Christliche Themen für jede Altersgruppe

Haltestelle zu Gott - Cafe auf drei Achsen

DETTINGEN AM ALBUCH (Dekanat Heidenheim) – Dass ein Café drei Achsen hat, ist ziemlich selten. Noch ungewöhnlicher wird es, wenn es darin „Coffee to Go(d)“ gibt und das rollende Café von einer Kirchengemeinde betrieben wird. Ein Besuch im „Café 300“ auf der schwäbischen Ostalb.

Umgebauter Linienbus wird Cafe auf 3 Achsen, Dettingen am Albuch

Der Cafébus ist ein umgebauter Linienbus, Baujahr 1996. Die Gemeinde hat das Gefährt für 3500 Euro gekauft. (Foto: Jens Eber)

Vom Linienbus zum Cafe 300

Wer in den 90er-Jahren mit einem Linienbus in die Schule oder zur Arbeit gefahren ist, dem sind sicherlich einige Geräusche in Fleisch und Blut übergegangen: das raue Dröhnen eines Dieselmotors, das Zischen pneumatischer Türöffner, das Knarzen des Faltenbalgs im Gelenk des Busses. Diese Geräusche drängen unwillkürlich ins Bewusstsein, als der Bus „Café 300“ an diesem Tag im Sommer auf den Lindenplatz in Dettingen fährt. Es röhrt, es zischt, und dann steht er da. Der typisch kastenförmige Bus, 18 Meter lang, wird heute keine Schüler oder Arbeitnehmer fahren. Überhaupt ist er kein Reisevehikel mehr, sondern transportiert eine Botschaft – und eine Idee, die anfangs so verrückt erschien, dass sie einfach gelingen musste.

Die Vorgeschichte des „Café 300“ beginnt vor rund drei Jahren. 2017 sollte die Zeltkirche der Evangelischen Landeskirche Station in Gerstetten machen, der Kleinstadt, zu der auch das Dorf Dettingen und die evangelische Kirchengemeinde Dettingen-Bissingen-Hausen gehören. Man suchte eine Idee, wie möglichst auffällig auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht werden könnte. Warum denn nicht einen Bus über die Alb fahren lassen, dachten sich die Initiatoren, quasi als rollende, eckige Litfaßsäule? Die Wege auf der östlichen Alb sind weit, und so ein Bus brächte eine Menge Werbefläche mit sich.

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Die Idee fand rasch begeisterte Mitstreiter. Mancher im Ort war auch irritiert, wie einer der Initiatoren, Eberhard Ableiter, im Nachhinein zugibt. Bald stellte sich aber das ein, was Ableiter als eine Reihe „kleiner Wunder“ bezeichnet.

Drei kleine "Cafe"  Wunder

Bei der Suche im Internet fanden die Dettinger tatsächlich – erstes Wunder – einen Bus: Baujahr 1996, im Linienverkehr war er 750 000 Kilometer unterwegs gewesen, 5000 Euro sollte das Gelenkfahrzeug kosten. Das schien sich stemmen zu lassen. Dennoch zögerten sie und plötzlich – nächstes Wunder – stand als Preis für den Bus nur noch 3500 Euro da.

Trotzdem seien sie mit ihrer Finanzierung blauäugig gewesen, sagt Ableiter frei heraus. Denn mit dem Kauf war es natürlich nicht getan. Die notwendigen Reparaturen waren zwar überschaubar, der größte Posten war die Erneuerung der Vorderachse. Aber schon die Beklebung des Busses wurde teurer als das Fahrzeug selbst. Und dann sollte der Bus ja nicht leer fahren, sondern an seinen Haltestellen als Café einen Treffpunkt bilden.

Drittes Wunder: Das Dorf zog mit. Ganz offensichtlich war der Charme der Idee so mitreißend, dass sich eine breite Schar von Helfern fand – ganz egal, ob sie kirchlich verortet waren oder nicht. Der Inhaber einer Werkstatt öffnete seine Tore und die Montagegrube, damit das „Unterleben“ des Busses aufgefrischt werden konnte, mehrere Schreiner engagierten sich beim Innenausbau. Die alten Sitzbänke flogen raus, an deren Platz finden sich nun maßgefertigte Sitzgruppen für bis zu 35 Gäste und eine kleine Küche, die amtlichen Hygieneansprüchen genügen musste. Die örtlichen Landfrauen häkelten zuletzt sogar Dutzende Sitzkissen für die Klappstühle der Außenbestuhlung.

Die Cafe-Bus-Idee wird belohnt

Auch die Spendenbereitschaft war groß. Auf dem Spendenportal der Lokalzeitung kam viel Geld zusammen, „Chrismon“ belohnte die Bus-Idee im Wettbewerb „Gemeinde 2017“ mit 2500 Euro.

Rund 30 000 Euro konnte das Team so investieren. Tausende Stunden Arbeit steckten sie in das Projekt. Und nach langer Suche fanden sie sogar einen griffigen Namen: „Wir hatten etwa 25 Namen auf der Liste“ erinnert sich Ableiter, „Haltestelle zu Gott“ zum Beispiel. Das Rennen machte schließlich das einprägsame „Café 300“ – weil der Bus-Motor 300 PS Leistung hat.

Sogar der Zeitplan ging auf: seinen ersten Auftritt erlebte der Bus beim Brezgenmarkt 2017 im Nachbarort Heldenfingen. Vor und während der Zeltkirche wuchs der Bekanntheitsgrad des Busses rasant. Das Kennzeichen „HDH-Z 2017“ zeugt noch von dieser Aufgabe.

Damit wäre die Mission des rollenden Cafés eigentlich beendet gewesen, aber eine gute Idee entwickelt eben manchmal ein Eigenleben.

Cafe 300 - Den Glauben zu den Menschen bringen

Das ursprüngliche Bus-Team hat sich personell zwar verändert, den „harten Kern“ bilden heute zwölf Männer und Frauen, die sich um Technik, Logistik und Bewirtung kümmern. Dazu kommt eine mehrere Dutzend Dettinger starke Gruppe, die sich bei Bedarf einschaltet: zum Kuchenbacken, zum Bedienen, zum Dekorieren. Das „Café 300“ ist im Schnitt einmal im Monat in eigener Mission unterwegs, hinzu kommen Vermietungen für Familienfeiern oder Veranstaltungen von Vereinen. Auch andere Kirchengemeinden haben den Bus schon gebucht, um darin ihre Gäste zu bewirten.

An diesem Tag im Juni findet das monatliche Café statt, zum ersten Mal hält der Bus auf dem neu gestalteten Lindenplatz. Eberhard Ableiter und Jürgen Reinhardt müssen ein wenig improvisieren, bis Wasser- und Stromanschluss montiert sind. „Wir haben unsere Wunderkiste dabei“, sagen sie fröhlich, darin sind alle möglichen Werkzeuge, Anschlüsse und Adapter. Reinhardt hat auf dem Anhänger seines Autos das Mobiliar mitgebracht, das an diesem heißen Frühsommertag vor dem Bus eine Art Biergartenatmosphäre schaffen wird. Denn im Bus herrschen bald Saunatemperaturen, wie Jutta Rißmann fröhlich bestätigt.

Sie bereitet schon die Kaffeemaschine vor, Ortsvorsteherin Anette Lindenmaier beschriftet derweil eine Tafel mit dem Kuchenangebot des heutigen Tages: Serviert werden Donauwelle, Käsekuchen, Zwetschgendatschi.

Manche der ehrenamtlichen Helferinnen schauen nur kurz vorbei, um den Kuchen zu bringen, aber man kann auf sie zählen. „Es ist toll, was die Ehrenamtlichen hier machen, ein gutes Beispiel für gelingende Arbeit“, sagt Pfarrer Manuel Ritsch, der das Busprojekt gewissermaßen von seinem Vorgänger Ralf Sedlak geerbt hat. Als Pfarrer in einer recht weitläufigen Gemeinde mit drei Ortschaften ist Ritsch froh, dass das „Café 300“ praktisch ein Selbstläufer ist.

Dass der Café-Bus auch den christlichen Glauben transportieren soll, verhehlt niemand. Das wäre auch kaum möglich: die Aufschrift „Coffee to Go(d)“ ist nur einer der gewitzten Hinweise auf die ideelle Herkunft des Gefährts. „Wir missionieren nicht, aber wenn sich das Gespräch ergibt, ist es gut“, sagt Anette Lindenmaier. Eberhard Ableiter ergänzt: „Mit dem Bus kommt auch ein bestimmter Geist.“ Sie hätten seit Beginn des Bus-Projekts viele tolle Erlebnisse gehabt. „Das nimmt uns niemand mehr“, sagt Ableiter. Auf dem Lindenplatz ist der Besuch an diesem Tag zunächst schleppend. Es ist einer der ersten richtig heißen Sommertage, der Platz heizt sich rasch auf. Doch nach und nach füllen sich die Tische, der Verheißung von duftendem Kaffee und frischgebackenem Kuchen können die Dettinger dann doch kaum widerstehen.

◼Weitere Infos zum „Café 300“ und seinen Terminen gibt es im Internet:

www.neue-aufbrueche.de/projekte/projekt-cafe-300/