Christliche Themen für jede Altersgruppe

Großväter mit großem Herzen

Manchmal sind es die Großväter, die ein großes weites Herz haben. Und manchmal helfen ihnen die ­Enkelinnen und Enkel auch dabei, es überhaupt erst zu entdecken. Eine literarische Reise in die Kinderwelt von Hermann Hesse, Heidi und dem kleinen englischen Lord Fauntleroy.


Hermann Gundert (Aufnahme aus dem Jahr 1883) hatte ein Herz für seine Enkelkinder. (Foto: Stadt Calw/ Albrecht Frenz)


Im Buch wird Heidi irgendwann von den Großkopferten in die Schule geschickt, doch in Wahrheit ist sie es, die den Erwachsenen eine Lektion erteilt. Sie zeigt ihnen, was das wahre Leben und wer ihr wahrer Großvater ist. Am Ende schauen alle im Dorf wieder auf zu ihrem Öhi, den sie einstmals so genannt haben, weil er für sie etwas besonderes war: der Oheim, der gute Onkel, der schon immer ein wenig mehr vom Leben und der Welt wusste als die anderen.

Unzählige Male ist der 1880 von Johanna Spyri verfasste Roman verfilmt worden. 1965 spielte Gustav Knuth die Rolle des Alm-Öhi, erst vor wenigen Wochen kam eine Neuverfilmung mit Bruno Ganz in die Kinos. Am Ende wird immer alles gut, doch was in den Filmen nur selten herauskommt, wird in dem Buch überdeutlich: Die Rückkehr des Alm-Öhi zu den Menschen ist auch eine Rückkehr zu Gott.

Als man ihm Heidi wegnimmt und sie nach langer Zeit schließlich aus Frankfurt zurückkehrt, da geht der überglückliche Alte mit ihr in die Kirche und betet. Und die Dörfler sagen voller Staunen: „Hast du das gesehen? Der Alm-Öhi ist in der Kirche.“ Als im letzten Kapitel die Frankfurter Großmama die Hände des Öhi ergreift und ihm überschwänglich dankt, weil ihre Enkelin Klara nun plötzlich auch wieder gehen kann, da schränkt er ein: Nein, nicht er alleine habe es bewerkstelligt, es war auch „unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft“. Das einfache unverfälschte Leben in den Bergen, in Gottes freier Natur ist es also, das dem Menschen gut tut: Es heilt am Ende sogar eine schwerbehinderte Großstädterin, die ihrer Freundin Heidi hinauf auf die Alm gefolgt ist, um das Geheimnis ihres großen Glücks zu ergründen.

Eine ganz ähnliche Großvater-Bekehrungsgeschichte ist die des „Little Lord Fauntleroy“. Die meisten kennen nur seine Verfilmung mit dem knorrigen Alec Guiness in der Hauptrolle: „Der kleine Lord“ aus dem Jahre 1980 gehört zu den Klassikern des Weihnachtsfernsehens und rührt wie die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ die Zuschauer jedes Jahr aufs Neue zu Tränen.

Im Gegensatz zum wortkargen Alm-Öhi ist der Großvater des kleinen Lords ein sehr gesprächiger Mensch. Haargenau erklärt er seinem Enkel, was einen zukünftigen „Earl of Dorincourt“ erwartet. Der ist nämlich ein kleiner verzogener Amerikaner, dem man die Flausen austreiben und Manieren beibringen muss. Wie sonst sollte aus ihm als letzten verbliebenen Nachfahren ein echter englischer Adliger werden?

Unnachgiebige Härte ist gefragt, und die unterstreicht er nun, indem er das Kind von der leiblichen Mutter wegnimmt, weil sie eine nicht standesgemäße Partie ist. Der kaltherzige Alte tut alles, um den verzogenen Bengel kleinzukriegen, damit aus ihm am Ende genau das wird, was der Earl of Dorincourt schon immer war: ein Mann der Grundsätze und Selbstdisziplin, frei von jeglicher Emotionalität und Schwäche.

Allein es kommt ganz anders, als der alte Herr es geplant hat. Nicht er dreht den Kleinen um, sondern der Kleine ihn. Der Großvater kann sagen und machen, was er will: In allem sieht Cedric, der kleine Lord, nur das Gute. So staucht der Earl den Pfarrer zusammen, weil der sich für die verarmten Tagelöhner des Dorfes einsetzt. „Man muss Härte zeigen“, erklärt ihm der Großvater später, doch der kleine Lord zieht einen völlig anderen Schluss aus dem Vorgang: Es war nur ein Lehrbeispiel, in Wahrheit hat es der Großvater ganz anders gemeint. Beim nächsten Besuch im Dorf verkündet der Enkel der Tagelöhne-Familie die gute Nachricht, dass sie bleiben könne.

Am Ende der Kindererziehung steht kein neuer Enkel, sondern ein neuer Großvater: Schicht für Schicht befreit ihn der Junge von seiner rauhen Schale und macht aus ihm etwas, was er selbst nicht für möglich gehalten hätte: einen Mensch voller Güte und Herzlichkeit, der durch die Zuwendung eines Kindes wieder gelernt hat zu lieben und zu leben.

Bei Heidi und dem kleinen Lord sind es die Enkel, die dem Großvater helfen. Im Falle des Schriftstellers Herman Hesse war es eher umgekehrt: Da sind es die Großväter, die die dem verzweifelten Jungen beistehen. Mit seinen Eltern ist der Tunichtgut bald hoffnungsvoll zerstritten. Ein ums andere Mal sind sie davor zu resignieren und bald fest überzeugt, dass ihr Sohn vor allem eines ist: geisteskrank.

Da tut es gut, wenn einer die Ruhe bewahrt und nicht alles nur schwarz sieht. Immer wieder versucht Großvater Hermann Gundert die Dinge zurechtzurücken und den Eltern Mut zu machen. „Mit Hermann werdet ihr freilich viel Geduld haben müssen“, schreibt er an Tochter und Schwiegersohn nach Basel und ergänzt bedeutungsvoll: „Es kommt auch von Gott, dass einem die Kinder Rätsel aufgeben.“ Die Hesses sind strenge Pietisten und im Pietismus gilt das Wort des alten Weisen eine Menge. Gundert ist das unangefochtene Oberhaupt der Familie, Chef des Calwer Verlagsvereins, sein Schwiegersohn steht auch beruflich in seinen Diensten.

Es ist die andere Seite des Pietismus, die Hermann Hesse im Großvater Gundert kennen lernt. Die enge moralische Seite hat er schon bald zu hassen gelernt und schleudert seinem Vater den bösen Satz entgegen: „Ihr seid Christen und ich – nur ein Mensch.“

Der Gipfel der Gelassenheit ist Hermann Gunderts Reaktion auf die Flucht des Enkels aus dem Seminar in Maulbronn. Da hat der rebellische Teenager seine Eltern endgültig blamiert und sogar einen aktenkundigen Vorgang ausgelöst. Gundert empfängt ihn trotzdem mit den lapidaren Worten: „Ich habe gehört, du habest neulich ein Geniereisle gemacht.“

Ein Geniereisle, das klingt nun wirklich ein wenig wie Goethe und wie das, was Hermann Hesse später ja nun auch sein wird: Ein Schriftsteller auf der Suche nach dem wahren Leben. Seiner Heimatstadt Calw trägt er die Enge lebenslang nach und wird sie, aller idyllischen Verklärung zum Trotz, die letzten 30 Jahre auch nicht mehr besuchen.

Nur wenig bekannt ist, dass Hermann Hesse auch die Weitherzigkeit seines zweiten Großvaters genossen hat. Und das, obwohl er ihn nie persönlich kennen lernt. Doch die Briefe Carl-Hermann Hesses aus Estland gefallen ihm und die Geschichten, die die Verwandten erzählen, auch. Er ist ein strenger Pietist, der dennoch das Leben zu genießen weiß. „Gott loben macht selig und Wein trinken macht fröhlich“, lautet einer seiner Wahlsprüche. Mehr als einmal stößt er mit seinen Bowle-Abenden die Strenggläubigen vor den Kopf.

94-jährig stirbt Carl-Hermann Hesse in Estland. Wie alt Heidis Alm-Öhi wird, weiß keiner. In den sehnsüchtigen Herzen aller jungen und alten Menschen lebt er einfach ewig weiter.



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