Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hochburg am Hochrhein - Waldshut eine Täufergemeinde

Die Täufer gelten als der radikale linke Flügel der Reformation. Acht Monate war das südbadische Waldshut eine Täufergemeinde, mit einem Vorkämpfer namens Balthasar Hubmaier. Die heutige Baptistengemeinde trägt seinen Namen.

Titel: Taufe bei einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in der Elbe. Foto: picture-allianceTaufe bei einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in der Elbe. Foto: picture-alliance

Der Teufel war los im Frühjahr 1525. So zumindest sahen es die, die von außerhalb verfolgten, was ein gewisser Balthasar Hubmaier in dem Städtchen Waldshut am Hochrhein veranstaltete. Als katholischer Priester war er gekommen. Dann hatte er die Seiten gewechselt und war ein Anhänger Martin Luthers geworden. Später wandte er sich dem radikalen Schweizer Reformator Huldrych Zwingli zu.

Nun aber ging er noch weiter als Zwingli. Hubmaier lehnte die Kindstaufe ab und ließ sich ein zweites Mal taufen. Die bewusste Glaubenstaufe im Erwachsenenalter, die totale Freiheit von jedweder Bevormundung, das war seine Überzeugung. Rund 300 Bürger in Waldshut folgten ihm, machten die Stadt am Hochrhein zur ersten Täufergemeinde überhaupt.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Doch die Umstände waren nicht günstig. Der Schweizer Zwingli, anfangs durchaus offen für die Gedanken der Täufer, positionierte sich nun unmissverständlich: Wer bereits getaufte Kinder noch einmal taufe, sei ein Ketzer. Genauso sah es Luther. Damit standen Hubmaier und die Waldshuter isoliert im Lager der Reformation. Und an den Toren der Stadt warteten bereits die katholischen Habsburger.

Erste Täufergemeinde - In Waldshut wurden alle neu getauft

Als sie sich im Dezember 1525 anschickten, Waldshut zu erobern, floh Balthasar Hubmaier. Über Zürich gelangte er nach Mähren, wurde verhaftet und 1528 in Wien verbrannt. Seine Frau ertränkte man in der Donau.

Mit der Todesstrafe war nun jeder bedroht, der sich weigerte, sein Kind taufen zu lassen. Jahrhundertelang war Balthasar Hubmaier vergessen in Waldshut. Taugte höchstens als Hassfigur auf manchen Folklore-Umzügen. Er hatte der Stadt schweren Schaden zugefügt, im Anschluss an die radikalreformatorische Epoche verlor sie sämtliche Privilegien. Die Zeit von Balthasar Hubmaier war ein dunkles Kapitel in der Stadtgeschichte, da waren sich die meisten katholischen Waldshuter einig.

Doch dann geschah 1953 etwas, womit kaum einer gerechnet hätte: Baptisten kamen in die Stadt. Glaubensflüchtlinge aus dem Osten, die für sich eine Kirche suchten. Baptisten sind Erwachsenentäufer wie Balthasar Hubmaier. Was also lag näher, als das neue Gotteshaus nach dem zu benennen, der in ebenjenem Ort damit Geschichte geschrieben hatte?

Der Bürgermeister war empört. „Nur über meine Leiche wird es in meiner Stadt eine Kirche geben, die den Namen Balthasar Hubmaiers trägt“, soll er gesagt haben. Doch die Alliierten unterstützten die Baptisten, versuchten den Deutschen nach dem Ende der Nazi-Zeit auch religiöse Toleranz beizubringen. Schließlich stimmte der Stadtrat mit knapper Mehrheit zu, die Stimme der Kommunistischen Partei hatte den Ausschlag gegeben.

Waldshut. baptistische Pastor Siegfried Rosemann. Foto: Andreas Steidel

Der baptistische Pastor Siegfried Rosemann hat sich intensiv mit der Geschichte des Kirchenbaus und seinem Namenspatron Balthasar Hubmaier beschäftigt. Vor gut 20 Jahren kam er nach Waldshut und hat in dieser Zeit einen allmählichen Gesinnungswandel erlebt. Die Ökumene funktioniert gut, das Bewusstsein auch der katholischen Seite ist da, dass auf allen Seiten Unrecht geschehen ist.

Balthasar Hubmaier war kein Waisenknabe. „Wir wollen auch seine dunklen Seiten nicht verschweigen“, sagt Rosemann. Zu diesen dunklen Seiten gehört, dass Balthasar Hubmaier ganz ähnlich wie Luther zeitweise gegen die Juden wetterte, einmal sogar zur Zerstörung ihrer Synagogen aufrief. Doch je älter er wurde, desto mehr wurde aus ihm ein toleranter Freigeist. Er äußerte Verständnis für Andersgläubige und rief dazu auf, ihnen mit Sanftmut zu begegnen statt mit dem Schwert.

Das imponiert Siegfried Rosemann, der ihn als Wegbereiter einer freikirchlichen Theologie sieht: „Er war ein Vorkämpfer der Religions- und Gewissensfreiheit und seiner Zeit weit voraus.“ 2003 haben sie Hubmaier beim 50-jährigen Kirchenjubiläum gedacht und 2017 beim Reformationsjubiläum erneut. Seither gibt es eine Informationstafel mit seinen wichtigsten Lebensdaten und Grundüberzeugungen.

Bei einem Gottesdienst sind in der Hubmaier-Kirche zwei Kinder gesegnet worden, Miriam und Raphael. Ihre Taufe werden sie erst viele Jahre später erleben, wenn sie sich selbst dafür entschieden haben. Balthasar Hubmaier hätte seine Freude daran gehabt.

Rund 25 Kilometer von Waldshut entfernt liegt das Dorf Schleitheim in der Schweiz. Im Museum in der Alten Schule gibt es ein Täuferzimmer, eine der wenigen Ausstellungen über die Glaubensbewegung, die zahlreiche Anhänger in der Schweiz hatte.

Im Museum in Schleitheim gibt es viele Original-Schriften. Foto: Andreas SteidelIm Museum in Schleitheim gibt es viele Original-Schriften. Fotos: Andreas Steidel

Am 24. Februar 1527 fand in Schleitheim eine geheime Täufersynode statt. Aus ihr gingen die Schleitheimer Artikel hervor, eine Bekenntnisschrift, die die wichtigsten Grundüberzeugungen zusammenfasst.

Es war ein Coup, als Willi Bächtold 2001 einen der Erstdrucke aus dem Jahr 1550 ersteigern konnte. Ein zufälliger Fund in einem Auktionskatalog. Für umgerechnet 7000 Euro konnte er das Original erwerben, nun ist es das Schmuckstück der Täuferausstellung in Schleitheim. Sie führt auf die Spuren einer oft verfemten Richtung der Reformation, zeigt eine Miniatur-Bibel, die die Täufer an ihren geheimen Zufluchtsorten benutzten, und den Originaldruck einer Zwingli-Schrift.

Täuferausstellung in Schleitheim - Erstdrucke aus dem Jahr 1550

Wer heute in Waldshut die Rheinpromenade entlangläuft, spaziert an jenem Gewässer vorbei, in das Hubmaier 1525 die Taufsteine der katholischen Kirche werfen ließ. Täufer tauften ihre Gläubigen lieber draußen in der Natur, an Flüssen statt neben dem Altar. Hubmaiers altes Gotteshaus steht heute noch in Waldshut. In der katholischen Liebfrauenkirche begann er 1521 als Priester. Ein glühender Verehrer der Jungfrau Maria und der Wallfahrt, ehe er zu einem radikalen Verfechter einer neuen Lehre wurde.

Das Täuferzimmer im Museum des Schweizer Ortes Schleitheim beherbergt eine der seltenen Dauerausstellungen zum Thema. Auskunft unter Telefon 0041-52-6801347 sowie im Internet unter www.schleitheim-museum.ch In der baptistischen Balthasar-Hubmaier-Kirche in Waldshut sind Gäste willkommen.

Die Gemeinde feiert sonntags um 10 Uhr Gottesdienst.

Baptisten im Internet:www.baptisten-waldshut.com

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen