Christliche Themen für jede Altersgruppe

Himmlische Dörfer

Künstlerisch gestaltete Besinnungswege können Menschen auf ganz neue und andere Art und Weise berühren. Der Besinnungsweg auf der Ehinger Alb ist ein Ziel für stille Entdecker. Eine 50 Kilometer lange Themenroute entlang von Wäldern, Wiesen und Dörfern, die den Wanderer immer wieder überraschen. Zum Beispiel am Ortsrand der evangelischen Gemeinde Mundingen. 


Dörfer und Dorfkirchen auf der Ehinger Alb: Altsteußlingen. (Foto: Gemeindeblatt)

Man soll im Leben nichts auf die lange Bank schieben. Die Sitzbank am Waldrand in der Nähe von Mundingen ist sehr lang. 60 Menschen haben darauf Platz. Daneben steht eine kurze Bank, sie ist so klein, dass darauf kaum einer wirklich sitzen kann. Je länger man die beiden Bänke am Wegesrand betrachtet, desto klarer wird: Die lange Bank kann auch die bessere Lösung sein. Sie bietet Raum zum Sitzen, zum Genießen, für Menschen mit einem Sinn für gemütliche Geselligkeit.

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„Die lange und die kurze Bank“ sind eine Station auf dem „Lebens-Horizont-Weg“ in Mundingen. Der „Lebens-Horizont-Weg“ ist einer der sechs Themenwege, die wie Perlen an der Kette des großen Ehinger Besinnungsweges hängen. Örtliche Rundwege, die den Hauptweg immer wieder unterbrechen. Kleine Inseln des Innehaltens, in denen die Botschaft steckt: Eile nicht, sondern verweile, nimm dir Zeit und zähle nicht die Kilometer.

„Der siebte Tag ist ein Ruhetag“ steht an der kurzen und langen Bank geschrieben. Es ist eine Bibelstelle aus dem fünften Buch Mose. Jedem der sechs Stationen des „Lebens-Horizont-Wegs“ ist ein Satz aus der Bibel gewidmet, eine kleine Weisheit, die zum Nachdenken anregen soll.

Ganz am Anfang war es ein Spruch aus Lukas 6: „Verurteilt nicht, dann werdet Ihr auch nicht verurteilt werden.“ Zwei sehr unterschiedliche Stuhlgruppen sind an einem Wegekreuz zu finden. Beim einen stehen die Stühle quer, niemand schaut dem anderen in die Augen: Zwietracht! Beim anderen in einem Kreis, alle sind einander zugewandt: Harmonie. „Frieden finden“ wird die Station genannt.

Der Weg geht durch Wiesen und Weiden. Hinter einer Brombeerhecke steht ein schwarzes Kreuz. Das heißt: Es liegt dort eigentlich auf dem Boden. Stehen tut hingegen die Figur davor, ein Kunstwerk der besonderen Art, das zeigt, dass der Tod nicht das Ende ist. Wieder-Auferstehung ganz plastisch dargestellt.

Der „Lebens-Horizont-Weg“ des Tübinger Künstlers Martin Burchard (sieh auch Interview Seite 6)ist einer der Höhepunkte auf dem Ehinger Besinnungsweg. Eine aufwändige Landschafts-Installation, die in einem weißen Flügelpaar gipfelt: „Enger und weiter Horizont“ wird sie genannt, mit stählernen Schwingen, die sich am Ende zum Himmel hin öffnen.

Wer auf dem Besinnungsweg in Mundigen angekommen ist, der hat schon Glaubensgrenzen überschritten. Das Dorf ist evangelisch, während das gesamte Umland eine katholische Vergangenheit hat. Hier treffen Alt-Württemberg und Vorderösterreich aufeinander, sie prägen, obwohl sie längst Geschichte sind, das Bild der Dörfer auf der Ehinger Alb bis heute.

Erbstetten ist ein urkatholischer Weiler. Ein Bauerndorf, das diesen Namen noch verdient. Wer es auf dem Besinnungsweg erreicht, ist schon ein Stück entlang der Lauter gegangen. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, tuckern Traktoren um den Kirchturm herum – mit großen Rädern und Anhängern. „Unser tägliches Brot“, heißt hier das Motto des Themenrundwegs, man kann es auf den Feldern förmlich riechen, wie es wächst und gedeiht.

Der stille Höhepunkt Erbstettens ist seine Kirche. St. Stephanus heißt sie, ein hübscher weißer Bau mit rotem Dach, umgeben von einem alten Kirchhof und einer hohen Mauer. Ihr Inneres zieren alte Fresken, farbenfrohe Darstellungen der Apostel, die erst 1979 wieder freigelegt wurden. Die kleine Dorfkirche von Erbstetten mit ihrer Pietà am Hochaltar ist ein Kulturdenkmal und ein bezaubernder Ort der Einkehr.

Das Zentrum der Ehinger Alb und des Besinnungswegs ist Dächingen. Die 50 Kilometer lange Rundstrecke geht einmal in weitem Bogen um den Ort herum. Hier steht das Biosphären-Informationszentrum Ehinger Alb, das im Wesentlichen ein Infozentrum für den Besinnungsweg selbst ist. In einem Raum der Stille kann man sich auf den Weg einstimmen, es gibt sogar einen Meditationsfilm, der speziell für den Besinnungsweg produziert wurde.

2011 wurde der Ehinger Besinnungsweg eröffnet. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt der Ehinger Ortsteile Dächingen, Altsteußlingen, Mundingen, Erbstetten, Frankenhofen und Granheim. Es gibt sogar einen eigenen Förderverein, der ihn unterstützt, hegt und pflegt, seine Vorsitzende Wiebke Fischer war einst die Dorfschulrektorin auf der Ehinger Alb.

Das „Schneckenhäusle“ in Frankenhofen ist der höchste Aussichtspunkt des Besinnungswegs. Von hier aus kann man weit ins Land schauen, bis in die Lutherischen Berge, die gleich hinter Frankenhofen beginnen. Ihren Namen haben sie bekommen, weil der Herzog von Württemberg 1581 eine frei werdende Herrschaft übernahm. Seither sind die Dörfer Grötzingen, Ennahofen und Weilersteußlingen evangelisch im Sinne Luthers.

Altsteußlingen hingegen ist katholisch geblieben. Es markiert heute Anfang und Ende des Besinnungsweges. An der Stoffelbergkapelle ist das erste aller Wegeschilder, hier endet der Besinnungsweg für den, der ihn komplett macht. In Altsteußlingen gibt es wieder einen Themenrundweg, der einen Abstecher lohnt. Er beginnt im Ortszentrum und ist als Stationenweg angelegt, ein Kreuzweg der modernen Art, mit künstlerisch gestalteten Symbolen. 3,3 Kilometer ist er lang, man kann ihn in einer Stunde bequem erwandern.

Der Blick über die Streuobstwiesen hinunter nach Altsteußlingen ist eine Augenweide, das Motto des Weges eine Wohltat für die Seele: „Last aufnehmen, Last abgeben“ steht am Wegesrand geschrieben. Man kann symbolisch an der ersten Station einen Stein ins Gepäck nehmen und ihn an der letzten wieder ablegen.