Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gottesdienst mit Drehbuch

SCHORNDORF – Die evangelische Stadtkirche und Kirchengemeinde Schorndorf sind für den ZDF-Fernsehgottesdienst ausgewählt worden. Zehn Monate haben die Vorbereitungen gedauert, ehe es dann am 24. Februar live auf Sendung ging. Ein Blick hinter die Kulissen. 


Kamera ab: Rund 30 Leute vom ZDF sorgen dafür, dass die Stadtkirche in Schorndorf ein gutes Bild abgibt.
(Foto: Dorothee Fauth)


Als vom Turm der Stadtkirche die Glocken läuten, beginnt ein Gottesdienst, an den sich die Gemeindemitglieder noch lange erinnern werden. Eine Wagenburg aus mehreren Lastwagen umzingelt ihr Gotteshaus, in dem zwei Tage zuvor noch mächtig Strippen gezogen wurden. Nun können sie erzählen, wie es sich anfühlt, wenn man seine Lieder und Gebete mit fast 600.000 Zuschauern teilt.
Die Stadtkirche war Drehort des Fernsehgottesdienstes, den das ZDF jeden Sonntag um 9.30 Uhr live ausstrahlt – immer abwechselnd aus einer evangelischen und einer katholischen Gemeinde. Damit erfüllt der Sender einen Staatsvertrag, der den Kirchen eine angemessene TV-Zeit gewährt. Die Kandidaten müssen aber zahlreichen Kriterien genügen.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

„Zuerst einmal muss die Kirche attraktiv sein und eine Ausstrahlung haben“, sagt Elke Rudloff, Fernsehbeauftragte der evangelischen Kirche, die mit fachlichem Blick für räumliche Anforderungen in ganz Deutschland nach Gemeinden sucht. „Dann sind logistische Kriterien ausschlaggebend, außerdem brauchen wir begabte Prediger aus der Gemeinde und gute Kirchenmusik“, erklärt sie. Schorndorf hat geliefert.

„Die Stadtkirche bietet optimale Verhältnisse“, meint auch ZDF-Produktionsleiter Steffen Heinemann am Freitag vor dem Fernsehgottesdienst, an dem der Aufbau beginnt. Die Lkw können nah an der Kirche stehen und der Innenraum sei nicht zu hell, denn: „Gegen Sonnenlicht kommt man nicht an, das erzeugt nur Nebel im Bild.“ Stattdessen bauen Mitarbeiter 65 Scheinwerfer auf und verlegen zum Teil gartenschlauchdicke Kabel. „Drei Kilometer werden es wohl sein“, schätzt Veranstaltungsmeister Michael Martin. Das ganze Gotteshaus steht sozusagen unter Strom.

Der Aufwand an Menschen, Material und Technik ist enorm. Mit 25 bis 30 Leuten ist das ZDF für drei Tage Aufbau, letzte Proben und Sendung angerückt. Redaktion und Regie, Produktionsleitung, Kamerafrauen, Beleuchter, Tonmeister, Techniker und ihre Mitarbeiter. Doch von Hektik keine Spur. Hier sind Profis am Werk und die Kommunikation muss laufen wie ein Zahnrad. Wie viel das alles kostet, verrät der öffentlich-rechtliche Sender nicht.

Überwiegend junge Hilfskräfte laden Kiste um Kiste aus den Lkw: Scheinwerfer, Stative, Kameraausrüstung, Kabeltrommeln. Dazu mehrere Feuerlöscher. „Vorschrift“, sagt ein Mitarbeiter. Die vier Kameras müssen positioniert, Mikrofone ausgesteuert werden. Auf der Orgelempore wird das Mischpult für die Lichtsteuerung ­aufgebaut. Ein Blick hinein in den Übertragungswagen mit seinen vielen Bildschirmen und hunderten von Schaltern und Reglern zeigt, dass Regie und Redaktion noch am letzten Schliff für den Ablauf tüfteln.

Wenn Pfarrerin Dorothee Eisrich den Gottesdienst eröffnet, wird kein Fernsehzuschauer bemerken, dass die Sender bei der Liveübertragung ein wenig tricksen. Denn die Begrüßung aus der Seitenkapelle hat man aus technischen Gründen schon am Tag zuvor aufgezeichnet. Sie wird von der Regie im Ü-Wagen zugespielt.

Die Schorndorfer Stadtkirche wird gerne als Ruhepol genutzt. Doch an diesem Tag staunen Bürger und Besucher vor allem über die Baustelle. Ein Paar möchte den Gottesdienst dennoch lieber am Fernsehgerät anschauen – vielleicht mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Skeptisch äußert sich ein älterer Herr. „Für mich ist das kein normaler Gottesdienst“, sagt er, „ich hoffe nur, dass der liebe Gott auch dabei ist.“

Dagegen verwehrt sich Silke Stürmer, eine der drei Pfarrerinnen, die den Gottesdienst gestaltet haben. „Das wird keine Show“, sagt sie. „Unser Ziel ist ein authentischer Gottesdienst, und wir hoffen, dass der Funke überspringt.“ Dafür haben das Pfarrerinnen-Trio und ihre Mitwirkenden sehr lange und viel gearbeitet. Zehn Monate zuvor begannen die Vorbereitungen. „Es sollte ein thematischer Gottesdienst entstehen, der eine Resonanz in der Gemeinde hat“, sagt Silke Stürmer. „Als Geburtsstadt von Gottlieb Daimler war das Thema Zeit naheliegend.“ Zeit als etwas Hoffnungsvolles, Verlorenes, Vergangenes. Als Augenblick, in dem man Gott begegnet.

„Augen auf für die Ewigkeit“ ist dieser Fernsehgottesdienst daher überschrieben. Darüber reflektierte nicht nur Dekanin Juliane Baur in ihrer Predigt. Pfarrerin Silke Stürmer verfasste eine Sprechmotette, es gab Statements von Schorndorfern sowie eine Betrachtung des wunderbaren Jedermann-Fensters der Kirche, auf dem Mose und der brennende Dornbusch dargestellt sind. „Es wurde ein minutiöses Drehbuch erstellt und jeder Beitrag sekundengenau gestoppt“, erzählt Silke Stürmer. „Wir haben sogar eine dreitägige Schulung in Berlin bekommen mit Sprechübungen und um zu lernen, wie man vor der Kamera agiert.“ Dann hieß es proben, proben, proben.

Dafür hat sich auch die Schülerin Josephine Tamahogh, die gerade Abitur macht, Zeit genommen. Sie erzählt in einem der Statements, dass sie die Zeit am liebsten angehalten hätte, als ihr kleiner Bruder drei Monate zu früh geboren wurde. „Zwei Tage habe ich gebraucht, um zu entscheiden, dass ich mitmachen will“, gesteht sie. Und: „Es ist schon etwas Besonderes.“

„Man wird hier professionell begleitet“, sagt Dorothee Eisrich. Die Pfarrerin sorgt als Moderatorin für den roten Faden, gestaltet Übergänge. „Das ist eine ganz andere Liturgie als in gewöhnlichen Gottesdiensten, statt der strengen Aufteilung in Gebet, Gesang und Predigt gibt es weitere Elemente wie Bilder, Sprecher, ein Instrumental- und Vokalensemble.“

Im Fernsehen wird (fast) nichts dem Zufall überlassen. Die einzige Unbekannte: Ob die Kirchgänger das Gotteshaus füllen werden. „Wir senden auch bei 50 Personen“, hatte Produktionsleiter Steffen Heinemann gesagt. Doch die Schorndorfer Stadtkirche ist mit gut 600 Menschen rappelvoll, die ihre Aufgabe ebenfalls meistern: engagiert singen und nicht in die Kamera schauen. Am Ende zählt auch das Ergebnis, nicht nur die 5,9 Prozent Marktanteil im ZDF. „Die Resonanz aus der Gemeinde war großartig“, sagt Silke Stürmer. Von „sehr berührend“ bis „Ich habe meine Kirche ganz anders erlebt“.

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen