Christliche Themen für jede Altersgruppe

Heute bleibt die Kirche kalt - Zeichen der Energiekrise

Jeder muss heizen. Jeder braucht Strom. Und niemand weiß, wie kalt der Winter und wie viel teurer Energie werden wird. Wie stellen sich Kirche und Diakonie darauf ein? Was heißt das alles für Gottesdienste, Pflegeheime, Wärmestuben? Nachfragen beim Umweltreferat der Landeskirche, bei der Evangelischen Heimstiftung und der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart.

Foto: Lorri Lang, pixabayFoto: Lorri Lang, pixabay

Finster ist‘s, der Mond scheint helle. Die Kirche aber nicht. Die dunkle Jahreszeit wird in den Ortsmitten dieses Mal noch ein wenig dunkler als sonst. Schon im Sommer hat die Landeskirche den Gemeinden empfohlen, auf die Außenbeleuchtung von Kirchen zu verzichten. Inzwischen ist es eine staatliche Vorschrift. Außer zu Kulturveranstaltungen oder dort, wo es der Sicherheit dient, bleibt das Licht an Baudenkmälern aus. Eines der ersten sichtbaren Zeichen der Energiekrise.

Die Kirche bleibt also dunkel. Bleibt sie auch kalt diesen Winter? Vielerorts vermutlich ja. Zwar ruft die württembergische Landeskirche – anders als etwa die Evangelisch-reformierte Kirche – die Kirchengemeinden nicht explizit dazu auf, im Winter auf das Heizen von Kirchen zu verzichten. Aber es gibt zahlreiche Empfehlungen zum Energiesparen, gerade in Kirchen. Auf seiner Internetseite hat das Umweltreferat der Landeskirche Sofortmaßnahmen, mittelfristige und langfristige Maßnahmen für Kirchengemeinden veröffentlicht. Kurzfristig können dabei zum Beispiel, wie während der Hochphase der Corona-Pandemie, Gottesdienste im Freien gefeiert werden, es kann eine Verlegung ins Gemeindehaus stattfinden (Winterkirche) oder die Vorheiz-Zeiten für die Sitzbänke können verkürzt werden.

Gottesdienst ins Freie verlegen

Viele Kirchengemeinden bitten nun um Energieberatung, berichtet Siglinde Hinderer vom Umweltreferat. Es dürften aber noch mehr sein. Denn zum einen sei das Thema Gasknappheit „eine Herausforderung, bei der die Kirche ein Zeichen setzen kann, wie man solidarisch handelt“. Zum anderen sei es für Gemeinden eine ganz praktische wirtschaftliche Frage. Denn das Geld, das mehr für Energie ausgegeben werden muss, fehlt an anderer Stelle.

Zum Heizen von Kirchen hat Hinderer schon viel beraten. Tatsächlich ist die Situation in Württemberg hier besser als anderswo, erzählt sie. Viele Kirchen im Land hätten eine Sitzplatzheizung, die nur kurzfristig, etwa für Gottesdienste, eingesetzt wird. Im Gegensatz dazu verbrauchen Heizungen für den ganzen Kirchenraum, wie sie in anderen Landeskirchen verbreitet sind, mehr Energie. Die Sorge, dass es durch weniger Heizen zu Schäden kommen könnte, sei unbegründet, sagt Hinderer: „Früher wurden Kirchen gar nicht geheizt.“ Auch Orgeln benötigten grundsätzlich keine Mindesttemperatur. Es müsse nur sichergestellt sein, dass die Luftfeuchtigkeit nicht zu sehr schwankt und die Temperatur im Raum sich nicht zu schnell ändert.

Wenn eine Kirchengemeinde sich noch keine Gedanken gemacht hat, ist es auch jetzt nicht zu spät. Schon die Erkenntnisse eines einfachen Rundgangs durch die Gebäude – wo geht Wärme verloren, wo Strom – können zu kleinen Veränderungen führen, mit denen sich fünf bis zehn Prozent Energie einsparen ließen, sagt Hinderer. Nicht zuletzt gehe es, abseits vom eigenen Energiesparen auch darum, sich Gedanken zu machen, wie die Kirche dabei helfen kann, die sozialen Folgen der Energiekrise abzufedern. „Da wissen wir ja noch gar nicht, was auf uns zukommt“, sagt Siglinde Hinderer.

Lagerfeuer. Foto: Mimzy, pixabayFoto: Mimzy, pixabay

Die Ungewissheit des kommenden Herbsts und Winters teilt sie mit vielen. Auch mit denen, die sich um besonders verletzliche Menschen kümmern – in Pflegeheimen. Für die Evangelische Heimstiftung, den größten diakonischen Altenhilfeträger in Württemberg, sind die Energiekosten ein großer Posten. Wie sehr werden die steigenden Energiepreise die Heime belasten? Hauptgeschäftsführer Bernhard Schneider antwortet ganz offen: „Das würden wir auch gerne wissen.“ Die Heimstiftung rechnet mit Kostensteigerungen für Energie von 35 Prozent. „Es können aber auch 50 Prozent sein“, sagt Schneider.

Ein Risiko, mit dem die Heimstiftung in den Winter und ins Wirtschaftsjahr 2023 gehe. Leider müsse man die gestiegenen Kosten für Gas und Strom, aber auch für Personal, an die Bewohner weitergeben. Sie müssten sich auf eine Erhöhung der Eigenanteile um bis zu 350 Euro auf bis zu 4000 Euro im Monat und mehr einstellen, sagt Schneider. Bewohnern, die sich die steigenden Kosten nicht leisten könnten, bliebe nur der Weg zum Sozialamt.

Von der Politik fordert Schneider in dieser Situation einen Rettungsschirm für die Pflegeheime, um unkalkulierbare Kostenrisiken aufzufangen. Und er schlägt ein Entlastungspaket für Pflegeheimbewohner vor. Kern: ein „Sockel-Spitze-Tausch“. Bislang zahlen die Pflegekassen einen festen Betrag, die Kosten darüber tragen die Heimbewohner – künftig solle es anders herum sein, erklärt Schneider: die Bewohner zahlen einen fixen Betrag, Mehrkosten übernehmen die Pflegekassen. Damit die das stemmen können, bräuchte es ein steuerfinanziertes Sofortprogramm. Als zweiten Baustein müssten die Länder verpflichtet werden, einen Zuschuss an Heimbewohner zu zahlen, etwa ein monatliches Pflegegeld.

Hohe Kosten belasten die Pflegeheime

„Mit diesen beiden Bausteinen muss es gelingen, die Eigenanteile um mindestens 1000 Euro zu reduzieren und auf einen fixen Betrag einzufrieren“, sagt Schneider. Eine Sorge immerhin kann er nehmen: „Ich bin sicher: Im Pflegeheim wird niemand frieren. Wenn das Gas tatsächlich knapp werden sollte, dann wird es im Pflegeheim als letztes abgedreht.“ Trotzdem bereitet sich die Heimstiftung auf dieses Szenario vor. In der Zwischenzeit gilt in den Heimen, wie an vielen anderen Orten: Alle erhalten Tipps, um möglichst viel Energie einzusparen.

Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, ist sicher: „Im Pflegeheim wird niemand frieren.“ Foto: Pressebild/Evangelische HeimstiftungBernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, ist sicher: „Im Pflegeheim wird niemand frieren.“ Foto: Pressebild/Evangelische Heimstiftung

Wenn das Heizen der Wohnung zu teuer wird, könnten viele Menschen auf warme Orte angewiesen sein. Die Evangelische Gesellschaft (eva) in Stuttgart ist darauf vorbereitet, dass Hilfsangebote wie Wärmestube oder eva’s Tisch diesen Winter noch mehr Zulauf erhalten als sonst. „Wir sind da gut gerüstet und können flexibel reagieren“, sagt Peter Gerecke, Abteilungsleiter der Dienste für Menschen in Armut, Wohnungsnot und Migration. Er beobachtet, dass das Thema Energie in Beratungsgesprächen bisher kaum als konkretes Problem auftritt: „Es kam noch nicht vor, dass jemand eine Mahnung von seinem Energieversorger hatte. Was wir aber spüren: Die Sorge ist durchgehend da.“ Allerdings habe Stuttgart, sagt Gerecke, „mit das beste Wohnungsnotfallsystem der Bundesrepublik“. Falls jemand tatsächlich wegen der Energiekosten in Gefahr gerate, obdachlos zu werden, gebe es viele Hilfsmöglichkeiten. „Wir gehen nicht davon aus, dass viele ihre Wohnung verlieren werden.“

Die Vorbereitungen sind also getroffen. Doch wie sich die Energiekrise letztlich wirklich auswirken wird, kann natürlich auch Peter Gerecke nicht sagen: „Da wissen wir im Januar mehr als jetzt.“

Denn zu all der Ungewissheit kommt noch ein Faktor dazu, den viele schon vergessen zu haben scheinen: Corona. Man müsse bei der Wärmestube und bei der Unterbringung von Menschen die Infektionsauflagen beachten, sagt Peter Gerecke. Und auch Siglinde Hinderer stellt das Paradoxe der Situation diesen Winter heraus: „Bei Corona geht es darum, Abstand im Raum zu halten. In der Gaskrise darum, Räume intensiver zu nutzen.“ Abstand halten und Zusammenrücken gleichzeitig – wie das gehen soll, auch das wird sich diesen Winter zeigen. □

Tipps des Umweltreferats www.umwelt.elk-wue.de/gas-krise

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