Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gelitten unter Paragraf 175

Hunderte Menschen haben vor dem Kirchentag der Verfolgung und Ermordung homosexueller Menschen in der NS-Zeit gedacht. Die Ausgrenzung homosexuell geprägter Menschen habe eine lange, leidvolle Vorgeschichte, sagte Kirchentagspräsident Andreas Barner.

Eine Stele mit Namen von Opfern der Verfolgung steht auf dem Karlsplatz. (Foto: epd-bild)

Es ist ein kleiner, eher versteckter Platz, auf dem der Deutsche Evangelische Kirchentag seine zentrale Gedenkveranstaltung abhält. Aber der Karlsplatz, in Sichtweite zum Landgericht Stuttgart und zum ehemaligen Hauptquartier der Gestapo Württemberg im Hotel Silber, ist ein denkwürdiger Platz, um an die Menschen zu denken, die wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe Opfer der Nationalsozialisten wurden. „Ausgegrenzt und totgeschwiegen“, wie die Veranstaltung überschrieben ist, wurden sie aber nicht nur zwischen 1933 und 1945, sondern auch davor und danach – zumindest bis der Paragraf 175 im Jahr 1969 abgeschafft wurde. Auch daran erinnert der Kirchentag in Stuttgart.

Geschichte wird erst lebendig durch Lebensgeschichten. Und so erzählten Schauspieler in Ich-Form von Schicksalen homosexueller Menschen, die im Dritten Reich den rosa Winkel tragen mussten und damit ins KZ eingewiesen wurden. Sie erzählen von Verhören im Kriminalkommissariat und bei der Gestapo. Sie erzählen, wie sie durch die US-Armee aus den KZs befreit wurden, aber danach aufgrund ihrer sexuellen Neigung gefangen blieben, weil diese Veranlagung  weiterhin strafbar war.

Sie erzählen von Männern, die im Dritten Reich vom Landgericht Stuttgart wegen Homosexualität verurteilt worden waren und 1949 sich vor demselben Landgericht Stuttgart erneut wegen Unzucht mit Männern rechtfertigen müssen. Und während andere KZ-Opfer später entschädigt worden sind, beantragen Homosexuelle dies vergeblich. Begründung: Die Straftat blieb ja auch nach 1945 eine Straftat. Deshalb war sie es für die Behörden  davor auch.

70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft hat der Kirchentag dieser Menschen nun gedacht. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Opfergeschichten der Aufarbeitung harren. Denn auch nach 1969 habe sich der gesellschaftliche Kontext für Homosexuelle nur langsam geändert, wie Ralf Bogen von der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber betonte. Dies zeige auch die Debatte um den Bildungsplan in Baden-Württemberg und die Diskussion nach dem Votum für die Homo-Ehe in Irland.

Er betonte, dass für 8000 Männer in der NS-Zeit Zärtlichkeit mit einem Mann in der Öffentlichkeit der Tod bedeutete. Frauen hatten mit der Einstufung als asozial, mit Zwangsverheiratung oder KZ zu rechnen. Und Pfarrerin Monika Renninger, Leiterin des Hospitalhofs, sagte, auch die Kirche müsse sich der Mitschuld stellen.