Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hier ist für jeden Platz

Vor 25 Jahren gab es in Stuttgart die erste Vesperkirche. Hier wird gegessen, geredet, manchmal auch geschwiegen oder geschlafen. Inzwischen haben sich viele Vesperkirchen im Land entwickelt. Eindrücke bei einem Besuch in Stuttgart an einem eisigen Wintertag im Februar 2018. 


Ehrenamtliche bei der Essensausgabe in der Vesperkirche. (Foto: Werner Kuhnle)

Am Seiteneingang zur Leonhardskirche in Stuttgarts Innenstadt herrscht reges Treiben. Vor Transportern stapeln Männer unter lautem Zurufen leere Bäckerkisten aufeinander. Wer bei dieser bitteren Kälte draußen zu tun hat, bewegt sich. Anpacken, eine Aufgabe haben; das tut gut.
Wenige Schritte zum Windfang und durch die Schwingtür: Schon umfängt einen wohlige Wärme. Erstaunlich, dass sie sich nicht unter die Decke verflüchtigt, zu der allenfalls Neulinge aufschauen. Das Farbspiel der Buntglasfenster taucht die Szenerie zwischen hohen Wänden und Sandsteinpfeilern in behagliches Licht. Dass hier die Armen der Stadt Zuflucht suchen, ist nicht auf Anhieb zu erkennen. Das Gros der Leute sitzt allein, zu zweit und auch mal zu viert an den Tischen, manche mit Hund. Die meisten schauen vor sich hin, lesen Zeitung, nippen am Kaffeebecher oder suchen noch ihren Platz in dieser Welt. Ein gemächliches Umher.

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Die Hälfte des Kirchenschiffs dient als Speisesaal. Die Tische sind mit sonnengelben Plastiktischdecken und Primeltöpfchen geschmückt. Die bringen einen Hauch Frühling vor der Zeit hierher. Wiewohl in der Vesperkirche einiges los ist: Noch sind viele Stühle leer. Im Mittelgang bildet sich eine Menschenschlange. Der Beginn der Essensausgabe rückt näher. Immer öfter klappern Teller und Besteck.

Unter der Seitenempore sind eine Küche, eine Theke und die Arbeitszonen eingerichtet. An einer Pinnwand liest man: „Am Montag sind die Friseure da. Haarschnitt nur mit frisch gewaschenem Haar möglich.“ In nächster Nähe eine Nachricht für Gehörlose: „Freitags ist ein Gebärden-Dolmetscher anwesend“. Richtung Chor und Altarraum erstreckt sich seitlich ein Gemeinschaftstisch. Dort schmieren und belegen Ehrenamtliche in weißen Schürzen Brote. Es herrscht launige Betriebsamkeit. Der Altersdurchschnitt ist jünger als beim Rest der Anwesenden, auch wenn dort abgesehen von Säuglingen und Kindern jede Generation vertreten ist. Bei den Helfern sind Frauen in der Überzahl. Nicht so bei den Besuchern.

Die Warteschlange vor der Essensausgabe wächst. Wer Not leidet und wer sich aus Solidarität oder Neugier ins Geschehen mischt? Zu sehen ist das nicht unbedingt, auch wenn einzelne Gestalten verwahrlost wirken. Ihre Armut kann man riechen. Viele Besucher aber sind gut gekleidet, tragen Daunenjacken mit Emblem, Jeans und Sneaker, die Frauen Schmuck und Make-up. Dass das nichts bedeuten muss, ist eine Lektion, die an diesem Tag noch bevorsteht.

Die Kirchenbänke sind mit Sisaltauen abgesperrt. Dennoch hat sich dort schon ein Besucher in Winterjacke ausgestreckt. Später werden alle Bänke zu Schlafplätzen umfunktioniert sein. Meist von Familien aus Rumänien oder Ungarn. „Das sind Hunderte!“, sagt ein adrett wirkender Mann mit ratlosem Kopfschütteln zu seinem wortkargen Gegenüber. Wie viele hier, starrt er vor sich hin.

Krägen werden hochgeschlagen, Jacken zugeknöpft. Die Tür des Haupteingangs schaufelt nun mit eintreffenden Besuchern stoßweise Kälte ins Kirchenschiff. Die Schlange im Mittelgang biegt längst zur Seite. Die Armutsflüchtlinge aus Osteuropa kommen im Pulk, verschaffen sich Platz. Das bringt Unruhe oder Leben, je nach Blickwinkel. Vorne gibt es einen kleinen Tumult. Wütende Wortfetzen, eine drohende Geste. Dann beruhigt sich die Lage wieder.

Der adrette Tischnachbar taxiert die Neuankömmlinge so widerwillig wie fasziniert. Er murmelt: „Wir haben eine Wohnung. Die nicht. Die schlafen draußen, bei dieser Eiseskälte.“ So einfühlsam die Worte sind, empathisch klingen sie nicht, aber doch, als zählten solche Fakten. Die relativieren mitunter die eigene Not.

Am Nebentisch sucht ein langer Kerl mit funkelndem Blick das Gespräch mit einem Wolfram. Der trägt Lodenmantel und hat strähniges Haar. Typ Eigenbrötler. „Hey du, Wolfram: Wenn du Hilfe brauchst, gib Bescheid. Also, gib Bescheid, wenn du Hilfe brauchst: muskulär, du weißt schon, nicht monetär.“ Nach einem knappen Nicken verläuft die Kontaktaufnahme im Sande. „Ich bin Freund von der ganzen Welt“, ruft der selbsternannte Retter über die Köpfe hinweg, schaut auf die wachsende Menschenschlange und spricht wie zu sich selbst: „Weiß auch nicht, wo die alle schlafen.“

Plötzlich duftet’s nach Käsespätzle. Ein Mann trägt seinen gefüllten Teller an den Tisch. Fast eine Stunde Anstehen hat er hinter sich. Gedrängelt wird nicht. Die Bedürftigen sind daran gewöhnt, hinten anzustehen. Es herrscht Disziplin. Eine Muslima gibt Essen aus, mit ihrem weißen Kopftuch fast eine Mariengestalt. Geduld und ein Lächeln hat sie für jeden. Nach etwa einer Stunde Essenszeit landen Röhrennudeln mit Sauce auf den Tellern. Der schwäbische Sattmacher hat nicht für alle gereicht.

Mittlerweile ist jeder Stuhl umkämpft. Wer seinen Platz räumt, verliert ihn prompt. Zwei Frauen schert es nicht, als es heißt, die Plätze seien belegt. Unter empörten Tiraden fahren sie ihre Ellenbogen aus. Ihre junge Begleiterin sagt scheu: „Nur Essen, bitte.“ Als die angestammten Platzhalter mit gefüllten Tellern zurückkommen, suchen sie sich achselzuckend neue Plätze. Sie haben eine Wohnung. Die anderen schlafen unter Brücken.

Einige Tische weiter ein Zwischenfall: Sanitäter werden zu einem in sich zusammengesackten Mann geführt. „Halleluja“, ruft irgendwer. Nach einer notdürftigen Untersuchung wird eine Bahre herbeigetragen. Viel Beachtung bekommt der Vorfall nicht.

Unterhalb der Kanzel pilgern jüngere Männer immer wieder zu einer Mehrfachsteckdose. Sie schenkt ihren Smartphones neuen Saft. Das scheint so wichtig wie die wärmende Tasse Kaffee für sie selbst. Nur ein paar Schritte weiter: eine mit Malsachen bestückte Spielecke für Kinder. Momentan leer.

Die Ehrenamtlichen machen Pause. An die Kirchenmauer gelehnt oder an den frisch gewischten Arbeitstischen bleiben sie unter sich. Zeit, durchzuatmen.

Der Hall von klapperndem Geschirr lässt nicht nach. Dabei hat sich die Schlange vor der Essensausgabe halbiert. Eine ältere, recht schmale Frau sitzt allein an einem Tisch: lebhaft helle Augen unter fein nachgezogenen Brauenbögen, Goldringe an den gepflegten Fingern mit rosig lackierten Nägeln. Fast mädchenhaft verschmitzt das Lächeln. Immer noch eine Schönheit. Freundlich verweist sie darauf, dass sie auf jemanden warte – und sucht dann doch das Gespräch. 66 Jahre sei sie alt. Bis vor einigen Jahren Altenpflegerin von Beruf und zuletzt ehrenamtlich tätig. Nein, nicht hier in der Vesperkirche, anderswo. Junge Praktikantinnen seien an ihre Stelle gerückt. „Das schmerzt. Das Ehrenamt hat mir Energie gegeben.“ Nun komme sie eben in die Vesperkirche, vor allem um unter Leuten zu sein, eine Kleinigkeit zu essen, weg von Daheim, auch wenn sie glücklich über ihre Wohnung sei. „Nah am Wald und voller Antiquitäten.“ Ein Dach über dem Kopf zu haben, was für ein Glück!

Nie habe sie sich vorstellen können, dass sie einmal in der Vesperkirche lande. „Die Nachbarn ahnen nichts. Auch mein Sohn weiß nicht, dass meine Rente nicht zum Leben reicht.“ Mit staatlichen Zuschüssen halte sie sich über Wasser. „Das könnte ich ihm nicht erzählen. Ich würde mich zu sehr schämen.“ Seine Einladungen nach Norddeutschland zu den Enkeln schlage sie aus. „Ich kann mir die Zugfahrt nicht leisten.“

Immer habe sie in die Rentenkasse eingezahlt. Die nun verfügbare Summe reiche gerade für Miete, Strom und ihre Monatskarte für Bus und U-Bahn. Zweimal im Monat bringe der Sozialarbeiter ihr Taschengeld. „Das ist ein Lieber.“ Sie weiß: „Armut kann jeden treffen.“ Nie habe sie Bedürftige abgestempelt. „Das sind ja hier nette Leute.“ Ihre weite Geste drückt aus, dass sie niemanden ausschließt.

In der Vesperkirche sähe sie, dass sie nicht die Einzige sei, der es so geht. „Ich bin in guter Gesellschaft.“ Hier könne sie von ihrer Armut erzählen. Es freut sie, dass man sie ihr nicht anmerkt. „Ich will gepflegt sein.“ Ein Lächeln, ein Händedruck. Nun müsse der Platz neben ihr frei werden. „Ich habe hier jemanden kennen gelernt, und der kann jederzeit kommen.“


Einen Überblick über alle Vesperkichen im Land gibt es im Internet: www.vesperkirche.de/vesperkirchen-in-anderen-staedten

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