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Hirntod und dann? - Organspende

In der vergangenen Woche haben wir die Hintergründe zur Organspende erläutert. Doch welche Gründe sprechen für die Widerspruchslösung und welche dagegen? Nachfragen bei zwei Experten mit unterschiedlichen Meinungen: Wolfgang Bettolo, Transplantationsbeauftragter des Klinikums Stuttgart, und Margot Papenheim, Referentin bei den Evangelischen Frauen in Deutschland.

Die Nachfrage nach Spenderorganen ist groß. (Foto: epd-Bild)

Bald sollen die Abgeordneten im Bundestag über die beiden Gesetzentwürfe zur Änderung des Transplantationsgesetzes abstimmen. Den Entwurf zur „doppelten Widerspruchslösung“ von einer Gruppe Abgeordneter um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und den Entwurf zur „Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende“ von einer Gruppe Abgeordneter um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock (siehe Kasten unten).

Auch Wolfgang Bettolo blickt gespannt nach Berlin. Der 54-Jährige ist Transplantationsbeauftragter am Klinikum Stuttgart. Wenn ein Patient potentiell als Organspender in Frage kommen könnte, prüft der Oberarzt, ob er dazu eine Erklärung abgegeben hat. In „leider viel zu seltenen“ Fällen läge eine eindeutige Verfügung vor, etwa ein Organspendeausweis. Ansonsten muss in Gesprächen mit den Angehörigen der mutmaßliche Wille des potentiellen Spenders herausgefunden werden.

Entscheidungen im Leben treffen

Zu Bettolos Aufgaben gehört auch Qualitätssicherung und Öffentlichkeitsarbeit. Dabei geht es ihm vor allem darum, Vorurteile zu bekämpfen. Etwa, dass es den Krankenhäusern darum ginge, Geld mit Organen zu verdienen. „Wir haben kein wirtschaftliches Interesse daran, dass Menschen sterben. Wir haben nur ein Interesse daran, dass die Menschen gerettet werden, die gerettet werden können.“ Die Hauptmotivation für sein Engagement sei, dass künftig niemand mehr sterben muss, weil er kein Spenderorgan bekommen hat.

Wolfgang Bettolo, Beauftragter für Organspenden

Bettolo ist für die Widerspruchslösung. „Ich habe die Annahme, dass die meisten Menschen prinzipiell helfen wollen“, sagt er. Dies sei auch seine Erfahrung aus Gesprächen mit Angehörigen. Aktuell würden viele Menschen, obwohl sie die Organspende grundsätzlich positiv beurteilen, aus Angst vor dem Tod oder schlicht aus Bequemlichkeit keine Entscheidung treffen.

Wolfgang Bettolo Transplantationsbeauftragter des Klinikums Stuttgart  (Foto: privat)

 

 

 

 

 

 

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Mit der Widerspruchslösung könnten die Organe dieser Menschen im Falle eines Hirntods transplantiert werden, sofern den Angehörigen kein Widerspruch bekannt ist. Wichtig sei allerdings, dass jeder schnell, unbürokratisch und unkompliziert widersprechen könne. Ein kurzer Eintrag ins Register oder auch eine Erklärung, von der die Angehörigen wissen, würde schon als Widerspruch genügen. „Wenn ich nicht Organspender sein möchte, kann ich mir hundertprozentig sicher sein, dass ich es auch nicht werde.“

Margot Papenheim Margot Papenheim sieht das anders. Die 63-Jährige ist Referentin beim Verband der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD). „Wir lehnen die Widerspruchslösung ab“, sagt sie. Zum einen wegen ethischer Bedenken, da eine „Spende“ nicht mehr freiwillig wäre, wenn man ihr ausdrücklich widersprechen müsse – eine Position, in der ihr Verband sich mit der evangelischen und katholischen Kirche einig sei. Zum anderen wegen verfassungsrechtlicher Bedenken, da die Unantastbarkeit der Menschenwürde auch über den Tod hinaus gelten müsse. Außerdem, sagt Papenheim, würde die absolute Zahl der Organspender durch die Widerspruchslösung nicht besonders steigen. 2018 hätte es nur 217 Spender mehr gegeben, wenn bereits eine Widerspruchslösung gegolten hätte.

Margot Papenheim, Referentin der Evangelischen Frauen Deutschland (Foto: privat)

Dass die EFiD sich so im Bereich Organspende engagieren, habe mit der Änderung des Transplantationsgesetzes 2012 zu tun, erklärt Margot Papenheim. Mit der Gesetzesänderung habe sich die Werbung für Organspenden massiv vermehrt. Die Werbekampagnen zur Organspende zielten oft auf Frauen und setzten diese unter besonderen moralischen Druck. Dieser Druck käme auch von den Kirchen, die „Organspende als eine Frage der Nächstenliebe“ definiert hätten, sagt Papenheim.

Die EFiD haben deshalb eine eigene Kampagne gestartet, mit einem alternativen Organspendeausweis. 40 000 davon habe man inzwischen verteilt, sagt Papenheim. Der Ausweis sei differenzierter als der übliche Organspendeausweis der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. So könne man etwa ankreuzen, dass auch im Falle einer vorliegenden Verfügung ein Angehöriger das Recht habe, der Organspende zu widersprechen.

Das eigentliche Problem sieht Margot Papenheim darin, dass zu wenige Erklärungen zur Organspende abgegeben würden. Papenheim ist sich sicher: „Viele Leute setzen sich schon mit dem Tod auseinander, haben aber Bedenken gegen Organspenden. Deshalb füllen sie keinen Ausweis aus.“ Die Menschen müssten besser informiert werden, unter anderem deswegen unterstützten die EFiD den Baerbock-Entwurf.

Für Wolfgang Bettolo sind viele Argumente gegen die Widerspruchslösung nicht stichhaltig. Schließlich gebe es ähnliche Lösungen in den meisten europäischen Ländern. Tatsächlich gelten Widerspruchslösungen in 21 EU-Ländern. „Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Gesellschaft Organspende möchte, dann sollten wir uns dafür einsetzen“, sagt Bettolo. Wenn es durch eine solche Lösung gelinge, die Wartelisten zu verkürzen, wäre sie „ethischmoralisch das Richtige“.

Bedenken, nicht Bequemlichkeit

Einige Kritikpunkte der EFiD gehen über die Gesetzentwürfe heraus. So die Frage: Sind Hirntote tatsächlich tot? Nach den Kriterien der Neurologie gilt ein Mensch mit dem Hirntod als tot. Die Evangelischen Frauen sehen das nicht so: „Hirntote sind nicht endgültig tot, sondern sterbende Menschen. Für uns trifft die Entscheidung, was Leben und was Tod ist, nicht die Medizin allein“, sagt Margot Papenheim. Den Tod könne man nicht nur am Ausfall des Gehirns festmachen. Zwar sei vom Hirntod eine Rückkehr ins Leben nicht mehr möglich, aber Hirntote könnten beispielsweise noch verdauen, ausscheiden oder von lebenden Kindern entbunden werden. Häufig käme es bei der Organentnahme auch zu Bewegungen des Körpers.

Können Hirntote also Schmerzen empfinden? „Das ist medizinisch nicht korrekt“, widerspricht Wolfgang Bettolo. Es gebe die „Lazarus-Phänomene“, Reflexe aus dem Rückenmark, die zu Zuckungen führen können.

Die Evangelischen Frauen sprechen sich dafür aus, dass eine Organentnahme nur unter Vollnarkose stattfinden soll. „Wenn ich mit einer Narkose helfen könnte, den Angehörigen die letzte Angst zu nehmen, würde ich das tun, auch wenn es medizinisch nicht notwendig ist“, sagt Wolfgang Bettolo dazu.

Die Gesetzentwürfe

Nach dem Gesetzentwurf zur „doppelten Widerspruchslösung“ käme künftig jeder als Organspender in Betracht – außer er hat dem ausdrücklich widersprochen. Dieser Widerspruch soll durch Eintrag in ein Register erfolgen. Käme ein Patient für Organ- oder Gewebeentnahme in Frage, befragt der Arzt außerdem die Angehörigen, ob ihnen ein schriftlicher Widerspruch oder ein entgegengesetzter Wille des möglichen Organspenders bekannt ist. Ein eigenes Entscheidungsrecht haben die Angehörigen nicht.

Der Entwurf zur „Stärkung der Entscheidungsbereitschaft“ besagt, dass die Menschen künftig noch besser informiert und regelmäßig, zum Beispiel durch Gespräche beim Hausarzt, an das Thema erinnert werden sollen. Ziel ist, dass sich möglichst viele mit einer – stets änderbaren – Entscheidung in ein Register eintragen.

 

Information

Informationen der BZgA zur Organspende gibt es im Internet: www.organspende-info.de

Die Kampagne der Evangelischen Frauen ist unter www.organspendeentscheide-ich.de zu finden.


Wolfgang Bettolo ist am 29. November um 16 Uhr in „Alpha & Omega – Kirche im Gespräch“ zu sehen. Die Sendung wird bei Bibel TV ausgestrahlt und ist danach abrufbar auf www.kirchenfernsehen.de

 

 

 

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