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Heiliger für alle Fälle - Nikolaus von Myrna

Freund der Kinder, Retter der Seefahrer, Kettensprenger der Gefangenen – kaum jemand hat in der Kirchengeschichte so viel Verehrung erfahren wie Nikolaus von Myra. Das Brauchtum um ihn hat sich weltweit ausgebreitet. Teils mit pädagogisch fragwürdigen Entwicklungen.

Goldklumpen. Foto: Pix1861, pixabayGoldklumpen. Foto: Pix1861, pixabay

Der Vater ist verzweifelt. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Seinen drei Töchtern wird er keine Aussteuer bezahlen können. Sie werden sich prostituieren müssen. Doch eines Morgens entdeckt eine Tochter einen Goldklumpen. Tags darauf die nächste Tochter. Genug Gold, dass sie heiraten können. In der folgenden Nacht beobachtet der Vater den geheimnisvollen Wohltäter, wie er einen dritten Goldklumpen ins Haus wirft. Der Vater läuft dem Gabenbringer nach, dankt ihm unter Tränen. Der junge Mann heißt Nikolaus.

Die Legende von der Ausstattung der drei Jungfrauen ist die wohl bekannteste Legende über Nikolaus von Myra. Dass es einen Mann dieses Namens wirklich gegeben hat, wird allgemein angenommen. Um das Jahr 270 oder 280 soll er in Patras in Kleinasien zur Welt gekommen sein. Als Waise wohlhabender Eltern habe er über ein großes Vermögen verfügt. Bereits als junger Mann sei er Bischof geworden. Gestorben sei er um das Jahr 345, am 6. Dezember, seinem Gedenktag. Später verschmolzen die Geschichten über Nikolaus von Myra mit denen über den gleichnamigen Nikolaus von Sion, der rund 200 Jahre später lebte.

Nikolaus von Myra - Schon als Säugling ist er fromm

So spärlich das Wissen über diese historischen Nikoläuse ist, so vielfältig und bunt sind die Legenden. Fromm wie er war, soll Nikolaus schon als Säugling an kirchlichen Fastentagen die Brust der Mutter nur einmal genommen haben. Zum Bischof von Myra wurde er mit 19 Jahren gewählt, weil er der Erste war, der morgens die dortige Kirche betrat – darauf hatten die Bischöfe der Nachbarstädte als göttliches Zeichen gewartet.

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Als Bischof soll er drei im Kerker Kaiser Konstantins einsitzende Feldherren gerettet haben. Nikolaus erschien dem Kaiser im Traum und der ließ die Feldherren frei. Drei Schüler, die ein gieriger Gastwirt getötet, zerstückelt und eingepökelt hatte, erweckte Nikolaus wieder zum Leben. Seeleute soll er sicher durch einen Sturm geführt haben. Und als während einer Hungersnot in Myra ein Schiff anlegte, das Getreide nach Konstantinopel bringen sollte, bat Nikolaus die Seeleute, den Bürgern von Myra Korn zu geben. Er versprach, dass dadurch kein Schaden entstehe. Und tatsächlich kam das Schiff in Konstantinopel mit keinem Gramm weniger Getreide an. In Myra reichte das abgeladene Korn für zwei Jahre.

Foto: Congerdesign, pixabayFoto: Congerdesign, pixabay

Nikolaus Superstar. Zur Lebenszeit des Bischofs ließ Kaiser Konstantin das Christentum im Römischen Reich zu. Heilige mussten nun keine Märtyrer mehr sein. „Es kam ein neuer Heiligentypus auf, der Bekenner. Er hat sein gesamtes Leben seinen Glauben vorbildlich gelebt, ein ‚unblutiges Martyrium‘ vollbracht. Nikolaus in der Ostkirche und Martin von Tours in der Westkirche sind die Frontmänner dieses neuen Heiligentyps“, schreibt der katholische Theologe und Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti.

In der Ostkirche wurde Nikolaus als wichtigster Heiliger verehrt. Zu seinem „Durchbruch“ nördlich der Alpen verhalf ihm die byzantinische Prinzessin Theophanu, die im Jahr 972 Otto II. heiratete, den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. In der Folge wurde Nikolaus zum Patron fast aller von den Ottonen gebauten Kirchen und Klöster. Das Mittelalter war Nikolaus-Zeit. Klaus und Nikolaus gehörten zu den beliebtesten Vornamen Europas, zahlreiche Zünfte und Berufsgruppen wählten Nikolaus als ihren Schutzheiligen. Als Vermehrer des Korns und Retter vor dem Sturm wurde er Patron der Kaufleute und Seefahrer, etwa der norddeutschen Hanse. Als Befreier der Eingekerkerten wurde er Patron der Gefangenen, am Wallfahrtsort St.-Nicolas-de-Port bei Metz wurden ihm haufenweise gesprengte Ketten dargebracht. Und als heimlicher Wohltäter und Freund der Schüler wurde er zum Patron der Kinder und bald zum Gabenbringer.

Bis ins 13. Jahrhundert war das Fest der unschuldigen Kinder am 28. Dezember der Tag, wo die Kleinen beschenkt wurden. An diesem Tag hatte ein Junge als „Knabenbischof“ das Sagen, mit Mitra, Gewand und Bischofsstab. Dieses Fest vermischte sich bald mit dem Nikolaustag am 6. Dezember, der sich im 14. Jahrhundert als Bescherungstag durchsetzte. Für die Reformatoren war Nikolaus als Gabenbringer ein Feindbild (siehe Seite 6). Auch auf katholischer Seite änderte sich ab dem 16. Jahrhundert manches. Während Nikolaus’ sakrale Verehrung nachließ, wuchs das profane Brauchtum um ihn massiv.

Manfred Becker-Huberti unterscheidet drei Arten der Nikolaus-Bescherung. Die älteste Form nennt er „Einstreubrauch“. Dabei hinterlässt Nikolaus in einem Raum Gebäck, Süßigkeiten und Obst für die Kinder. Da dies aber oft zu Streitigkeiten zwischen Kindern führte, entwickelte sich der „Einlegebrauch“. Nikolaus legt Geschenke in die Stiefel der Kinder, die diese vor die Tür gestellt haben. Manchmal sind es statt der Schuhe Gabenteller, aus Papier gebastelte Nikolaus-Schiffchen, oder – besonders im englischsprachigen Raum – Socken. Bis heute hat sich dies erhalten.

Drei Arten, wie Nikolaus beschert

Die dritte Form des Beschenkens, der „Einkehrbrauch“, entsteht laut Becker-Huberti als direkte Reaktion auf die Nikolaus-Kritik der Reformation. So wie der Bischof seit dem Konzil von Trient zur Visitation in die Gemeinden kommt, kommt der als Bischof gekleidete Nikolaus in die Familien. Damit wird Nikolaus zur pädagogischen Figur. Er fragt Katechismus-Wissen ab, belohnt die braven und ermahnt die unartigen Kinder.

Foto: Susanne Jutzeler, pixabayFoto: Susanne Jutzeler, pixabay

Diese Art des Besuchs erfreut sich bei Eltern bald großer Beliebtheit. Aus dem Einkehrbrauch entstehen aber auch die Traditionen, die den Nikolaus als Musterbeispiel schwarzer Pädagogik in Verruf bringen. In vielen Gegenden erhält er einen finsteren Gehilfen, der für die Bestrafung der bösen Kinder zuständig ist. In Norddeutschland ist es der Knecht Ruprecht mit seiner Rute, in den Niederlanden der „Zwarte Piet“, im Alpenraum der Krampus. Mitunter sind diese Gestalten Teufeln oder Dämonen nachempfunden. Nikolaus und seine Gehilfen erhalten Gegenstände wie den Sack, wo die Geschenke liegen, aber auch böse Kinder verschwinden können oder das große Buch, in dem die braven und bösen Kinder verzeichnet sind.

Solche Bräuche führten dazu, dass viele Kinder Angst vor dem Nikolaus bekam, was vermehrt Kritik nach sich zog.

Richtig eingesetzt, sagt Manfred Becker-Huberti, könne der Einkehrbrauch auch heute Sinn ergeben: „Der heilige Bischof soll den Kindern zeigen, dass alles Tun und Lassen Konsequenzen hat. Seine milde Güte bedarf keines wild gewordenen Teufels, der Kinder quält oder aber zumindest damit droht. Ruprecht kann in Rente gehen, er hat sich schon lange überholt.“ Eine Schlussfolgerung, der der Kinder- und Menschenfreund Nikolaus von Myra wohl zugestimmt hätte. □

Manfred Becker-Huberti: Heiliger Nikolaus. Geschichte, Legenden, Brauchtum.

topos plus 2018, Taschenbuch,

240 Seiten,

20 Euro.

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