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Gemeinsinn als Dünger - Urbanes Gärtnern - "Klimafasten" (Teil 7)

Andreas Zeger ist schon oft in seinem Leben neue Wege gegangen. Sein jüngstes Projekt ist die Wiederbelebung einer Brachfläche in Stuttgart-Weilimdorf. Mit vielen Mitstreitern sorgt er im Verein „Chloroplast“ dafür, dass es dort wieder grünt und blüht.

Das Gewächshaus war eine Müllhalde, heute wachsen Kürbisse und eine Hängematte von der Decke. Foto: Chloroplast e.V.Das Gewächshaus war eine Müllhalde, heute wachsen Kürbisse und eine Hängematte von der Decke. Foto: Chloroplast e.V.

Es gehört schon Fantasie dazu, sich an diesem Morgen im März das Vereinsgelände von Chloroplast als grüne Oase vorzustellen. Noch dominiert das Grau des Asphalts und das Braun der Holzkisten, die als Hochbeete auf dem Gelände am Stadtrand von Weilimdorf verteilt sind. Chloro bedeutet auf Griechisch grün, in den aufgeständerten Holzkisten ist davon jedoch nicht viel zu sehen. Nur ein Stängel mit Rosenkohl ragt leuchtend grün heraus. Vor dem Gewächshaus steht eine kuriose Installation, eine Kuppel, unter der sich Gartenzwerge auf Silberfolie tummeln. Dahinter verteilt sich eine Familie mit zwei kleinen Kindern auf Sitzmöbeln aus Paletten. Gleich gibt es Mittagessen: Würstchen vom Grill.

Urbanes Gärtnern - Exotische Kräuter und Zucchini

Wer sich hier trifft, gehört nicht zur klassischen Schrebergarten-Klientel. Die rund 40 Hobbygärtner-innen und -gärtner, die bei Chloroplast im Verbund mit anderen etwas anstoßen wollen und dabei unter anderem Zucchini, Tomaten, Kartoffeln und Kräuter anpflanzen, sind in der Regel zwischen 30 und 40 Jahre alt. Sie leben in der Stadt, viele Designer und Architekten sind darunter, Erzieherinnen und Künstler. Im Gewächshaus kümmert sich Huang Thran gerade um seine Kräuter: Der Ingenieur hat das, was man einen grünen Daumen nennt. Nach Feierabend zieht er hier Wasserspinat, Koriander, Sonnenblumen und thailändischen Salat. „Den kann man roh essen, aber auch kochen, schmeckt beides“, sagt er.

Andreas Zeger vor der mobilen Küche: ein Ergebnis der Zusammenarbeit mit Architekturstudenten. Foto: Dorothee SchöpferAndreas Zeger vor der mobilen Küche: ein Ergebnis der Zusammenarbeit mit Architekturstudenten. Foto: Dorothee Schöpfer

Der Frühling hat gerade erst begonnen, doch die Corona-Pandemie legt das Vereinsleben von Chloroplast gerade lahm. Jetzt wären eigentlich gemeinsame Aktionen angesagt: das Frühlingsfest, die Samenbörse, das Bestellen der Gemeinschaftsbeete. Daran ist nicht zu denken. Andreas Zeger ist Gründer von Chloroplast und Vorstand im Verein. Derzeit verbringt der 59-jährige Kunsterzieher sehr viel Zeit im Gewächshaus, um die Keimlinge zu pflegen. Er könnte jetzt sorgenvoll den Kopf hängen lassen. Aber das ist nicht seine Art. „Eine Krise ist immer auch eine Chance. Gerade jetzt wird deutlich, wie wichtig ein Projekt wie Chloroplast ist. Wir zeigen, dass auf einer versiegelten Fläche so viel wachsen kann: Pflanzen, aber auch Gemeinschaft und sozialer Austausch“, sagt Zeger.

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Seit fünf Jahren ist der Verein auf dem Gelände zugange, das einer Gärtnerei gehörte, die in die Insolvenz ging. Das Gewächshaus glich einer Müllhalde, die Werkstätten und das Bürogebäude standen leer. Ein öder, vernachlässigter Ort, ein Sorgenkind der Stadtverwaltung. „Ich habe gleich gesehen, dass dieses Gelände ein großes Potenzial hat“, erinnert sich Zeger an seinen ersten Besuch. Der ehemalige Leiter einer Jugendkunstschule hat schon öfter eine Spürnase bewiesen: Er hat in Tübingen ein Kulturzentrum in einer ehemaligen Brauerei mitentwickelt und im Verbund mit anderen Künstlern die Stuttgarter Wagenhallen als Atelierräume neu erdacht. Chloroplast in Weilimdorf ist mehr als ein Refugium für gestresste Großstadtmenschen. Hier geht es auch um Kultur und um das soziale Miteinander im Stadtteil: Im ehemaligen Bürogebäude der Gärtnerei, die 2006 ausgezogen ist, hängt eine Zeichnung mit einem Porträt von Angela Merkel neben großformatigen Fotos. Eins zeigt einen Berg von orangefarbenen Rettungswesten, dahinter planschen Badende. Die Werke sind bei Kunstwork-shops mit Jugendlichen und Erwachsenen aus dem Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft entstanden.

Urbanes Gärtnern - Mit wenig viel machen

Auch mit der Uni Stuttgart und der Uni Hohenheim hat Chloroplast schon Projekte gestemmt. Entstanden ist dabei unter anderem eine mobile Küche für draußen, die Architekturstudenten entwickelt haben. Im Sommer wird auf der Wiese gezeltet – jedes Jahr kommen auf Einladung der Arbeiterwohlfahrt Jugendliche aus der ganzen Welt auf das Gelände. Gemeinsinn und Offenheit, das ist der Dünger, mit dem die Chloroplasten arbeiten.

In den Werkstätten der Gärtnerei wird heute wieder gewerkelt, vor allem mit Holz. In Reih und Glied hängen die Werkzeuge an der Wand, die meisten sind gespendet. Kürzlich hat sich einer ein Bett gebaut aus alten Eichenbohlen. Am Rand des Geländes steht ein ausgebauter Bauwagen, der eine Zeit lang von einer Bühnenbildnerin bewohnt wurde. Auch das hat die Holzwerkstatt möglich gemacht. „Wir wollen hier ein Zeichen setzen gegen die Wegwerf-Gesellschaft“, sagt Zeger.

„Wir holen Sachen, die andere wegschmeißen, und zeigen: Man kann mit wenig viel machen.“ Übrig gebliebene Brocken aus Carrara-Marmor verleihen einer Kräuterspirale auf der Wiese Stabilität, recycelte Bodenplatten laden auf Lehmbänken zum Sitzen ein. Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat dem Verein bei einem Besuch bescheinigt, gute Arbeit zu machen.

Zu Jahresanfang hat die Stadt das Gelände gekauft. Ob die urbanen Gärtnerinnen und Gärtner, die Künstler und Weltveränderer weiter erwünscht sind, steht noch nicht fest. Andreas Zeger hofft, dass der Verein wenigstens weitere fünf Jahre bleiben kann. „Hier kann so viel gedeihen, das Effekte für die ganze Stadt hat“, ist er überzeugt.

Information

Das Gelände von Chloroplast ist öffentlich zugänglich, Solitudestraße 99, Stuttgart-Weilimdorf, E-Mail info@chloroplast.eu. Weitere urbane Gärten in Stuttgart sind zu finden auf dem Dach des Züblin-Parkhauses in der Innenstadt, bei den Wagenhallen im Stadtteil Nord oder auf der Kulturinsel in Bad Cannstatt.

Das Amt für Stadtplanung und Wohnen berät und fördert urbane Gemeinschaftsgärten, mehr im Internet unter www.stuttgart.de/urbanegaerten, Telefon 0711-216-20325.

Auf der Internetseite www.urbangardening.eu sind mehr als 700 städtische Gemeinschaftsgärten deutschlandweit verzeichnet, man kann sie nach Postleitzahlen sortiert finden. Das Umweltbüro der Landeskirche hat neben dem Anlegen von Gemeinschaftsgärten noch andere Ideen gesammelt, mit denen gemeinsame Veränderungen für den Klimaschutz angestoßen werden können.

Zu finden sind Vorschläge für Brotaufstriche und mehr unter www.klimafasten.de

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