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Gemeinsam gegen den Hass

Antisemitismus ist allgegenwärtig. Er zeigt sich in Beleidigungen und Schmierereien, in Drohungen und in Anschlägen wie jenem, der an Jom Kippur in Halle verübt wurde. Worauf hoffen Jüdinnen und Juden in Baden-Württemberg? Und wer steht an ihrer Seite?

Gemeinsam gegen Hass - Antisemitismus

Symbol des Zusammenhalts: Besucher des Fachtags „Antisemitismus“ in der Stuttgarter Synagoge.
(Foto: Steffen Schmid)

An Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte ein schwerbewaffneter Angreifer, in die Synagoge von Halle an der Saale einzudringen. Als es misslang, erschoss er in der Nähe der Synagoge zwei Menschen.

Fachtag
"Antisemitismus - Jüdisches Leben in Deutschland zwischen Sicherheit und Unsicherheit"

Angesichts dieses Hassverbrechens fällt es schwer, vom alltäglichen Antisemitismus zu sprechen. Doch es ist notwendig, denn er bereitet den Boden für die Gewalt. Und so appelliert Susanne Jakubowski, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW), daran, „Antisemitismus nicht nur im Sinne von Straftaten aufzufassen“. Sie sagte dies Ende September auf dem Fachtag „Antisemitismus – Jüdisches Leben in Deutschland zwischen Sicherheit und Unsicherheit“. Die IRGW hatte den Fachtag gemeinsam mit dem Innenministerium Baden-Württemberg und „konex“ veranstaltet, dem Netzwerk des Kompetenzzentrums gegen Extremismus in Baden-Württemberg . Susanne Jakubowski wertete den Fachtag als Zeichen der Unterstützung und des Zusammenhalts. Dieser sei größer geworden in der Gesellschaft. „Erstmals stehen wir nicht allein, sondern Hand in Hand mit nichtjüdischen Menschen“, sagte Jakubowski.

So begrüßte sie in den Räumen der IRGW neben Gemeindemitgliedern und Rabbinern auch den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Landesinnenminister Thomas Strobl, Sozialminister Manfred Lucha, Landeskriminaldirektor Klaus Ziwey, den Beaufragten der Landesregierung gegen Antisemitismus Michael Blume, Polizeischüler und viele Besucher mehr. Sie alle verliehen dem Tag Gewicht und Bedeutung.

 

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Antisemitismus Fachtagung, Referentin Barbara TraubBarbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW und Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, betonte: „Der Antisemitismus richtet sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen die ganze demokratische Gesellschaft.“ Daraus folgerte sie: „Daher geht er uns alle an, und daher sind wir alle aufgerufen, dagegen aufzustehen.“ Die Menschen seien zur Freiheit geboren, erklärte Traub und forderte: „Wir alle haben die  Verpflichtung, für Frieden zu sorgen.“ Diese Pflicht leite sich aus der Thora ab, den fünf Büchern Mose. Sie beobachte, dass der Antisemitismus eine doppelte Enttabuisierung erfahre. „In den sozialen Medien wird einerseits übelster, antisemitischer Hass verbreitet. Anderseits sinkt auch die Hemmschwelle, Antisemitismus als solchen zu benennen und dagegen vorzugehen.“ Aber auch Traub sagt: Erstmals in der Geschichte sei die jüdische Gemeinschaft nicht auf sich allein gestellt.

Antisemitismus - Die Pflicht, für Frieden zu sorgen

Referent Rami SulimanRami Suliman vertritt als Vorsitzender des Oberrats der Israelitischen Religions-gemeinschaft die badischen Gemeinden. Außerdem ist er Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Suliman mahnte zur Wachsamkeit und erinnerte an die Zeit vor 1933. Noch 1928 habe die NSDAP 2,6 Prozent der Stimmen errungen, „und fünf Jahre später war die Machtergreifung“. Persönlich fühle er sich zwar sicher und sei auch überzeugt, dass der Großteil der Bevölkerung heute anders denke als während des Aufstiegs der Nationalsozialisten: „Ich weiß, dass die Mehrheit der Gesellschaft mit uns ist.“

Er berichtete jedoch auch, dass Mitglieder der Pforzheimer Gemeinde durch den wachsenden Antisemitismus verunsichert seien. Einige Mitglieder möchten keine Post mehr von der Gemeinde bekommen, um nicht als Juden erkannt werden. Suliman mahnte zur Wachsamkeit. „Wir müssen die Sicherheit der Synagogen verstärken, wir brauchen geschultes Sicherheitspersonal.“ Das Attentat von Halle, etwa zwei Wochen nach dem Fachtag, gibt Rami Suliman auf schreckliche Weise Recht. Die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ zitiert Josef Schuster, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden: „Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock.“ Und weiter: „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös. Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt. Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen.“ Nur glückliche Umstände hätten ein Massaker verhindert.

Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und in Baden zusammen rund 9000 Mitglieder. In Baden gibt es zehn Gemeinden, in Württemberg neben Stuttgart Zweigstellen unter anderem in Ulm, Heilbronn und Esslingen. Sie zu schützen ist eine der Aufgaben des Landeskriminaldirektors Klaus Ziwey. Wo beginnt diese Aufgabe? Ziwey räumte auf dem Fachtag Antisemitismus ein, dass es „ein Grundrauschen gibt, das nicht mehr angezeigt wird“. Zum Grundrauschen gehören beispielsweise Beleidigungen und Drohungen gegenüber Männern, die sich mit ihrer Kopfbedeckung, der Kippa, als Juden zu erkennen geben.

Um Extremismus besser bekämpfen zu können, wurde 2015 das Netzwerk „konex“ gegründet, das im Innenministerium angesiedelt. Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Extremismus“ bietet es Informationen und Beratung gegen religiös und politisch motivierten Extremismus an. Außerdem gibt es das bundesweite Internetportal www.report-antisemitism.de, wo antisemitische Vorfälle gemeldet werden sollen.

Antisemitismus ist wie Krebs

Reicht das? Können Jüdinnen und Juden in Deutschland ihren Glauben frei und gefahrlos zum Ausdruck bringen? Josef J. hat dazu seine eigene Meinung. Der 80-jährige kam 1995 aus Russland nach Deutschland, lebte lange in Leipzig und nun in Esslingen. Jetzt sitzt er während des Fachtags an einem Tisch und spricht mit Besuchern. „Antisemitismus ist wie Krebs“, sagt der Rentner. Was bringt Linderung? „Wir müssen eng zusammenarbeiten mit denen, die gegen Antisemitismus sind.“ Er, seine Kinder und Enkel haben keinen Antisemitismus erlebt, geben sich allerdings auch nicht als jüdisch zu erkennen, erzählt J. Dann erkundigt er sich bei dem Polizeibeamten, mit dem er am Tisch sitzt, was denn geschehe, wenn er eine antisemitische Bedrohung anzeige. „Ich melde mich. Was tun Sie? Nichts.“

Der Beamte kann dies nicht widerlegen. Er bestätigt, dass Gewalttäter erst nach mehreren Taten in Arrest kämen. J. erwähnt eine Äußerung von Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. Der hatte im Frühjahr in einem Interview gesagt: „Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen.“

Polizisten und Bürgen sollten gelegentlich Kippa tragen

Josef J. ist erbost: „Keine Kippa tragen – das ist kein Kampf gegen Antisemitismus!“ Und so empfiehlt er: „Die Polizisten sollten einmal mit Kippa herumlaufen und sehen, was passiert.“ Die Anregung von Josef J. ließe sich erweitern. Vielleicht sollten nicht nur Polizisten, sondern auch andere Bürger gelegentlich Kippa tragen. Vielleicht sollten sich die nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürger mit ihren jüdischen Nachbarn häufiger solidarisch zeigen, damit Susanne Jakubowski und Barbara Traub von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Recht behalten: "Diesmal sind wir nicht allein."


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