Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hinter der Glasscheibe - Corona begünstigt den Strukturwandel

Der öffentliche Raum hat sich im Jahr 2020 in die digitale Welt verlagert. Das hat Vorteile, aber auch negative Seiten. Herausforderung für das neue Jahr wird es sein, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern. Und auch der Klimawandel fordert klares politisches Handeln.

Wenige Menschen, und die auf Abstand: Der öffentliche Raum hat sich gewandelt, wie hier auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: hunterbliss/ Adobe StockWenige Menschen, und die auf Abstand: Der öffentliche Raum hat sich gewandelt, wie hier auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: hunterbliss/ Adobe Stock

Fünf oder zehn Kontaktpersonen. Ein oder zwei Haushalte. Schließung der öffentlich zugänglichen Kulturstätten und Museen. Lockdown für Restaurants und Begegnungsorte. In einer noch nie dagewesenen Intensität erfolgte in diesem Jahr ein kontrollierter und verordneter Rückzug von Bürgerinnen und Bürgern aus dem öffentlichen Raum. Für viele Zeitgenossen spielte und spielt sich das Leben vornehmlich in den eigenen vier Wänden ab. Was für den Einen als angenehm erschien oder noch erscheint, weil er zum Beispiel einen Garten hat, digital vernetzt lebt und auch im Homeoffice arbeiten kann, ist für die Andere bis heute ein defizitärer Ort. Vielleicht sogar ein Ort, an dem physische oder psychische Gewalt erfahren wird.

Ob so oder so: Im Jahr 2020 hat sich der öffentliche Raum schleichend, aber doch massiv verändert. Und es steht zu erwarten, dass viele dieser Veränderungen auch nach der Corona-Krise bleiben werden. Längst rufen es die Spatzen von den Dächern: Die Corona-Krise 2020 ist kein wieder wettzumachender „Betriebsunfall“, sondern wird die gesamte Gesellschaft dauerhaft verändern. Neben dem Terroranschlag 2001 sowie der globalen Finanzkrise 2008 wird das Jahr 2020 in die Weltgeschichte eingehen.

Strukturwandel - An vielen Orten zur gleichen Zeit

Unter anderen Bedingungen sprach der Philosoph Jürgen Habermas 1962 vom „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Er nahm damals die 68er-Jahre vorweg, in der Restbestände des Feudalen die europäische Gesellschaft prägten. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“: Das war der Aufruf zur Demokratisierung aller Lebensbereiche. 2020 haben wir es erneut mit einem massiven „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ zu tun. Er ist sprichwörtlich über uns gekommen wie der Blitz vom Himmel. Und er wirkt sich gegenwärtig nicht nur positiv aus. Zunächst: Der öffentliche Raum hat sich 2020 mehr und mehr in den entgrenzten digitalen Raum verlagert. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat uns in einem atemberaubenden Tempo geradezu überrannt.

Masken prägen den Alltag.  Foto: zigres/  Adobe StockMasken prägen den Alltag.  Foto: zigres/  Adobe Stock

Hochzeiten, Konzerte, Proteste, Tagungen, Diskurse, Gottesdienste, Feiern – was sonst auf Straßen, auf öffentlichen Plätzen, in öffentlichen Räumen oder in öffentlich zugänglichen Kulturstätten stattfand, verlagert sich ins Netz. Dort herrschen andere Regeln und Gewohnheiten als im öffentlichen Raum mit der leibhaftigen Begegnung. In der virtuellen Realität können wir an verschiedenen Orten gleichzeitig sein. Was für ein Gewinn! Und das ohne jeden Verlust an Lebenszeit! Aber: Emotionalität, körperliche Nähe, Berührung, nachhaltige Veränderung der Haltungen – all dies lässt sich über Internetleitungen nur bedingt oder gar nicht transportieren und erzeugen. Schon vor der Corona-Pandemie galt die Gesellschaft in der Tiefe als „unterkühlt“. Die gegenwärtige Krise hat das Problem heftig verschärft und den öffentlichen Raum zum Raum der Glasscheibe werden lassen, hinter der ich mich verstecken kann, von der ich jedoch nie und nimmer berührt werde: Der öffentliche Raum ist beredter, vielfältiger, aber eben leider auch stummer geworden.

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In der neu entstehenden und alles beherrschenden digitalen Öffentlichkeit wird es für mehrere Bereiche und Gruppen deswegen zunehmend existenzbedrohend: für die Kulturschaffenden und für die Zivilgesellschaft zum Beispiel. Aber auch für die Kirchen wird es nach der Corona-Krise schwieriger werden, den aktuellen Strukturwandel der Öffentlichkeit anzunehmen. Dass die Stimme der Kirchen in der Pandemie weniger zu hören war, hängt eben nicht nur damit zusammen, dass auch uns eine gewisse Ratlosigkeit und Schwere befallen hat. Kreativ wurde sehr viel von Kirchengemeinden im neuen öffentlichen Raum eingebracht. Digital fanden Gottesdienste statt, und sie atmeten beeindruckende Lebendigkeit. Aber die Botschaft des Evangeliums betrifft eben den ganzen Menschen, und niemand lebt bloß digital. Das Evangelium ist deswegen im Raum hinter der Glasscheibe schwerer zu verorten. Diese Herausforderung wird uns nach der Zeit der Pandemie erhalten bleiben.

Im Jahr 2020 haben wir erleben müssen, wie der demokratische Diskurs gelitten hat. Die große Herausforderung nach 2020 wird sein: die leibhaftige Begegnung zu fördern, den lebendigen Diskurs zu pflegen und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern. Wer die Diskussion mit körperlich anwesenden Zeitgenossen benötigt, darf doch gegenüber den digital Affinen kein schlechtes Gewissen haben. Er ist keineswegs ein Mensch zweiter Klasse. Und genauso wenig darf die physische Anwesenheit zum Luxusgut der Begüterten werden, weil sie es sich leisten können, an einem kulturellen oder politischen Ereignis mit Haut und Haaren teilzunehmen, während der Rest der Welt auf den Bildschirm starren muss. So wird sich auch das sozial-kommunikative Gefüge mit der Corona-Krise vollkommen neu ordnen, und wir werden darauf zu drängen haben, dass sich nicht Kluften zwischen neuen Gesellschaftsklassen auftun. Gerechte Teilhabe im digital-öffentlichen Raum – das wird das Thema der nächsten Jahre werden.

Videokonferenzen haben Präsenztreffen abgelöst.  Foto: Chaay tee, / Adobe StockVideokonferenzen haben Präsenztreffen abgelöst.  Foto: Chaay tee, / Adobe Stock

Und noch etwas anderes hat auf Grund der Corona-Pandemie im Jahr 2020 erheblich gelitten: die Auseinandersetzung mit der vor uns liegenden nächsten Krise. Die Klima-Krise nämlich hat das Zeug dazu, die gegenwärtige Corona-Krise mit ihren Einschränkungen, Verunsicherungen und Verstorbenen sowie mit ihrem Verlust an freien Finanzmitteln in den Schatten zu stellen.

Wochenlang schwammen wieder Fische in den Kanälen von Venedig, und der Himmel über Stuttgart war frei von Flugzeugen. Aber damit sind natürlich die eigentlichen Probleme nicht gelöst. Diese das Überleben auf diesem Planeten garantierenden Aufgaben lassen sich nicht damit vom Tisch fegen, dass die Eine weniger fliegt oder der Andere seinen Fleischkonsum einschränkt. Klare, mutige und eindeutige politische Entscheidungen für uns alle sind gefordert. Die ersten Monate der Pandemie haben gezeigt: Es ist auf einmal möglich. Es wird schnell entschieden. Viel Geld wird in die Hand genommen. Es wird erfolgreich an die Einsicht der Bürgerinnen und Bürger appelliert. Wäre dies nicht auch in Bezug auf die Klimakrise möglich und nötig?

Strukturwandel mitprägen - Werte und Maßstäbe einbringen

Der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, das Mehr-haben-Wollen, das Wachstumsdenken, die Reichweitenvergrößerung oder die Beschleunigung: Es kann nicht so weitergehen. Krisenzeiten laden zur Selbstbesinnung und zum Nachdenken ein. Chronische Krisen fordern zur kritischen Rückfrage auf – gerade auch uns Christinnen und Christen. Passen unsere moralischen, politischen und sozialen Ideale noch? Die Corona-Krise könnte uns mahnend vor Augen führen, was heute nötig ist, um globales Leid abzuwenden. Die aktuelle Krise könnte aber auch genauso zeigen: Lasst uns endlich den Mut aufbringen, gemeinsam die nötigen Entscheidungen treffen, Geldmittel für zukunftsweisende Technologien in die Hand nehmen und Veränderungen konsequent leben. Klimaneutralität ist keine versponnene Vision, sondern eine überlebensnotwendige Maßnahme!

Als Kirchen haben wir alles daranzusetzen, im neu entstandenen öffentlichen Raum werteorientierte Maßstäbe ins Gespräch zu bringen und Demokratie zu leben. Denn eine neue Normalität des sozialen Miteinanders beginnt sich zu formen. Zukunftskunst im öffentlichen Raum ist gefragt. Jetzt. Mutig. Bestimmt. Motiviert und motivierend zugleich. Mit Impulsen des Evangeliums der Hoffnung, des Glaubens und der Liebe. Eine spannende, lebensdienliche Aufgabe. □