Christliche Themen für jede Altersgruppe

Helfen wollen ist nicht genug

Richtig helfen will gelernt sein. Deshalb werden in Ulm Ehrenamtliche in Kursen für die Arbeit mit Flüchtlingen qualifiziert. Sie lernen Wesentliches über kulturelle Unterschiede, Fragen des Rechts – und die Gefahr, sich selber zu überschätzen. 


Flüchtlinge wollen ihren Helfern auch etwas zurückgeben und packen deshalb gerne beim Mauern mit an. (Foto: Martina Dach)

Ihr Verein „Engagiert in Ulm“ ist beim neuen Kursprogramm mit von der Partie. Seit langem vermittelt der Verein – eine Art Arbeitsagentur für bürgerschaftliches Engagement – Ehrenamtliche in die verschiedensten gemeinnützigen Organisationen. In Vorgesprächen mit Hilfswilligen merkt Gabriele Mreisi schnell, wer sich eignen könnte für den herausfordernden Einsatz an vorderster Linie – und wer womöglich besser in der Kleiderkammer oder in der Verwaltung aufgehoben ist.

Diese Vorgespräche können selbstverständlich auch eine umgekehrte Wirkung haben, nämlich bei Interessenten, bei denen eine Qualifikation klar sichtbar ist, aber der letzte Mut noch fehlt. Wo es nötig ist, ermuntert Gabriele Mreisi und betont zum Beispiel, dass Ehrenamt nicht bedeute, „sich auf ewig zu verpflichten“.

Die Ulmer Diakonie und ihre Partner wollen nicht irgendwen für die Arbeit mit Flüchtlingen, sondern nach Möglichkeit Menschen, die bereits Vorerfahrungen in der Arbeit mit benachteiligten, bedrängten Menschen haben. Bewerberinnen wie Heike Reith zum Beispiel, die schon seit sechs Jahren im gemeinnützigen Ulmer „Café aleman“ Deutsch für Migrantinnen unterrichtet. Jetzt gehört die Helferin, die einen Teil ihres Lebens in Brasilien verbracht hat, zu den Absolventinnen des Qualifizierungskurses in Sachen Flüchtlingsarbeit. Bald startet sie mit Sprachkursen in einer der Ulmer Unterkünfte, die Anfang September 730 Menschen beherbergen.

Vor allem der Unterrichtsblock über rechtliche und soziale Rahmenbedingungen habe sie stark weitergebracht, erzählt sie. Begriffe wie Asylbewerberleistungsgesetz, Genfer Flüchtlingskonvention oder Königsteiner Schlüssel sind ihr nun gut bekannt. Sie sagt: „Ich weiß jetzt, wovon wir eigentlich reden.“ Darüber hinaus habe sie, ganz im Sinne von Dozent Albert, gelernt, gerade in Bezug auf Abschiebungen eine wichtige Erkenntnis auszuhalten: „Ich kann nicht allen helfen und ich kann nicht alle retten.“

Von ähnlichen Kurserfahrungen erzählen auch die in der Altenpflege erfahrene Ulmerin Vicky Rettner, die eine gewisse psychische „Robustheit“ empfiehlt, oder die italienischsprachige Übersetzerin Maria Gonavo Beurer, die als Mitglied des hundertköpfigen Ulmer Dolmetscherpools schon vorher wusste, dass man „oft nur kleine Sachen tun kann“. Für gewisse Krisensituationen gelte leider: „Es gibt kein Regelbuch, an das man sich wenden kann.“

So ist es. Auch der Ulmer Qualifizierungskurs für Flüchtlinge, den bisher 50 Ehrenamtliche – fast alle sind Frauen – durchlaufen haben, kann nicht auf alles vorbereiten. So müssten die Helferinnen und Helfer beispielsweise selber entscheiden, ob sie im Zuge der Arbeit ihre Handynummer herausgeben wollen, sagt Dieter Albert. Und sie seien dem eigenen Gewissen unterworfen, wenn sie etwa Wissen über Flüchtlinge erlangen sollten, die sich der Abschiebung entzogen haben und illegal in der Region lebten. Im Zweifelsfall, rät Kursleiter Albert, „muss der Profi ran“ – also der Psychologe, Jurist oder hauptamtliche Sozialhelfer.

Der Zustrom von Flüchtlingen nach Baden-Württemberg übertrifft weiterhin alle Prognosen. Nach Angaben des Integrationsministeriums sind bis Ende Juli 2015 gut 29.000 Hilfesuchende in den Südwesten gekommen; bis Ende des Jahres könnten es 100.000 werden. Das ist eine noch nie da gewesene Herausforderung. Zum Höhepunkt des Jugoslawien-Krieges im Jahr 1992 kamen knapp 52.000 Menschen nach Baden-Württemberg.

Befürchtungen, der Zustrom könnte die Kräfte des Ehrenamts überspannen, scheinen derzeit aber unbegründet. Er stelle aktuell „vermehrte Anfragen von Menschen fest, die entweder spenden möchten oder sich erkundigen, wie und wo sie sich engagieren können“, sagt der Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg. Viele hätten schon ganz konkrete Vorstellungen, wo sie helfen könnten: bei Sprachkursen, Spielenachmittagen für Kindern oder Asylcafés.

Eine Art von politischer Gewissensprüfung gibt es innerhalb der evangelischen Kirche für die Ehrenamtlichen landesweit nicht. Auch der Oberkirchenrat Kaufmann hat die Berichte von dem polizeibekannten rechtsradikalen Angestellten einer Sicherheitsfirma gelesen, der in einer Heidelberger Flüchtlingsunterkunft Nachtdienst geschoben hat. Etwas Gleichartiges hält der Vorstandschef innerhalb seiner Organisation aber kaum für möglich. Zwar „sehen wir mit großer Sorge auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen, die offen oder versteckt Angst vor den Anderen schüren und Vorurteile und Ressentiments gegen Fremde verbreiten“, sagt er. Doch „unsere Dienste kennen in der Regel die Menschen, die sich in den Flüchtlingsinitiativen engagieren“.

So ist das auch in Ulm, wo die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer meist aus bekannten Netzwerken stammen und sich auch während ihrer Arbeit immer wieder zur „kollegialen Beratung“ treffen. Der Bildungsleiter Dieter Albert verlangt vom Ulmer Helferkreis ja noch mehr als ordentliche, qualifizierte Arbeit in den Unterkünften: Sie sollen im Privaten zugleich als „Botschafter“ für Toleranz und Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen fungieren.

Kursabsolventin Heike Reith ist dazu bereit. Sie will am Stammtisch und überall sonst rechten Parolen offen entgegen treten. „Es ist wichtig, Flagge zu zeigen“, sagt sie. Nach Ulmer Prognosen kommen monatlich 100 weitere Flüchtlinge in die Stadt. Bis zum Jahresende könnte die Zahl von 1000 überschritten sein.



Information

Die Diakonie Ulm und ihre Bildungspartner bieten den Kurs „Qualifizierung für Engagierte in der Flüchtlingsarbeit“ wahlweise über drei Freitagnachmittage verteilt oder als zweitägiges Kompaktseminar an. Der Kurs enthält stets drei Module mit den Titeln „Interkulturelles Training – der ,gute Umgang mit Unterschieden’, „Das rechte Maß des Helfens – Wie gestalte ich mein freiwilliges Engagment?“ sowie „Rechtliche und soziale Rahmenbedingungen“. Die Kurse bis zum Jahresende sind bereits ausgebucht. Ab Januar 2016 gibt es wieder freie Plätze. Anmeldungen unter Angabe von Name, Anschrift und Telefonnummer an: mreisi@engagiert-in-ulm.de

„Flüchtlinge begleiten“ heißt eine 50-seitige Praxisbroschüre, die für ehrenamtliche Helfer konzipiert wurde. Die Broschüre ist von den Diakonischen Werken Württemberg und Baden sowie von den Caritasverbänden der Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Freiburg herausgegeben worden. Das Heft erklärt Rechtsbegriffe und benennt Vorbedingungen ehrenamtlicher Helfer. Erhältlich unter Telefon 0711-1656-0 oder im Internet www.diakonie-wuerttem berg.de/flucht-und-asyl

Rocco Thiede, Susanne van Volxem

Deutschland
Erste Informationen für Flüchtlinge, Dt/arab
96 S., kartoniert
9,99 €