Christliche Themen für jede Altersgruppe

Größtes Glück, größter Stress

Es ist doch eigentlich normal, oder? Kinder sind anstrengend. Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Geduld. Kinder zehren an den Kräften. Viele Eltern sind davon aber doch überrascht. Sie stellen sich nur schwer auf diesen völlig anderen Rhythmus ein. Das Glücksgefühl nach der Geburt weicht so oft schnell der Erschöpfung. Doch wer sich dies eingesteht, ist schon auf dem richtigen Weg.

Familie ist Glück und Stress zugleich.

„Unser erstes Kind hat unser Leben völlig umgekrempelt. Angefangen von der Wohnungseinrichtung über unsere Art, Urlaub zu machen, bis hin zum Freundeskreis.“ So beschreibt Judith Grisse (33) das vorläufige Ende ihrer Autonomie, das sie und ihr Mann Markus erleben, seit vor sechs Jahren Tochter Hanna und drei Jahre später Sohn Joel geboren wurden. „Seit wir Kinder haben, denken und entscheiden wir nicht mehr nur für uns selbst. Man lässt sich für sehr lange komplett auf ein anderes Leben ein“, sagt sie. Und Experten geben ihr Recht: Familientherapeutin Dorothea Kirchner-Leis fasst die einschneidende Veränderung, die mit der Geburt des ersten Kindes einhergeht, so zusammen: „Aus dem Ich wird ein Du. Das Ich spielt nicht mehr die erste Geige.“

Morgens immer müde

Theoretisch wussten Judith und Markus Grisse, dass ein Kind das Leben verändert, aber wie kräftezehrend der neue Rund-um-die-Uhr-Kinder-Job sein kann, hatten sie nicht geahnt. Judith Grisse erinnert sich an die anstrengende Zeit, in der ihr Schlaf ständig durchlöchert war und sie an den Rand ihrer Kräfte kam. „Die Erfahrung, wie genervt, dünnhäutig und ungeduldig ich sein kann, hat mein Bild von mir selbst verändert. Das bin ich also auch – nervös, dünnhäutig, einfach nur müde“, erzählt die gelernte Ergotherapeutin, die in ihrem Beruf stets Ruhe und Geduld ausgestrahlte.

Entdecken was zählt

Die Erfahrung, dass Elternsein das größte Glück, aber auch großer Stress sein kann, möchte sie dennoch nicht missen. „Es ist ein Wunder, dass man seine Kinder so vorbehaltlos liebt. Und es ist einfach unglaublich beeindruckend und schön mitzuerleben, wie ein kleines Kind sich entwickelt und sich beinahe täglich verändert“.

„Kinder sind die härtesten Arbeitgeber überhaupt“, hat auch Gabriela Rothmund-Gaul erlebt. Im Vordergrund stehen für sie dennoch die positiven Erfahrungen: „Durch meine Kinder, eine 14-jährige Tochter, zwei neun- und 12-jährige Söhne, habe ich extrem positiv gelernt, mich in Gelassenheit zu üben und im Heute zu leben“, erzählt sie. Seitdem sie Kinder hat, kann Gabriela Rothmund-Gaul sich besser leichten Herzens auf das einlassen, was gerade nötig und möglich ist. „Mit Kindern langfristig zu planen, ist Blödsinn – ich habe gelernt spontaner zu sein“, erklärt sie. Möglich geworden ist dieser Zuwachs an Flexibilität und Spontanität auch durch ihre Entscheidung, in den ersten Kinderjahren ihre Priorität bei den Kindern zu setzen.

Zeugnisvergabe ist immer mit Stress verbunden?
Auch die Jugendlichen halten ihre Eltern mit Smartphones und Zeugnisproblemen auf Trab. Fotos: epd-Bild

Als sie sich dafür entschied, zugunsten ihrer Kinder aus der Vollzeitberufstätigkeit auszusteigen und „nichts zum Bruttosozialprodukt beizutragen“, musste sie sich jenseits von Beruf und Verdienst neu definieren. „Bin ich jetzt ein Auslaufmodell?“, fragte sie sich angesichts der Beobachtung, dass die meisten anderen Mütter sich für Kinder und Beruf entschieden.

„Die Kinder nötigen einen dazu, die eigene Rolle für sich neu zu begründen. Und zwar laufend – das ist kein einmaliger Prozess“, meint die Musikwissenschaftlerin, die heute als Organistin berufstätig ist. Das Leben mit ihren Kindern hat ihr aber auch etwas anderes „eingebracht“ anstelle des hohen Verdienstes und der gesicherten Rentenansprüche: „Ich genieße den Augenblick und sehe in Kleinigkeiten, wie schön die Welt ist. Manches wird in seiner Wertigkeit relativiert“, findet sie.

Auch die Erfahrung, dass Kinder nicht als unbeschriebenes Blatt, sondern als Persönlichkeit mit eigenem Temperament und Tempo zur Welt kommen, die es aufmerksam wahrzunehmen und zu respektieren gilt, hat Gabriela Rothmund-Gaul verändert. „Ich bin durch unsere Kinder sehr viel feinfühliger in der Wahrnehmung von Menschen und zugleich zurückhaltender im schnellen Urteilen und bereitwilliger im Akzeptieren geworden“, stellt sie im Rückblick dankbar fest.

Vor allem im Gespräch mit ihrer Teenager-Tochter fühlt sie sich genötigt, eigene Standpunkte, Überzeugungen und Verhaltensweisen zu überdenken. „Heranwachsende Kinder sorgen dafür, dass man ständig Fragen stellt, an sich selber, an die Gesellschaft. Man bekommt einen neuen Blickwinkel, man liegt ja mit Kindern oft real und manchmal auch im übertragenen Sinne auf dem Boden“, fasst sie zusammen.

Kinder hat man ein Leben lang – und sie können lebenslang dafür sorgen, dass ihre Eltern „lebendig“ bleiben. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Beziehung zu den Kindern in eine Begegnung auf Augenhöhe wandelt. „Ich benutze das abgelegte Smart-Phone unserer 20-jährigen Tochter. Ohne sie wüsste ich deutlich weniger über die modernen Kommunikationstechniken“, sagt Dorothea Kirchner-Leis und lacht. Sie ist damit kein Einzelfall.

Erwachsene Kinder bringen mit ihren Büchern, Filmen, ihrer Musik, ihren Berufsentscheidungen und ihren Freundinnen und Freunden oft neue Themen ins Haus und können bei ihren Eltern für „Horizont- und Herz-Erweiterung“ sorgen.


Auch das Handy führt oft zu Diskussionen in Familien. Soll das Handy beim Essen am Familientisch weggepackt werden oder wie viel Handykonsum ist noch in Ordnung? (Foto: epd-Bild)

„Wenn unser 21-jähriger Sohn in den Semesterferien da ist, herrscht im Haus ein ganz anderer Ton“, freut sich Friedhelm Schnieder. Der Leiter einer Erziehungsberatungsstelle erlebt es als Chance, dass die beiden erwachsenen Söhne sich nicht wie noch zu Kleinkindertagen einfach am elterlichen Vorbild orientieren und die elterlichen Maßstäbe und Überzeugungen unhinterfragt übernehmen.

„Wenn unsere Söhne mich etwa fragen, ob wirklich alle unsere Autofahrten nötig sind, ob wir nicht mehr fair gehandelte Produkte kaufen müssten, dann macht mir das einmal mehr deutlich, dass wir die Erde nur von unseren Kindern geliehen haben. Und wenn junge Leute heute viel freier leben als wir in unserer Jugend das gewagt hätten, dann frage ich mich, ob ich meine Vorstellungen von Moral nicht zu eng sind. Wenn meine Söhne mich fragen, woran ich glaube, dann ist das anstrengend. Aber es hilft mir auch, lebendig und ehrlich zu bleiben“.

Und wenn die Kinder keinen Anlass bieten, stolz auf sie zu sein? Wenn sie Probleme haben und Probleme machen, wenn sie Entscheidungen treffen, die wir für falsch halten oder wenn sie ihren Weg nur mühsam finden? Auch solche Erfahrungen, können dazu beitragen, im eigenen Leben wahrhaftiger und barmherziger zu werden. Mit unseren Kindern und mit uns selbst.

Information zu Beratungsstellen für Familien

Überlastet und ausgebrannt? Mütter, die sich so fühlen, können Hilfe über ein Sorgentelefon der Landeskirche bekommen. Beraterinnen stehen von 9 bis 16 Uhr unter der Telefonnummer 0180-1400140 (für 4,6 Cent pro Minute) bereit. Frauen mit Kindern erhalten Informationen rund um Entlastung und Gesundheit.

In vielen Städten Württembergs erhalten Mütter Beratung durch die Diakonischen Bezirksstellen in Württemberg.

Entsprechende Adressen sind auf der Internetseite der Diakonie-Württemberg ausgeschrieben.http://www.diakonie-wuerttemberg.de/rat-und-hilfe/menschen-in-not/