Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hier war Gott gegenwärtig - Das Warthburg Experiment

Beim Wartburg-Experiment verbringen drei Schriftsteller jeweils rund vier Wochen auf der Wartburg, um dort in Zwiesprache mit Luthers Bibelübersetzung literarische Texte zu verfassen. Der Lyriker Uwe Kolbe war der Erste, der sich dieser Aufgabe gestellt hat. In seinen eigenen Worten berichtet er hier, wie eindrücklich diese Zeit für ihn war. Die Fragen stellte Martin Janotta.

Uwe Kolbe auf der Wartburg mit einem Faksimile der Erstausgabe von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. Foto: Pressebild/ Wartburg StiftungUwe Kolbe auf der Wartburg mit einem Faksimile der Erstausgabe von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. Foto: Pressebild/ Wartburg Stiftung

Sie haben knapp einen Monat auf der Wartburg verbracht und dort geschrieben. Was hat Sie an diesem Experiment gereizt?

Uwe Kolbe: Schriftstellern öffnen sich gelegentlich Häuser. Sie bewerben sich zum Beispiel auf Stipendien und arbeiten dann in fremder Umgebung an ihren Texten, an ihren eigenen Themen. Im vorliegenden Fall ist an dem Ortswechsel manches anders. Erstens handelt es sich um eine jeweils persönliche Einladung durch die beteiligten Stiftungen. Zweitens ist daran ein konkreter Arbeitsauftrag geknüpft. Und drittens und vor allem handelt es sich bei dem Ort um die Wartburg. Es hatte mich sofort gereizt, nach Jahrzehnten wieder, aber vor allem nicht als Tourist auf die Wartburg zu kommen. Hier fächern sich mehr als eintausend Jahre Geschichte auf, vorwiegend als Geschichten in der Mehrzahl: Hier lebte Elisabeth von Thüringen, entwickelte sich ihre Frömmigkeit und ihr karitatives Wirken. Hier ist die Sage vom Sängerwettstreit angesiedelt. Hier feierte die Jenaer Urburschenschaft das patriotische Fest, aus dem die demokratische, deutsche Trikolore hervorging. Hier fand Richard Wagner seinen „Tannhäuser“; das Vorbild für den „Venusberg“, der Hörselberg, liegt in Sichtweite der Burg. Und chronologisch etwa in der Mitte, im Jahr 1521, wird der von Papst und Kaiser geächtete Mönch und Professor der Theologie Martin Luther im Auftrag des sächsischen Kurfürsten hierher verbracht und „aus dem Verkehr gezogen“. Damit sind wir bei dem konkreten Schreibauftrag, den Iris Wolff, Senthuran Varatharajah und ich angenommen haben. Luther war in dem knappen Jahr seines Aufenthalts hochproduktiv. Aus heutiger Sicht krönender Abschluss seines Aufenthalts war die Übersetzung des Neuen Testaments in gültiges Deutsch. Diesem kanonischen Text sich mit einem eigenen zu stellen – es kann sich nur um ein Experiment handeln. Ein herausforderndes. Gegenüber Luthers Furor und Fortune beim Umgang mit dem Idiom seiner Zeit braucht es beides auch für uns.

Was fasziniert Sie an Luther und seiner Bibelübersetzung?

Uwe Kolbe: Luthers Leistung als Übersetzer und Schöpfer eines deutschen Schriftstandards, der auf allen Ebenen mit der gesprochenen Sprache verbunden ist, sollte bitte allen bewusst sein, die mit unserer Sprache in irgendeiner Weise umgehen. Ausdrücklich aber gelte das, finde ich und hoffe es bei mir selbst, für eine poetisch-schöpferische Weise.

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Wie beeinflusst Sie als Schriftsteller der Ort, an dem Sie schreiben?

Uwe Kolbe: Pauschal ist das nicht zu sagen. Ein Ort könnte mir auch gleichgültig sein im Verhältnis zum Text, wenn die Arbeitsbedingungen ansonsten stimmen. Im vorliegenden Fall ist aber die Verbindung von Ort, Geschichte und Themenstellung unabweislich. Ich habe mich bewusst darauf eingelassen. Und wenn ich unmittelbar nach dem Aufenthalt auf das noch rohe Ergebnis schaue, könnte das in Material und Komposition nirgendwo anders gemacht sein. Die Wartburg, der Thüringer Wald, die Stadt Eisenach und die Menschen, mit denen ich ins Gespräch kommen durfte – sie haben alle mitgeschrieben.

» Es hatte mich sofort gereizt «

Auf der Wartburg war „Gott gegenwärtig“, haben Sie gesagt. Wie haben Sie selbst Gott dort wahrgenommen?

Uwe Kolbe: Mein Satz steht skeptisch in der Vergangenheit: „Hier war Gott gegenwärtig.“ Zu mehr kann ich mich diesbezüglich nicht verstehen. Massentourismus ist auch an religiösen Stätten kein schönes Phänomen, ob in Jerusalem, in Mekka oder auf der Wartburg. Die meist andachtsvolle und gelegentlich kenntnisreiche Annäherung an die hiesige Lutherstube spricht dafür, dass deren Aura ungebrochen ist. Gott aber könnte für einen, der mit ihm im Gespräch wäre, in den Büchern gegenwärtig sein oder in der Abenddämmerung auf dem Elisabethplan weit unterhalb der Burg.

Was bleibt für Sie persönlich von diesem Monat auf der Wartburg?

Uwe Kolbe: Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die das Experiment erdacht und uns eingeladen haben. Dankbarkeit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Abteilungen der Wartburg gegenüber und denjenigen, die in Eisenach Türen öffneten. Dankbarkeit für die Erfahrung, dass sich hier so viele den so unterschiedlichen Aspekten von lokal sedimentierter Geschichte ernsthaft, produktiv und zeitgenössisch angemessen stellen, ohne zu verzagen: von Elisabeth bis Luther, von Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner, vom „Ersten Allgemeinen deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongress“ bis zum „Entjudungsinstitut“ der evangelischen Landeskirchen der NS-Zeit.

War diese eindrückliche Zeit auf der Burg auch eine produktive Zeit? Was haben Sie dort geschrieben?

Uwe Kolbe: Mein „Wartburg-Konglomerat“ (ich habe mir den geologischen Begriff sofort als Arbeitstitel reserviert!) wird für jeden der achtundzwanzig Tage einen Text enthalten. Das umfasst schon jetzt Gedichte verschiedener Art und Stilistik, einen Kurzessay, die Briefform. Zum Glück dürfen wir bis zur Abgabe der Druckfassungen noch etwas „nacharbeiten“.

Das Wartburg-Experiment

Direkt neben Luthers Schreibstube verbringen zwei Schriftsteller und eine Schriftstellerin je vier Wochen und schaffen, im Dialog mit Luthers Bibelübersetzung, eigene literarische Texte. Das ist das Wartburg-Experiment, organisiert von der Internationalen Martin Luther Stiftung mit Sitz in Erfurt und von der Deutschen Bibelgesellschaft mit Sitz in Stuttgart.

Zum Auftakt war Uwe Kolbe vom 7. September bis 4. Oktober auf der Wartburg. Kolbe wurde in Ost-Berlin geboren und ist seit 1979 freier Schriftsteller. Seine ersten drei Gedichtbände erschienen sowohl in der DDR als auch im westdeutschen Suhrkamp Verlag. 2012 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis. Zuletzt erschienen sein Roman „Die Lüge“ sowie die Gedichtbände „Gegenreden“ und „Imago“.

Senthuran Varatharajah, Schriftsteller und Philosoph. Foto: Wartberg-Stiftung

Iris Wolff, Autorin, Buchpreisträgerin. Foto: Pressebild

Am 5. Oktober kam Senthuran Varatharajah auf die Burg. Der in Jaffna, Sri Lanka, geborene Schriftsteller studierte Philosophie, evangelische Theologie und Religionsund Kulturwissenschaft in Marburg, Berlin und London. 2016 erschien sein Debütroman „Vor der Zunahme der Zeichen“, für den er den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis bekommen hat.

Dritte im Bunde ist Iris Wolff. Die Autorin verlebte ihre Kindheit in Siebenbürgen und dem Banat, studierte Germanistik, Graphik und Malerei sowie Religionswissenschaft in Marburg. Ihr erster Roman „Halber Stein“ erschien 2012. Im Jahr 2020 war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert, ein Jahr später bekam sie den Evangelischen Buchpreis für ihren Roman „Die Unschärfe der Welt“.

Das Experiment wird in den Sozialen Medien und mit mehreren Veranstaltungen begleitet. Die literarischen Ergebnisse werden veröffentlicht.