Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gestrandet in Griechenland

Die Not der einfachen  Menschen ist groß in Griechenland. Am schlimmsten geht es den Flüchtlingen, die fast gar keine Chance mehr auf Arbeit haben. Die Evangelische  Auslandsgemeinde in Thessaloniki hat ein Hilfsprojekt für sie gestartet, das Hoffnung  macht. Ein Besuch an Ort und Stelle, wo Deutsche, Griechen und Gestrandete aus aller Welt sich treffen und etwas bewegen wollen.

Fahima versteht etwas vom Nähen, aber es ist derzeit nicht einfach, seine Produkte loszuwerden.
(Foto: Gemeindeblatt)

Würde die deutsche evangelische Auslandsgemeinde in Thessaloniki nicht mit Unterstützung des Diakonischen Werkes Württemberg Mohammeds Miete bezahlen,  säßen er und seine Familie auf der Straße. „Naomi“ heißt das Hilfsprojekt, das die Evangelischen vor vier Jahren ins Leben gerufen haben. Um die schlimmste Not zu lindern und den Menschen am Rande der griechischen Gesellschaft wieder ein bisschen Hoffnung zu geben.

Fahima strahlt, wenn sie zu „Naomi“ kommt. Setzt sich mit großer Freude an die Nähmaschine und lässt sich  von Mieke Sellin weitere Kunstgriffe beibringen. Mieke, eine gebürtige Holländerin, ist Modedesignerin und lebt mit ihrem deutschen Ehemann Burkhart seit langem in Thessaloniki. Beide  gehören sie zu den engagiertesten Ehrenamtlichen der evangelischen Kirchengemeinde. Von Mieke lernt Fahima nicht nur, wie man schöne Designer-Taschen herstellt, sondern auch, wo man sie verkaufen kann: auf dem Basar der deutschen Gemeinde etwa oder in Deutschland selbst.   

Die Kontakte nach Deutschland sind vielfältig. Zu den größten Brückenbauern gehören diejenigen, die in Griechenland geheiratet haben: Dorothee Vakalis zum Beispiel, die als Pfarrerin 34 Jahre lang die deutsche Auslandsgemeinde geleitet hat. Ihr Mann starb vor ein paar Jahren, aber ihr Herz schlägt bis heute für das Land am Mittelmeer: „Ich lebe  sehr gerne hier“, sagt sie, und dass sie es  ganz furchtbar findet, „was über Griechenland in Deutschland gerade verbreitet wird“.

Es ist das Bild der faulen Griechen, die die Hand aufhalten und täglich neue Forderungen stellen. Die auf andere zeigen, statt die Probleme selbst anzupacken. Die nicht wirklich etwas tun, damit es in ihrem Land wirklich vorangeht.

„Es gerät doch völlig in Vergessenheit“, sagt Dorothee Vakalis, „dass es hier eine große Zivilgesellschaft gibt.“ Eine engagierte Gruppe von Menschen aus Griechenland, die helfen, wo es nur geht. Die mitarbeiten in Nichtregierungsorganisationen, die das Essen austeilen bei Armenspeisungen und als Ärzte unbezahlten Dienst tun für die, die sich keine medizinische Versorgung leisten können.

Auch die orthodoxe Kirche Griechenlands kümmert sich um die Bedürftigen. Bischof Varnavas redet mit eindringlicher Stimme, wenn er davon spricht, was sich in der Krise alles getan hat. „Ein Wunder“, sagt er, sei es, dass „Arme Arme unterstützen.“ Dass in Griechenland die, die wenig haben, denen geben, die noch weniger haben.

Die Politik kritisiert er lieber nicht, durchaus heikel ist die Stellung der orthodoxen Staatskirche, die zahlreiche Privilegien besitzt und deren Pfarrer Staatsbeamte sind. Seit die neue linke Regierung an der Macht ist, werden die kritischen Stimmen lauter, dass sich auch hier etwas ändern sollte.

500 Arme bekommen in der orthodoxen Allerheiligen-Kirche täglich ein warmes Essen. Die Zahl ist deutlich angestiegen in den  letzten Jahren, ganz normale Familien sind darunter und immer mehr Menschen ohne festes Dach über dem Kopf. „Es gibt bei uns keine Diakonie wie in Deutschland“, sagt Priester Alexandros Caracasis, „hier müssen die Gemeinden alles selbst organisieren.“

Auf einer Anhöhe am Rande von Thesssaloniki tut Sozialarbeiterin Irida Pandiri Dienst. Manchmal dauert es Monate, bis die 30-Jährige ihren Lohn bekommt. In Griechenland ist es normal geworden,  dass Gehälter nicht mehr pünktlich bezahlt werden.

Den eigentlichen Lohn bekommt  sie von den Jugendlichen, die sie betreut. Von ihrer Fröhlichkeit und ihrer Dankbarkeit. Es sind Flüchtlinge, die auf der Strecke geblieben sind. Minderjährige Jungs, die ohne ihre Eltern ins Land kamen und eine Heimat suchen, in Griechenland, aber viel häufiger darüber hinaus. Weil dort vielleicht Verwandte sind oder sie von einem besseren Leben in einem Land  träumen, das Arbeit und eine Perspektive für sie bietet.

Mahdi (16) aus Afghanistan ist guter Hoffnung, dass er zu Verwandten in die Schweiz weiterreisen darf. Morteza (15) würde so gerne nach Deutschland gehen, aber das ist ohne Familienanschluss nicht so einfach möglich. Sechs Monate war er in einem der gefürchteten Aufnahmelager für Flüchtlinge, die in Wahrheit ein Gefängnis sind. Er hat eine Missbildung an den Beinen und wartet auf eine Operation, damit er wieder richtig gehen kann.

Irida Pandiri und die Organsiation ARSIS helfen, so gut es nur geht: Bei der Vermittlung von Schulen, von Arbeitsplätzen, der psychologischen Betreuung traumatiserter Jugendlicher und bei der Freizeitgestaltung. Vor allem geht es jedoch um Familienzusamenführung, um den Weg in jenes Land, in das die Eltern, Geschwister oder Großeltern geflohen sind. „Bayern München“, sagt Morteza aus Afghanistan ganz plötzlich. Wenn er wieder richtig laufen kann, will er am liebsten dorthin ins Stadion gehen.

Erntedank hat die deutsche Gemeinde in Thessaloniki gemeinsam mit den Flüchtlingen des Naomi-Projekts gefeiert. Daneben gibt es eine große Zahl weiterer Menschen, die von der evangelischen Auslandsgemeinde in Thessaloniki unterstützt werden: Es sind vor allem Deutsche, die in Griechenland leben und in Schwierigkeiten sind. „Alles  ist extrem seit dem Ausbruch der Krise“, sagt Sozialarbeiterin  Alexia Xiromeriti. Ging es früher hauptsächlich um Beratung, Begleitung und Gespräche, sind heute existenzielle Nöte in den Mittelpunkt gerückt: Geld, Essen, Kleidung, bei vielen fehlt es inzwischen an fast allem.

Die evangelische Gemeinde in Thessaloniki ist die einzige Auslandsgemeinde in Europa, die eine eigene Sozialarbeiterin angestellt hat.  Die Blutspenden organisiert, weil es auch auf Blutkonserven kein  Anrecht gibt in Griechenland.

Die Wurzeln der Gemeinde gehen bis ins Jahr 1896 zurück, als deutsche Eisenbahnarbeiter ins Osmanische Reich kamen. Heute sind viele der 350 Gemeindemitglieder deutsche Frauen, die einen griechischen Mann geheiratet haben.

Das ist auch der Grund dafür, dass der Gottesdienst immer am Donnerstag Vormittag stattfindet: Der Sonntag ist den Familien vorbehalten und zuweilen der orthodoxen Kirche, der die Ehemänner angehören. 




AbrechnungPetros Markaris
Abrechnung
Diogenes Taschenbuchverlag
10,90 €

 

 

 

 

Die Lage in Griechenland als spannender Krimi.