Christliche Themen für jede Altersgruppe

Harmonie statt Heilung

Ab wann ist ein Mensch krank? Wenn er eine entsprechende Diagnose erhalten hat? Doch was sagen Cholesterin-Zahlen, Computertomographie-Bilder und Hämoglobinwerte tatsächlich darüber aus, wie wohl ein Mensch sich in seiner Haut fühlt – und ob er in Einklang mit sich und seinem Körper lebt? Eine Annäherung an den Begriff „Gesundheit“, der längst zum Lifestyle geworden ist.  

Im Einklang mit sich und anderen leben: Auch das ist eine Definition von
Gesundheit. (Foto: pixelio)


Viel mehr anfangen kann sie daher mit der Definition des Ökumenischen Rats der Kirchen. Dieser spricht von Gesundheit als „eine dynamische Seinsart des Individuums und der Gesellschaft, ein Zustand des körperlichen, seelischen und geistigen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Wohlbefindens, der Harmonie mit den anderen, mit der materiellen Umwelt und mit Gott“.

Auch Paolo Bavastro hat seine ganz eigene Vorstellung davon, wann ein Mensch als gesund bezeichnet werden kann. Über 20 Jahre lang war er Arzt an der Filderklinik, bis Ende 2003 Chefarzt der Inneren Abteilung. Seitdem arbeitet er in freier Praxis in Stuttgart und beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Fragen der Ethik in der Medizin. Bavastro hat die Erfahrung gemacht, dass Gesundheit ein labiler Zustand ist, der immer wieder neu erkämpft werden muss. Das umfasse den körperlichen, aber auch den seelischen Aspekt.

Nicht immer entspreche der eine dem anderen Bereich – auch deshalb sei eine einheitliche Definition schwierig. „Es gibt viele Leute, die sind schwer krank, sagen aber von sich, dass es ihnen gut geht. Zum Beispiel Schlaganfall-Patienten, die im Rollstuhl sitzen.“ Umgekehrt könne man sich auch ohne ärztliche Krankheitsdiagnose schlecht fühlen. „Befund und Befinden gehen häufig auseinander.“ Entscheidend sei, wie der Einzelne mit seinem Zustand zurechtkomme. „Durch die Erfahrung der Krankheit kann jemand ein neues, innerliches Gleichgewicht erreichen – und diesen Zustand dann als in Ordnung empfinden.“

Kein Zweifel: Dank erstaunlicher technischer Fortschritte in der Medizinwelt lassen sich, mithilfe hochkomplexer Untersuchungsgeräte, inzwischen kleinste körperliche Vorgänge und Veränderungen messen und dokumentieren. Die Möglichkeiten, durch entsprechende Voruntersuchungen pathologische Prozesse vorzeitig zu erkennen, sind so groß wie nie. Doch ab wann kann man davon sprechen, dass jemand krank ist? Paolo Bavastro nennt als Beispiel die Gendiagnostik. „Wenn eine Frau eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent hat, dass bei ihr Brustkrebs ausbricht, ist sie dann schon krank?“

Klar ist, dass der gesellschaftliche Druck, sich dem Ideal der Gesundheit zu beugen, wächst. Von dem Einzelnen wird erwartet, dass er alle Möglichkeiten ausschöpft, um sich diesem Ideal anzunähern – auch, um durchgehend leistungsfähig zu bleiben. „Gesundheit hat bei uns einen so hohen Wert, dass sie teilweise zu einer Ersatzreligion geworden ist“, sagt Gisela Schneider. Viele Menschen spürten jedoch, „dass dabei die eigentliche Gesundheit verloren gegangen ist“.

In Europa sei vor allem die physisch-medizinische Ebene wichtig. In Afrika hingegen habe man „ein tiefes Gespür dafür, dass zur Gesundheit auch eine soziale und geistige Komponente gehört“. So gelte dort als wichtiger Teil einer ärztlichen Betreuung, dass für den Betroffenen gebetet wird. In den westlichen Ländern kümmere man sich viel zu wenig um das geistliche Anliegen. „Dabei muss auch das Umfeld und die Gemeinde betroffenen Menschen ein Stück Heimat bieten, wo sie mit ihrer Krankheit aufgefangen werden“, sagt sie und nennt als Beispiel Depressionserkrankungen. „Gesundheit hat mit einer von Gott geschaffenen Würde zu tun“, sagt sie. Und um wirklich gesund zu werden, müsse ein Leben „in Würde verstärkt werden“.

In Afrika hat Gisela Schneider schon erlebt, dass Menschen mit der Kraft des Gebets gesund geworden sind. Einmal sei eine Frau durch ihren Glauben und das Gebet geheilt worden, der Tumor verschwand. Heil zu werden, sagt sie, könne aber auch etwas anderes heißen: „Dass ein Mensch in Frieden gehen kann, weil er sich bewusst ist, dass sein Leben erfüllt war.“

Amrei Kleih und Susanne Vetter (Hr.)
Ein Kissen im Sturm
Gütersloher VH
9,99 €