Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gemeinsam Frieden machen

WELZHEIM (Dekanat Schorndorf) – Seit fast zehn Jahren wird in der St.-Gallus-Kirche in Welzheim jede Woche für den Frieden gebetet. Charakteristisch für die spirituelle Veranstaltung sind religiöse und kulturelle Offenheit, erlebte Gemeinschaft und lebenspraktische Hilfe. In diesen Tagen ist das montägliche Friedensgebet aktueller denn je.

Prädikant Martin Becker möchte das Sakramentale ins Säkulare holen. Foto: Brigitte Jähnigen

 Erinnerung an den 11. September 2001: Ein Passagierflugzeug rast in einen der beiden Türme des New York World Trade Centers. Wenige Minuten später zerstört ein weiteres Flugzeug den zweiten Turm. Der gezielte Terroranschlag fordert über 3000 Tote. Weltweit reagieren die Menschen mit Fassungslosigkeit und Ohnmacht, aber auch mit Solidaritätsaktionen.

Martin Becker lädt 2003 zum ersten Friedensgebet in die St.-Gallus-Kirche Welzheim ein. Seitdem trifft sich die Friedensgebetsgemeinde jeden Montag um 19 Uhr im 1499 erbauten, 1726 abgebrannten und 1727 als chorlose Predigtsaalkirche wieder aufgebauten Gotteshaus. Ausnahme war die Coronazeit, doch rädikant Martin Becker ließ seine Gemeinde auch da nicht allein. Er hielt das Friedensgebet allein in der Kirche und übertrug sie ins Internet; Auszüge sind noch heute auf You-Tube zu verfolgen.

Kirche soll wiederhörbar sein

Ende Juli 2022 sind es geschätzt 50 Frauen, Männer und Kinder, die in der St.-Gallus-Kirche ihren Willen zum Frieden bekunden. Der Krieg in der Ukraine ist wenige Monate alt. „Jeder Montag hat ein Thema“, sagt der 58-Jährige. Diesmal sind es die Engel. Das Musikerduo Sonja Nesselmann und Christian Kuhnle singt von Engeln, die Fellbacher Künstlerin Ebba Kaynak hat zwei ihrer „Wächter“- Skulpturen in das Kirchenschiff gestellt, Martin Becker liest aus Lukas 22 von einem Engel, der Jesus auf dem Ölberg erschien. „Die Liturgie ist immer die gleiche, sie ist poetisch und spirituell, und das Friedensgebet beginnt schon im Freien vor der Kirchentür“, sagt Martin Becker. Dazu haben er und seine Helfer kleine Tische aufgestellt, an denen zum zwanglosen Gespräch eingeladen wird und die Gäste begrüßt werden. „Kirche muss wieder hör- und sichtbar sein, das Sakramentale ins Säkulare kommen“, so die Absicht. Gedacht wird an die „Friedensmenschen“, die kürzlich gestorben sind, die durch Krankheiten geplagt sind, die Geburtstag haben oder sich im Urlaub erholen – keiner soll vergessen werden.

„Ich glaube, dass wir als Kirche einen Auftrag haben, nämlich Menschen aus ihrer Vereinzelung in den großen Zusammenhang des Lebens zu führen“, sagt der Prädikant. Der Gedanke, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, ist für Becker lange vorbei. „Jeder Absolutheitsanspruch ist tödlich, auch ein religiöser“, sagt er.

Zum Friedensgebet ist jeder eingeladen, der es für alternativlos hält, Frieden zu schaffen. Mit dabei ist auch Sükran Seyhan. Beruflich arbeitet sie als Schulbegleiterin, religiös zählt sie sich zur örtlichen Moschee Bilal-i Habesi, ökumenisch ist sie beim Friedensgebet unterwegs. Diesmal trägt sie Verse von Mevlana Rumi (1207 – 1273) vor. Der persische Sufi-Mystiker spricht von der Geduld, die dem Menschen so schnell abhandenkommt. Sein Bild: „Unkraut wächst in zwei Monaten, eine rote Rose braucht dafür ein ganzes Jahr“.

Frieden zu machen, gleich, ob im Privaten oder im Politischen, braucht Geduld. „Ich möchte mich auch außerhalb meiner muslimischen Gemeinschaft zeigen und etwas von meiner Religion geben“, sagt Sükran Seyhan. Deshalb nimmt sie regelmäßig am Friedensgebet teil.

Petra Fritz war Gemeindesekretärin in Welzheim. Ins Friedensgebet ist sie hineingewachsen und möchte es auf gar keinen Fall mehr missen. „Es gibt mir interessante Impulse für die Woche, die Gemeinschaft begeistert mich, ich bin sehr personenbezogen“, sagt die kirchliche Angestellte. Offen für alle zu sein, dazu gehört für Martin Becker auch, dass das Friedensgebet interkulturell ist. Er fordert Flüchtlinge auf, in ihrer Landessprache ein gesungenes Gebet vorzutragen. „Die Botschaft meines Songs ist, dass alle Jesus Christus nachfolgen“, übersetzt der Sänger. Die Botschaft Jesu Christi heißt beim Friedensgebet auch, einander zu helfen, die Kollekte an Menschen zu geben, die sie nötig haben. Und es heißt auch, gemeinsam zu leben. „Vor der Coronazeit haben wir gemeinsam Urlaub gemacht, 50 Leute waren zum Beispiel beim Wandern unterwegs“, sagt Becker.

Die Teilnehmer wollen auch nicht mehr auf die Tischgemeinschaft verzichten, zu der an jedem Montag nach dem Friedensgebet eingeladen wird. Hier werden auch persönliche Probleme besprochen, finanzielle Lücken gestopft oder Jobs vermittelt. Dass Martin Becker, der als Angestellter im öffentlichen Dienst sein Brot verdient, sein Leben im Ehrenamt so intensiv der christlichen Botschaft und der Gemeinschaft widmet, hängt mit seiner kindlichen Prägung zusammen. „Meine Tanten waren Diakonissen, Frömmigkeit und soziales Engagement waren selbstverständlich“, sagt er. Inzwischen werde in der Vielfalt gelebt, dazu gehöre der multireligiöse Weg. „Mit unserem Friedensgebet erreichen wir auch religiös enttäuschte Menschen“, erzählt Becker. „Kirche muss nicht erneuert, Kirche muss weiterentwickelt werden.“

◼ Das Friedensgebet findet montags um 19 Uhr in der St.-Gallus-Kirche in Welzheim statt.



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