Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gerecht muss es zugehen

 

 

Warum kann Gott nicht machen, dass es allen Menschen gleich gut geht? Diese Frage beschäftigt die Menschen quer durch die Jahrhunderte. Schon die Psalmen berichten von Ungerechtigkeiten auf der Welt. Doch was ist gerecht und was können Menschen tun?

Gerechtigkeit hat auch immer mit Beziehungen zu tun. Foto: adobe stock/ Tom Bayer


In den Kinderbüchern von Astrid Lindgren über Michel aus Lönneberga ist die tiefe Sehnsucht Michels nach Gerechtigkeit eines der Leitmotive für seine zahllosen „Streiche“. Für Michel muss es gerecht zugehen in der Welt. Geht es aber nicht. Und so streitet Michel mit seinem – aus seiner Sicht – starrköpfigen Vater für seine Rechte und für die Rechte vieler anderer in Lönneberga. Später wird der kleine Junge – so erzählt es Astrid Lindgren mit Schalk im Nacken – selber Gemeinderatspräsident in seiner Heimatgemeinde. Denn Politiker müssen und können für den gerechten Ausgleich der Interessen sorgen.

Menschen spielen eine Rolle

Gerecht muss es zugehen in der Welt. Das wünschen sich viele. Menschen erleben aber in unzähligen Bereichen, dass es aus ihrer Sicht eben nicht gerecht zugeht. Menschen werden für ihre Arbeitsleistung sehr unterschiedlich bezahlt. Nicht wenige „systemrelevante“ Angestellte wie Kassiererinnen und Krankenpfleger verdienen im Vergleich mit anderen eher wenig. Wenn auf die weltweite Verteilung von Einkommen und Reichtum gesehen wird, wird es noch deutlicher: Die Einkommensverteilung ist in den Ländern der Welt sehr ungleich. Die Reichen wurden noch reicher, und die Armen wurden noch ärmer. Das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr Vermögen als der gesamte Rest der Weltbevölkerung zusammen.

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Für Kirche und Theologie ist die Frage nach dem gerechten Ausgleich in besonderer Weise wichtig. Wenn Gott der Schöpfer ist, warum gibt es dann so viel Ungerechtigkeit in der Welt? Wie kann Gott mit dieser Ungerechtigkeit auf seiner Welt leben? Wenn Gott der gerechte, ausgleichende Stifter ist, warum gibt es dann so ungleiche Lebensverhältnisse in der Welt? Diese Fragen stellen Menschen zu allen Zeiten. Sie stellen sie aber besonders in Krisenzeiten, in denen die Ordnung der Welt besonders strapaziert wird.

Schon die Psalmen, die Lieder des Alten Testaments, singen von dieser Ungleichheit an vielen Stellen. „Lass enden der Gottlosen Bosheit, den Gerechten aber lass bestehen; denn du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren“ (Psalm 7,10). „Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen, da ich sah, dass es den Frevlern so gut ging. Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund und feist ist ihr Leib. Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt“ (Psalm 73,3-5).

Christinnen und Christen glauben an Gott als den Schöpfer, der die Welt gut und lebenswert geschaffen hat. Es lässt sich hier leben, und oft auch gut. Perfekt ist die Welt nicht. Und wohl und weise geordnet ist sie auch nur im Grundsatz. Für mich ist eines der schönen Bilder für diese Schöpfungsvorstellung der Bau eines neuen Hauses: Das Haus wird so errichtet, dass Menschen darin leben können. Wie sie das Haus einrichten und wie sie dort leben, entscheiden die Bewohnerinnen und Bewohner selber. Was in diesem Haus so passiert im Lauf der Jahre und Jahrhunderte, hat mit dem Ursprungsgedanken oft gar nicht mehr so viel zu tun. Häuser werden durch ihre Bewohner immer wieder umgebaut und umgestaltet. Menschen spielen also bei der Unordnung und Ungerechtigkeit des Weltgeschehens die entscheidende Rolle. Von nichts kommt auch nichts. Es sind schon wir Menschen, die für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sorgen.

Die christliche Theologie lebt davon, dass das Reich Gottes mit Jesus aus Nazareth begonnen hat – aber bis zur Vollendung des vollkommenen Reichs Gottes dauert es noch. Es wird kommen. Gott aber begrenzt sich in seiner Schöpfung selbst. Gott stellt die Füße der Menschen „auf weiten Raum“ (Psalm 31,9), der ihnen sehr viel Platz zur Gestaltung lässt – so oder so. Menschen träumen sich manchmal in die „schöne neue Welt“: „Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petrus 3,13). Während dieses Wartens arbeiten Christinnen und Christen mit vielen anderen zusammen am Abbau der Dunkelheiten und an der Einhegung der Abgründe des Lebens. Da gibt es überall auf der Welt Aufgaben und reichlich Möglichkeiten für das Engagement für die Gerechtigkeit aller und den Ausgleich der Interessen.

In der Bibel ist die Gerechtigkeit Gottes ein Leitmotiv. Biblisch unterscheidet sich das Gerechtigkeitsdenken aber von unserem sehr auf Ausgleich bedachten Gerechtigkeitsdenken fundamental: Gottes Gerechtigkeit zielt in der Bibel auf Beziehung. In Gemeinschaft wird der Mensch zum Menschen. In Beziehung ist es unsere Aufgabe, einander in unseren jeweiligen Bedürfnissen zu respektieren.

Eine der Grunderfahrungen des biblischen Denkens ist die Rettung des Volkes Gottes aus Ägypten. Dieser „Exodus“, der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten, ist das theologische Leitbild für den jüdischen Glauben. Juden und Christen glauben an einen Gott, der die Menschen aus gottlosen Abhängigkeiten und Beziehungen herausführt. Christinnen und Christen glauben an einen Gott, der in einzigartiger Weise die Freude in den Mittelpunkt des Glaubens gestellt hat. „Das Christentum ist eine einzigartige Religion der Freude“, sagt der Theologe Jürgen Moltmann. Auf das Kreuz von Golgatha folgt die Sonne der Auferstehung.

Die Gerechtigkeit, die bei Gott gilt, wird in Gottes Reich vollkommen sein. Wir leben aber – noch – in der Welt und auf dem Weg zu diesem Reich. Menschen leben als Freunde Gottes. Diese Freundschaft hat gute Zeiten, aber auch angespannte, lauere Zeiten. Wie es jede gute Freundschaft eben hat. Kennzeichen von guter Freundschaft ist das Eintreten für die anderen. Freundschaft gibt es nicht ohne tief empfundene Solidarität und ohne den Einsatz für meine Freundinnen und Freunde. Den christlichen Glauben gibt es darum auch nicht ohne die tätige Nächstenliebe und ohne den Einsatz für die Gerechtigkeit aller Freundinnen und Freunde Gottes. Dieser Einsatz gilt weltweit in der einen Welt Gottes. In der Geschichte der Kirche hat es darum zahlreiche Bewegungen gegeben, die die Ungleichheit der Verteilung der Güter und Lebenschancen zum Leitmotiv hatte. 2020 ist Ernesto Cardenal, katholischer Priester, nicaraguanischer Politiker und Dichter, in Managua gestorben. Cardenal wollte die Welt aus tiefer christlicher Überzeugung zu einer besseren machen – mit seiner Dichtung, aber auch mit seinem politischen Engagement. In seinen Büchern wie den „Psalmen“ oder „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“ veröffentlichte er seine an der Befreiung aus ungerechten Verhältnissen orientierte Theologie, ganz ausgerichtet auf die an Armut und sozialem Elend leidenden Menschen in Nicaragua. Die Botschaft Jesu ist für Cardenal wie für viele Theologinnen und Theologen Lateinamerikas eine Theologie der Befreiung. Beim Gedenkgottesdienst für Ernesto Cardenal in der Kathedrale von Managua haben Anhänger der sandinistischen Regierung von Daniel Ortega Fotografen und Besucher attackiert. Die Theologie von Ernesto Cardenal ist für viele heute noch anstößig und nicht willkommen.

Gott führt aus Abhängigkeit

Zahllos sind Christinnen und Christen, die sich für die Bewahrung der Schöpfung und für Gerechtigkeit einsetzen. In Europa ist das erstaunliche aktive Engagement sehr vieler Jugendlicher und Erwachsener von „Fridays for Future“ gegen den Klimawandel und die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf der Erde Ausdruck des Willens, die Zerstörung der Welt nicht hinzunehmen. Dort engagieren sich auch viele Christinnen und Christen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ Die Jugendlichen sind überzeugt, dass eine andere und bessere Welt möglich ist. Aus der Perspektive der einen ganzen Welt werden zu dieser Klimabewegung kritische Stimmen laut. Sie sei eurozentristisch und von einem westlichen Weltbild geprägt. Die Zukunft – so wird kritisiert – werde dem globalen Süden schon seit Jahrhunderten geklaut. Der Norden der Erdkugel beute Rohstoffe und Güter des Südens seit Jahrhunderten gezielt aus. Für Christinnen und Christen bleibt es Auftrag Gottes und Aufgabe der Menschen, das Leben auf der Erde auf dem Weg ins Himmelreich möglichst freundschaftlich und umsichtig zu gestalten. Der Ausgleich der Interessen aller Lebewesen auf der Erde ist dabei Maßstab und Ziel. Michel aus Lönneberga bringt es so auf den Punkt: „Gerecht muss es zugehen auf der Welt.“

Autor

Christian Kopp ist Regionalbischof der evangelischlutherischen Kirche für München und Oberbayern.