Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gottesliebe und Gotteserkenntnis - Impuls zur Predigt

Jeremia 9,22-23 (in Auszügen) Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden.

 

Gottesliebe und Gotteserkenntnis

Impuls für den Sonntag Septuagesimä: Jeremia 9,22-23.

Von Hans Martin Dober

Der promovierte Theologe Hans Martin Dober ist Pfarrer in Tuttlingen und Professor an der Universität Tübingen. Foto: Privat

Eigenlob stinkt und Bescheidenheit ist eine Zier, sagt der Volksmund. Doch wie auch immer jemand von sich selbst denkt und redet, ob er, ob sie sich gern in Szene setzt, oder sich lieber im Schatten hält ohne das Bedürfnis nach Selbstdarstellung: Das Selbstwertgefühl steht auf dem Spiel in dem, was wir können und wer wir sind. Es wäre schlecht um uns bestellt, wenn wir die Fähigkeiten nicht loben würden, die lobenswert sind, die Handlungen, die unsere Bewunderung hervorrufen, die Einsichten, die wahr sind, die Menschen, die im Laufe ihres Lebens etwas erreicht haben. Das Licht, das es auf Erden gibt, auch das Licht, das Menschen verbreiten, ist nicht unter den Scheffel zu stellen. Es soll leuchten, damit auch andere daran teilhaben. Denn jeder habe einmal einen großen Beifall verdient, heißt es am Ende des Films „Wunder“ aus dem Jahr 2017, der davon handelt, wie ein Schüler mit einer seltenen medizinischen Gesichtsdeformation um seine Anerkennung kämpfen muss.

Theologe Hans Martin Dober ist Pfarrer in Tuttlingen und Professor an der Universität Tübingen. Foto: PrivatWir wollen wissen, wer wir sind, können dieses Wissen aber nicht ohne die anderen erlangen. Damit wir uns überhaupt im Spiegel von ihrer Zustimmung oder Ablehnung selbst gewinnen können, braucht es ein Stück Darstellung unserer selbst. Wir müssen „sprechen“ durch Worte, Kleidung, Stil, damit andere uns „sehen“ können. Das gilt für alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch das Zwischenmenschliche weist über sich hinaus mit der Sehnsucht, die Hermann Cohen, der große Philosoph der Religion, als psychischen Faktor des Gottesgedankens erkannt hat: In dem Verlangen nach Gott besteht die Religion. In dem Verlangen nach einem Wesen außer dem Menschen, aber für den Menschen besteht sie. Damit hat er, wie nebenbei, die Sprache der Psalmen erklärt.

Eine Ethik der Verantwortung

Das ist ganz im Sinne des Jeremia gesagt, der in der Gottesbeziehung die Antwort auf unser Bedürfnis nach Anerkennung, nach Würdigung dessen, was wir können und sind, aber auch nach Trost festgehalten hat, wenn wir scheitern. Ihm zufolge ist die Erkenntnis Gottes mehr zu loben als alles andere – im Hebräischen ist das auch ein Lieben. Gott hat den Menschen mit Erkenntnis begabt, und die menschliche Gottesliebe besteht im Streben nach immer tieferer und reicherer Gotteserkenntnis: Eine Wechselbeziehung ist das, in der die Frage, wer wir sind, verwiesen wird auf die andere, was Gott von uns erwartet, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden. Mitgefühl, Selbstachtung und Menschenwürde hängen hier ganz eng mit einer Ethik der Verantwortung zusammen, die sich auf alle Menschen erstreckt.

Doch diese Ethik verweist auch wieder in den Bereich der Religion. Deren höchste Frucht ist der „Seelenfriede“, wie es am Ende von Cohens spätem Werk „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ heißt. Ohne Erkenntnis Gottes als Teil der Gottesliebe wird solcher Friede nicht zu erlangen sein. In dieser Spur hat auch Dietrich Bonhoeffer die berühmten Sätze aus dem Tegeler Gefängnis geschrieben, in dem er einsaß, weil er sich mit dem Unrecht im Nazistaat nicht zufriedengeben wollte und konnte. Weil er für die verfolgten Juden eingetreten war.

Edelsteine. Gemstones. Foto: Sarah K. Graves, pixabayWertvoll. Kostbar. Edelsteine. Foto: Sarah K. Graves, pixabay

Gebet

Wer bin ich?

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

Der promovierte Theologe Hans Martin Dober ist Pfarrer in Tuttlingen und Professor an der Universität Tübingen