Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hier und jetzt leben

Alter in Würde: So lautet das Motto der diesjährigen „Woche für das Leben“. Aber was ist Würde eigentlich? Wie stellen sich Menschen, die mit alten Menschen zu tun haben oder selbst alt sind, würdevolles Leben vor? In fünf Porträts und Stellungnahmen soll diese Frage hier beleutet werden. Den Anfang macht die Geschichte einer Pflegehilfskraft aus Korntal.

 
Mit kleinen Berührungen versucht Elke Thake den alten Menschen zu vermitteln, dass sie jetzt ganz bei ihnen ist. Fotos: Benny Ulmer

An den typischen Geruch, der in Pflegeheimen vorherrscht, musste sich Elke Thake erst gewöhnen. Doch das sei für sie die einzige große Umstellung gewesen, sagt die 53-Jährige. Ansonsten geht die Mutter von vier Kindern seit zweieinhalb Jahren mit viel Freude ihrer Arbeit als Pflegehilfskraft im Pflegeheim auf dem Roßbühl in Korntal nach. 

In der Einrichtung der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal hat die gelernte Hotelfachfrau eine 40-Prozent-Stelle inne. Mit großem Einsatz versucht sie, ihren Teil dazu beizutragen, um den Bewohnern ein würdevolles Leben im Alter zu ermöglichen – was manchmal eine große Herausforderung ist. Das jedenfalls zeigt ihre Erfahrung.

„Es gibt natürlich sehr viele Richtlinien und Vorschriften, etwa im Hygiene-Bereich. Die machen es einem nicht immer einfach, auf die individuellen Wünsche der Menschen einzugehen.“ Auch die zeitlichen Vorgaben können den nötigen Freiraum der Pflegekräfte erheblich einschränken. Und dann gibt es noch die unterschiedlichen Perspektiven von Pflegepersonal, Bewohnern, Angehörigen und Ärzten, die für Reibungspunkte sorgen und aufeinander abgestimmt sein müssen – zum Wohl der zu betreuenden  Menschen.

Am Ende, ist Elke Thake überzeugt, „hängt viel von der persönlichen Einstellung ab, wie man an die Sache herangeht“. Eines steht für die gebürtige Stuttgarterin jedoch fest: „Wenn ich zu den Bewohnern reingehe, lebe ich im Hier und Jetzt und schenke ihnen meine volle Aufmerksamkeit. In diesem Moment gibt es für mich nichts anderes. Und wenn ich keine Zeit habe, sage ich es ihnen.“
Ansonsten versucht Elke Thake, zu erspüren, welche Bedürfnisse die Menschen haben, die sie betreut. Was nicht immer leicht ist. Vor allem, wenn diese zwar geistig noch fit sind, sich aber nicht mehr richtig artikulieren können. Das empfindet sie als besonders schmerzlich.

Mit kleinen Gesten zeigt sie den Betroffenen dann, dass sie sie wahrnimmt. „Zuwendung“, sagt Elke Thake, „muss nicht heißen, dass man 20 Minuten am Stück Zeit hat für den anderen. Diese kann sich auch in einem Lächeln oder einer kleinen Berührung ausdrücken.“

Die Woche für das Leben

Anlässlich der Woche für das Leben findet am Samstag, 16. April, um 17 Uhr in der katholischen Kirche St. Johannes in Nürtingen, Vendelau­straße 30, ein landesweiter ökumenischer Gottesdienst statt.

Die Woche für das Leben vom 9. bis 16. April steht in diesem Jahr unter dem Motto „Alter in Würde“. Dabei stehen die Lebensbedingungen im Alter im Mittelpunkt. Themen sind  unter anderen die Lebens- und Wohnsituation von alten Menschen und die Frage, wie soziale Kontakte aufrecht erhalten werden.
Getragen wird die Woche für das Leben von den evangelischen und katholischen Kirchen. Bundesweit wird die Woche am 9. April mit einem Gottesdienst im Mainzer Dom eröffnet.

Schwester Hanne kümmert sich im Alter um Mitschwestern

„Das Herz singt immer mit“

„Man muss immer zuhören“, betont Schwester Hanne. Foto: Gemeindeblatt

Sonnenstrahlen fallen in Hanne Finks Wohnung in der Diakonissenanstalt Stuttgart. Die 79-Jährige liebt das Licht, nicht nur das der Sonne, sondern auch die Leuchtkraft, die im übertragenen Sinne von der Bibel ausgeht. Das Wort Gottes begleitet die Diakonisse seit ihrer Kindheit, jetzt bestärkt es sie im Älterwerden. Vor 60 Jahren wurde Schwester Hanne als Diakonisse eingesegnet und bekam den Spruch „Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir“ (Jesaja 60,1) mit auf den Weg.

Wie das Licht im Wort Gottes und in ihrer Wohnung spielt auch die Natur in ihrem Leben eine große Rolle. So geht Schwester Hanne auch heute noch gerne spazieren, allein oder mit anderen und beobachtet die Vögel im Garten. Die hat sie sich auch in die Wohnung geholt: Zu jeder vollen Stunde zwitschert ihre Uhr an der Wand. „Diese Vögel sind pflegeleicht“, erzählt die Schwester mit einem Lachen. Sie meint das natürlich nicht ernst. Aber es weist auf etwas hin, das Schwester Hannes Leben bis heute prägt: das Helfen und Pflegen.

Sie lernte zunächst Krankenschwester, später war sie Gemeindepflegerin. Ihr Fundament war stets der Glaube an Jesus Christus. Noch heute kümmert sie sich gerne um andere, auch wenn sie nicht mehr alles machen kann. Jeden Morgen besucht die Diakonisse eine blinde Mitschwester mit Parkinson, um ihr beim Essen zu helfen: „Das braucht Zeit und Geduld“, sagt sie. Auch bei dementen Menschen ist es wichtig, Zeit zu haben. „Man muss immer zuhören, auch wenn sich der Gesprächspartner wiederholt.“
Außerdem solle man bereit sein zu lernen: Wer einem dementen Menschen sage, dass es jetzt Zeit ist, zum Essen zu gehen, bekomme unweigerlich die Antwort „Ich weiß“. Wie viel schöner klingt es, den anderen zu fragen, ob er mitkommen will. „Dann sagt der: ‚Ich komme gleich‘.“ Schwester Hanne ist fest davon überzeugt: „Ein älterer Mensch gehört in die Gemeinschaft“.

Schwester Hanne hat immer im Chor gesungen. Jetzt macht die Stimme nicht mehr mit, dennoch ist sie dabei. Das Herz kann immer mitsingen“, sagt sie. Mit ihrem Chor war sie vor 22 Jahren in Israel. Danach erkrankte sie schwer, heute ist sie geheilt, doch manches ist seither nicht mehr möglich. Sie hat aber gelernt, damit umzugehen:  „Man muss sich loslösen von dem, was nicht mehr geht.“ Von Katharina Staak

Augustinum-Bewohner Wolfgang Kramer

Luxus und Freiheit neben Krankheit und Tod

Der Spiele­erfinder Wolfgang Kramer genießt die Zeit im Heim. Foto: Gemeindeblatt

Wolfgang Kramer (74) hat einen ganz außergewöhnlichen Beruf: Er ist Spiele-Erfinder. Mehrere bekannte Brett- und Kartenspiele sind seiner Fantasie entsprungen, Spiele des Jahres wie „Heimlich und Co.“ oder „Mitternachtsspitzen“ machten ihn zu einem erfolgreichen Einzelunternehmer. Als er dann mit 67 Jahren sein Haus in Korntal verkaufte und mit seiner Frau in die Seniorenresidenz Augustinum auf dem Stuttgarter Killesberg zog, da tat er das nicht, um sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Im Gegenteil: Mehr Freiräume fürs Spieleerfinden wollte er haben und weniger lästige Alltagspflichten mit der eigenen Immobilie.

Im Augustinum wird ihm fast alles abgenommen. Probleme mit dem Kühlschrank, der Heizung, dem Fernseher, dem Computernetzwerk: Ein Anruf bei der Haustechnik genügt und schon ist es behoben. 5000 Euro bezahlt er monatlich dafür. Es ist ein Leben wie in einem Vier-Sterne-Hotel mit Rezeption, Restaurant, organisiertem Ausflugsprogramm und Abendunterhaltung. Fast merkt man gar nicht, dass man auch in einem Pflegeheim ist.

Fast. Denn immer wieder kommt es vor, dass der kerngesunde Nachbar plötzlich nicht mehr kerngesund ist. Dass Menschen, mit denen man vor kurzem noch fröhlich plauderte, nicht mehr dazu in der Lage sind. Es ist eine Umgebung des Alters, in der man allem Luxus zum Trotz täglich auch Krankheit und Tod vor Augen geführt bekommt. „Das muss man wissen, wenn man hier ist“, sagt Kramer.

Er selbst gehört noch zu den sehr Aktiven. Macht Reisen mit, besucht Film- und Musikvorführungen, genießt das gute Essen und die große Höflichkeit des Personals. „Das ist angenehm und doch nie zu viel.“ meint er. Die Mitarbeiter reden Gottseidank noch wie normale Menschen und nicht wie Sprechautomaten, die Sätze auswendig gelernt haben. „Man muss früh hierher kommen,“ sagt Wolfgang Kramer, „und nicht erst dann, wenn nichts mehr geht.“ Sonst kann man die Fülle der Angebote gar nicht ausnutzen. Zu den regelmäßigen Programmpunkten im Augustinum gehört auch ein Spieleabend: mit Erfinder Wolfgang Kramer! Von Andreas Steidel