saß während des Spiels der deutschen Elf mit der „One Love“-Binde neben Gianni Infantino auf der Tribüne des Khalifa International Stadium.

Fussball 2022. Foto: RosZie, pixabayFussball 2022. Foto: RosZie, pixabay

An der Weltmeisterschaft in Katar hat sich eine Diskussion entzündet, die nicht mehr zu stoppen ist. Deutsche Fangruppen haben sich zum Bündnis „Boycott Qatar“ zusammengeschlossen und bei Bundesligaspielen protestiert. Warum Katar? Menschenrechte wurden und werden auch in China und Russland und anderen Ländern mit Füßen getreten, die Weltmeisterschaften und Olympische Spiele ausgetragen haben. Deutschland treibt mit vielen autokratischen Ländern Handel, Wirtschaftsminister Robert Habeck hat im März eine Energiepartnerschaft mit Katar geschlossen. Geld aus Katar – wie auch aus anderen arabischen Ländern – steckt in vielen europäischen Vereinen. Die Fluggesellschaft Air Qatar sponsort auch den FC Bayern München.

Der Protest vieler Fußballanhänger richtet sich vor allem gegen die Fifa, die undemokratisch und korrupt handelt und von vielen mit der Mafia oder einer Diktatur verglichen wird. Katar hat sich bei der Vergabe 2010 als schwächster Kandidat gegen die USA, Südkorea, Japan und Australien durchgesetzt, weil Fifa-Funktionäre bestochen wurden. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eine Gelddruckmaschine, die einige Taschen füllt und für die andere ihr Leben gelassen haben. Tausende Arbeiter aus bitterarmen Ländern sollen wegen den Bedingungen auf den Baustellen in Katar gestorben sein. Vom Elend Zehntausender Dienstmädchen von den Philippinen und aus anderen armen Ländern, dringt nur wenig nach außen. Viele Journalisten waren vor Ort und haben recherchiert. Wer möchte, kann sich in Zeitungen und in den Mediatheken der Fernsehsender umfassend informieren, wie die Fifa-Funktionäre handeln, wie die Kataris die Fußball-WM ins Land holten und wie es in dem Emirat um die Menschenrechte bestellt ist. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht von einem „world cup of shame“, einer Weltmeisterschaft der Schande. Zuschauen oder nicht? Das sollen die Menschen selbst entscheiden, sagt der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl im Interview mit dem Kirchenradio. „Sie werden den Weg finden, der für sie passt.“

Vermutlich kann man der Fifa und der Kommerzialisierung des Sports nur auf zwei Wegen Einhalt gebieten: juristisch und finanziell. Beim zweiten Punkt kommen diejenigen ins Spiel, die den Sport lieben, seine integrative Kraft, seine Dynamik, seine Tradition. Sie speisen das Geld in den Kreislauf ein, indem sie Tickets kaufen, Trikots kaufen, den Fernseher einschalten. Sie haben Einfluss – jeder ein klein wenig.

Katar betreibt „Sportwashing“, das heißt, es betreibt mit Hilfe sportlicher Großereignisse Imagepflege. Im Licht der Weltöffentlichkeit mag manches für den Moment besser werden. Sylvia Schenk, Juristin und deutsche Sportsprecherin von Transparency International, sagt, dass sich „in keinem Land der Welt so viel zum Guten gewendet hat wie in Katar“.

Andere sind kritischer, auch viele Christen. Zumal die Weltmeisterschaft nicht wie traditionell im Sommer ausgespielt wird, sondern in den Spätherbst und Advent verlegt wurde. Probst Oliver Albrecht von der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau wird in der Zeitschrift „idea“ deutlich: „In einer aus den Fugen geratenen Welt will ich mich in diesem Advent noch mehr als sonst auf die Ankunft Jesu Christi konzentrieren. Gott und seine Liebe, seine rettende Kraft brauche ich. Nichts aber brauche ich weniger als so ein krankes Spektakel.“

Kritik am „kranken Spektakel“

Wie sollen Kirchengemeinden mit der Weltmeisterschaft umgehen? Einige wie die Matthäus-Paul-Gerhardt-Gemeinde in Karlsruhe bieten ein alternatives Programm an. Anregungen finden sich in dem Arbeitsheft „Macht hoch die Tür, die Tooor macht weit“. Es stammt vom Evangelischen Bund, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, dem Arbeitskreis Kirche und Sport und der Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung „midi“ der EKD. Auch jüdische Autoren haben mitgewirkt, denn die WM überschneidet sich mit dem Lichterfest Chanukka, das vom 18. bis 26. Dezember gefeiert wird. In der Broschüre finden sich Gebete und Lieder für den Advent sowie Kommentare, die Diskussionen in den Gemeinden oder auch Predigten inspirieren können.

Der EKD-Sportbeauftragte Thorsten Latzel und sein Vorgänger Volker Jung schreiben darin: „Aus christlicher Sicht stehen Menschenwürde und Menschenrechte – einschließlich der so wichtigen Religionsfreiheit – sowie die Verantwortung für den Erhalt der Schöpfung im Zentrum. Daher setzen wir uns dafür ein, dass für die Vergabe von Großveranstaltungen hierzu Kriterien entwickelt werden müssen.“ Doch was nützen Kriterien, wenn sie nicht beachtet werden? Außerdem gibt es bereits fundamentale Kriterien – die Menschenrechte, die am 10. Dezember gefeiert werden und die an 365 Tagen im Jahr gelten. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ □

◼ Die Broschüre „Macht hoch die Tür“ kann auf www.ekhn.de/katar heruntergeladen werden.

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