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Gemeinschaft leben - Bezahlbarer Wohnraum durch diakonische Einrichtungen und Kirchen

Viele Menschen finden in den Städten keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Besonders hart trifft es die Hilfsbedürftigen. Für sie schaffen diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden Wohnraum – mitten in der Stadt. So ermöglichen sie Gemeinschaft und Teilhabe.

Foto: congerdesign, pixabayWohnen in Gemeinschaft. Foto: congerdesign, pixabay

„Ein Wohntraum in perfekter Lage“, verspricht die Anzeige. 4,5 Zimmer, 133 Quadratmeter, einen kleinen Grünstreifen gibt es auch, ideal für eine Familie. Bis auf den Preis: 2940 Euro beträgt die Warmmiete. Summen wie diese sind für Neubauten in städtischen Regionen die Regel, nicht die Ausnahme.

Bezahlbarer Wohnraum für Normalverdiener und Familien fehlt überall. Das liegt auch daran, dass die Kommunen viele günstige, städtische Wohnungen verkauft haben. Außerdem hat sich die Zahl der Sozialmietwohnungen in Deutschland von 2007 bis 2019 von 2 034 000 auf 1 137 000 nahezu halbiert. Dies sind Zahlen des Bundestags.

Götz Kanzleiter, Stiftung Diakonie Wuerttemberg. Foto: PressebildDie Lage ist dramatisch. „In unseren Dörfern und Städten wird es für Menschen mit durchschnittlichen Einkommen immer schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden“, sagt Götz Kanzleiter. Er ist Geschäftsführer der Stiftung Diakonie Württemberg. „Kommen dann noch Besonderheiten oder krisenhafte Ereignisse dazu, wird es für die Betroffenen nahezu unmöglich, einen geeigneten und bezahlbaren Wohnraum anzumieten. Diese anhaltende Wohnungsnot zerstört den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“ Der renditegetriebene Immobilienmarkt befriedigt nicht die Nachfrage nach Wohnraum, den man sich leisten kann. Gebaut und luxussaniert wird für wohlhabende Kunden. Sie verdrängen die Ärmeren.

Götz Kanzleiter, Stiftung Diakonie Wuerttemberg. Foto: Pressebild

Unsere Leute haben keine Chance

Doch es gibt auch andere Akteure – solche, für die nicht das Geld im Vordergrund steht, sondern die Menschen und ihre Bedürfnisse. Überall im Land fördern diakonische Einrichtungen Wohnprojekte für diejenigen, die es auf dem normalen Wohnungsmarkt besonders  schwer haben – weil sie wenig oder kein Einkommen haben und weil sie Hilfe benötigen. Mit kleinen und größeren Projekten setzen sie Zeichen, fördern Gemeinschaft und Teilhabe und machen das städtische Leben vielfältiger.

So wie in Sindelfingen. Dort hat der im benachbarten Böblingen ansässige Verein Fortis, Mitglied im Diakonischen Werk, eine ältere Wohnung gekauft und hergerichtet. Im Juni werden drei junge Frauen einziehen, die Gewalt erfahren haben und von Fortis betreut werden. „Die Mieten sind wahnsinnig hoch, das Angebot ist knapp – unsere Leute haben da keine Chance“, sagt Vorstand Werner Thumm. „Uns wäre es am liebsten, die Kommunen würden Wohnraum zur Verfügung stellen.“ Weil das nicht klappt, wird Fortis selbst aktiv. Kauft der Verein eine Wohnung, bekommt er vom Siedlungsfonds der Landeskirche ein zinsloses Darlehen. Gekauft werden nur ältere Objekte, alles andere wäre zu teuer. Ob Miete oder Kauf, wichtig sei die Lage: „Wir suchen Wohnungen in der Mitte der Stadt“, sagt Thumm. Die Menschen sind auf öffentliche Verkehrsmittel und kurze Wege zum Einkaufen angewiesen. Mitten in der Stadt engagiert sich auch die Wohnungslosenhilfe Haus Linde. In Göppingen entsteht ein Wohnprojekt mit ambulanter Betreuung für Männer und Frauen, Paare sowie alleinerziehende Mütter und Väter.

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Das Grundstück in der Mittleren Karlstraße gehört dem Verein – ein großer Vorteil angesichts der enormen Kosten für Baugrund. Es liegt in einem Wohngebiet, „somit hat schon allein der Standort einen inklusiven Charakter“, sagt Sozialpädagoge Wolfgang Baumung vom Haus Linde. Bislang stand dort das Aufnahmehaus. „Kontakte zur Nachbarschaft führten zu Toleranz und dem Abbau von Vorurteilen gegenüber unserem Klientel.“ Das Projekt soll den Bewohnerinnen und Bewohnern helfen, ihren Alltag wieder selbstständig zu meistern und auf dem freien Wohnungsmarkt eine Bleibe zu finden.

In Wendlingen ziehen Kirchengemeinde und Bruderhaus Diakonie an einem Strang. Sie errichten einen Neubau, unter dessen Dach ein Unterstützungszentrum für Menschen mit Behinderung und ein neues Gemeindezentrum Platz finden. Der geplante Gebäudeteil der Bruderhaus Diakonie umfasst Wohnungen für 23 Menschen mit Behinderung und einen Bereich für Angebote, die den Tag strukturieren. Sonja Weiblen leitet die Behindertenhilfe der Bruderhaus Diakonie und sagt: „Dort entsteht ein offenes Haus“ – Begegnung, Arbeiten, Wohnen, „ein Haus für die ganze Stadt“.

Vorurteile werden abgebaut

Der Grundstein ist gelegt, der Bau wächst. Sobald es an die Gestaltung der Räume geht, werden die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner mitbestimmen. Ute Schwarzkopf-Binder, Leiterin Region Stuttgart der Bruderhaus Diakonie, verweist auf den diakonischen Auftrag, „im Sozialraum aktiv zu werden, Teilhabe in der Stadt zu ermöglichen und Gemeinschaft zu leben“.

In Reutlingen kooperieren Kirchengemeinde und Bruderhaus Diakonie ebenfalls. Die 1936 geöffnete Christuskirche ist in die Jahre gekommen und wird kaum noch genutzt. So suchte die Gesamtkirchengemeinde nach einer anderen Nutzung. Jetzt soll die Christuskirche zum diakonischen Zentrum umgebaut werden. Die Kirchengemeinde ist Eigentümerin und Bauherrin. Sie wird vom Kirchenbezirk Reutlingen und der württembergischen Landeskirche unterstützt. Bei der Planung und im späteren Betrieb sind die künftigen diakonischen Nutzer dabei. In zwei neuen Gebäuden will die Bruderhaus Diakonie Wohngruppen unterbringen, die Kirchengemeinde möchte zudem rund 20 Sozialwohnungen bauen.

„Es gibt bereits erste Gespräche vor allem mit Angehörigen, die für ihre mit einer Beeinträchtigung lebenden Kinder eine attraktive Wohnmöglichkeit suchen“, sagt Pfarrer Joachim Rückle, Geschäftsführer des Diakonieverbands Reutlingen. „Die allermeisten, die dort einmal wohnen werden, haben keinen Planungshorizont von drei bis vier Jahren, sondern suchen jetzt eine Wohnung.“ Das ist das Dilemma: Der Bedarf ist groß, doch vom Wunsch über die Planung bis zum Bezug vergehen Jahre. „Interessant ist für uns aber, zu einem frühen Zeitpunkt Menschen anzusprechen, die dort gerne wohnen und sich ehrenamtlich einbringen möchten“, sagt Rückle.

So soll das Gebäude im Heilbronner Quartier Neckarbogen aussehen. Foto: PressebildSo soll das Gebäude im Heilbronner Quartier Neckarbogen aussehen. Foto: Pressebild

Ein neuer Stadtteil mit innovativen Bauten entsteht auf dem Gelände der ehemaligen Bundesgartenschau in Heilbronn. Auf Baufeld M5 des Neckarbogens wird der Kreisdiakonieverband Heilbronn bauen. „Wir können dort einen kirchlich-diakonischen Akzent setzen“, sagt Geschäftsführer Karl Friedrich Bretz. Im Erdgeschoss sollen Gemeinschaftsräume und ein Bereich der evangelischen Stiftung Lichtenstern entstehen. Die Obergeschosse bieten Platz für zehn Einheiten, dort können ältere Menschen einziehen. Hierfür werden Mittel der Stiftung Seniorenstift Fuchs verwendet. Die Wohnungen werden so gestaltet werden, dass sie bei Pflegebedarf nachgerüstet werden können.

Die fünf Beispiele zeigen: Diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden finden viele Wege, um Orte der Begegnung und Lebensräume zu gestalten. Sie setzen Akzente in den städtischen Quartieren – und schaffen leistbaren Wohnraum für diejenigen, die sonst auf dem heißgelaufenen Immobilienmarkt untergehen würden.