Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hoffen auf Perspektiven - Corona herausfordernd für Künstler und Kirche

Eine Situation, wie es sie noch nie gab: kein Gesang in Gottesdiensten, keine Chorproben, keine großen Aufführungen in der Passionszeit. Was das für die musikalische Ausbildung, die Arbeit der Kantoren und die freien Musiker bedeutet.

Chor und Orchester der Schlosskirche  Pressebild

Ein Bild aus besseren Tagen: So ähnlich hätte es am Karfreitag in der Schlosskirche Friedrichshafen wieder ausgesehen. Foto: Pressebild

Ein Zufall: Der erste Sonntag seit März mit öffentlichen Gottesdiensten heißt „Kantate“ – „Singet!“. Aber der Gesang, zu dem der Name aufruft, wird in den Gottesdiensten fehlen. Zu groß ist die Ansteckungsgefahr durch gemeinsames Singen. Die Gottesdienste, wie sie nun gefeiert werden können, sind für Kay Johannsen eine „Notlösung“. Der Kantor der Stuttgarter Stiftskirche hofft, dass er vier Mitglieder seiner Kantorei mit Abstand voneinander in der Nähe der Orgel singen lassen kann. Aber wie wird diese Art Gottesdienst für die Gemeinde sein? „Für manche wahrscheinlich ganz schrecklich. Andere werden sich freuen, dass sie zumindest ihren Pfarrer wieder sehen können“, vermutet er. In der Stiftskirche überlegen sie, trotzdem Liedtexte an die Wand zu werfen, damit die Besucher wenigstens mitlesen oder mitsummen können. Mitte April hatte sich Johannsen mit einem offenen Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann gewandt, in dem er die Situation der Kirchenmusik, die Lage der Chöre und der freiberuflichen Musiker zusammenfasste. Das Staatsministerium antwortete, auf Facebook wurde der Brief 200-mal geteilt, es gab viele positive Rückmeldungen.

Kantor der Stiftskirche, Kay Johannsen macht die Situation der Chöre Sorgen. Foto: PressebildCorona Gottesdienste mit Abstand - Eine Lösung auf Zeit

Jetzt geht es immerhin mit Gottesdiensten los, wenn auch in der Notform. „Es ist alles eine Lösung auf Zeit“, sagt Johannsen. Er hofft, dass die Stunde der Kirchenmusik bald wieder starten kann. Doch für die Chöre „wird es wohl ein Problem bleiben, bis wir einen Impfstoff haben“.

Ähnliche Probleme stellen sich in der kirchenmusikalischen Ausbildung. Thomas Mandl ist seit Mitte Februar Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen. Seine Studenten lernte er über Videotelefonate kennen. Das Gebäude der Hochschule ist zum Üben unter Auflagen geöffnet, aber was die Studenten zuhause machen können, sollen sie dort tun. Prüfungen finden statt, soweit möglich. Orgelprüfungen in großen Kirchen seien kein Problem. Anders etwa Gesangs- oder Trompetenprüfungen.

Seit März wird an der Hochschule online unterrichtet. Das gehe in manchen Fächern „erstaunlich gut“. So nehmen Studenten sich beim Orgelspiel auf und sprechen darüber via Internet mit ihrem Dozenten. Anders aber bei der Chorleitung oder dem Dirigieren. Eine singende Studentin online mit dem Klavier zu begleiten, ist nicht möglich, da der Klang leicht zeitversetzt beim anderen ankommt. Mandl hofft, dass es bald wieder direkten Unterricht gibt.

Corona - eine Vollbremsung für Kirche und freiberufliche Künstler

Auch Sönke Wittnebel wartet. Für den Friedrichshafener Kantor war es „eine echte Vollbremsung“. Gottesdienste, Matineen, die Johannespassion am Karfreitag – abgesagt. Besonders bedrückt ihn, dass Perspektiven fehlen. Etwa in der Chorarbeit. „Chöre brauchen Zeit und Gemeinschaft. Beides ist gerade nicht möglich. Wie lange können Chöre da stabil bleiben?“ Wittnebel schreibt seinen Sängern Mails, telefoniert mit ihnen. „Auch für mich sind die Chöre ein Lebenselixier.“ Die Einweihungsfeier für die renovierte Orgel im Herbst wurde ebenfalls gestrichen. Immerhin hat Wittnebel so mehr Zeit, sich noch intensiver mit den Orgelbauern auszutauschen.

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Noch schwerer als festangestellte haben es freiberufliche Musiker. In Friedrichshafen hat die Kirchengemeinde den Musikern und Solisten, die am Karfreitag aufgetreten wären, die Hälfte des Honorars gezahlt. Das Geld stammt aus Spenden und von Eintrittskarten, die Besucher nicht erstattet bekommen wollten.

Die Sopranistin Martina Rüping vermisste die Auftritte in der Passionszeit. Foto: PressebildDie Sopranistin Martina Rüping vermisste die Auftritte in der Passionszeit. Foto: Pressebild

Eine der Solistinnen wäre die Sopranistin Martina Rüping aus Berlin gewesen. Dass sie Teile der Gage für ein ausgefallenes Konzert bekomme, sei sehr selten. „Das ist ein unglaublicher Akt der Wertschätzung und Solidarität.“ Von anderen Veranstaltern habe sie meist nur eine kurze Absage bekommen. Sonst nichts.

Für Martina Rüping waren die ausgefallenen Auftritte in der Passionszeit nicht nur aus finanziellen Gründen schmerzhaft: „Das eine sind die Honorare. Aber das andere ist eine Passionszeit ohne die Botschaft, die gemeinschaftlichen Erlebnisse.“

Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung für Selbständige kommen bei freiberuflichen Musikern nicht an, sagt Rüping. Denn über die Programme könnten oft nur Betriebsausgaben finanziert werden. Musiker aber brauchen kein Geld für Büroräume oder Dienstwagen, sondern für Miete und Essen.

Immerhin, ihre Gesangsschüler unterrichtet sie weiter, über Videotelefonie. Musik über das Internet kostenlos zu verteilen oder vom Balkon zu singen, lehnt sie ab. Das sei ein falsches Signal an Politik und Gesellschaft. „Mich stört, dass man über die Wiederöffnung von Fußballstadien redet, aber nicht über die von Konzertsälen“, sagt Martina Rüping. Kunst habe einen Wert. Und der müsse deutlich werden. □

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