Christliche Themen für jede Altersgruppe

Holzrücken wie in alten Zeiten

MACHTOLSHEIM (Dekanat Blaubeuren) – Schon 30 Jahre lang legt Christel Erz (59) ihren Kaltblütern das Arbeitsgeschirr an. Sie führt eine Tradition des Holzrückens fort, die Natur und Umwelt schont. Sie genießt es dabei, der Schöpfung und ihren Tieren ganz nahe zu sein.


Die Pferdeflüsterin: Christel Erz und ihre Kaltblüter sind eine Einheit. Seit 30 Jahren arbeitet sie mit ihnen im Wald. (Foto: Brigitte Scheiffele)

Rudby du Wallon, der kräftige Wallach, bewegt sich kaum, wirkt ruhig und unbeeindruckt. Es scheint, als lasse sich der französische Kaltblüter recht gerne bestaunen: Vom etwas derben Kopf über die aufgewölbte Nasenpartie zum kurzen, starken Hals bis hinten zur Kruppe (Becken, Hüfte, Hinterteil), alles voll mit Muskelpaketen. Dann diese großen, flachen Hufe und die dichten Haarbüschel an den Fesselgelenken. Ein überwältigendes Erscheinungsbild von immerhin 900 gewichtigen Kilos.
„Der ist so stark, wie er aussieht“, bemerkt Christel Erz grinsend. Seit 30 Jahren spannt sie ihren muskulösen Kaltblüter an: „Die Ausführungen dafür sind so verschieden wie vom Schuh zum Bergsteigen bis zum Sonntagsschuh. Eine haargenaue Passform ist deshalb zum Holzrücken im Wald absolute Grundvoraussetzung“, erklärt sie Besuchern an einem Tag der Waldpädagogik in Machtolsheim.

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In der Schöpfung zu Hause sein, sie zu respektieren, genießen, immer wieder neu entdecken und dabei neugierig zu bleiben, das ist für Christel Erz eine erfüllende und zutiefst beglückende Erfahrung. Der christliche Glaube gehört zu ihrem Leben wie die Pferde.

Jahrhunderte lang ist die Zugkraft der Pferde genutzt worden, im Mittelalter hatten die treuen Kameraden sogar Reiter samt Rüstung mit um die 200 Kilo befördert.

Heute setzt man deren Kräfte noch immer im Wald ein und das neben Ungetümen an Maschinen, die wesentlich mehr Leistung erbringen. Doch auch für Maschinen gibt es schwierges Gelände. Etwa eine halbe Million Euro kostet ein so genannter Vollernter, der zwischenzeitlich in allen Waldgebieten im Einsatz ist. Doch diese Maschinen brauchen Platz, um sich bewegen zu können.

Rückegassen werden im Abstand von 30 bis 40 Metern, je nach Bodentyp, quer durch den Wald angelegt, die aber bei Nässe für die Vollernter kritisch werden. Das Gewicht der riesigen Maschinen sorgt dann nämlich für tiefe Gräben im Waldboden, die sich zudem mit Wasser füllen. Ein klassischer Einsatzbereich für das Rückepferd, um das Holz aus dem Wald zu bringen.

„Maschinen haben ihre Grenzen, auch, wenn es anfänglich nicht so ausgesehen hat“, sagt Christel Erz und erinnert an einen Fall, als die Rückegassen unter Wasser standen, aber der Versteigerungstermin für das Holz anstand: „Das war dann ein Auftrag und eine Arbeit für uns.“ Doch auch für ein Pferd gebe es ein Limit, zum Beispiel im Bereich der Last, denn es könne Baumstämme „nur“ bis zu 25 Zentimeter im Durchschnitt befördern.

Was auf den ersten Blick so kraftstrotzend, mühsam, derb und knüppelhart auf den Beobachter wirkt, erfordert unglaubliches Feingefühl: „Es sieht einfach aus, aber es ist nicht selbstverständlich, dass ein Pferd stehen bleibt, wenn ich das will, oder in die Richtung läuft, die ich vorgebe“, erklärt Christel Erz. Dass auch der Wallach kleine, für seine Besitzerin unangenehme Vorlieben hat, beweist er durch ein fast schon grinsendes Knabbern an den Ästen einer Buche. „Ein Leckerli“, kommentiert Christel Erz nur.

Ihr zartes und leise gesprochenes „Hüst“ (links) oder „Hott“ (rechts) und ihre Aufforderung „Auf geht’s!“ untermalt sie stets mit kleiner Parade, einem kleinen Impuls über die Leine. Gefährlich für sie selbst ist dabei, dass sie nie in fester Position steht. „Sind negative Spannungen in der Luft oder die Leinen zu locker, erhöht das die Unfallgefahr“, sagt sie. Für den Beobachter gleicht sie mit ihrem Wallach jedoch einer Einheit: Trotz des immens großen Stammes, den er kraftvoll hinter sich transportiert, scheint er nie übermütig, sondern folgsam und sanft im Wesen. Sein Arbeitswille, seine Gutmütigkeit, Gelehrigkeit und robustes Auftreten zeichnen ihn aus.

Der waschechte Ardenner Wallach leistet an diesem Tag tierische Hilfe mit imposanter Natürlichkeit und schnaubt ordentlich, wenn die Arbeit erledigt ist. „Aha, jetzt ist er zufrieden“, erklärt Christel Erz. Sie ist es auch. Der Wald duftet, die Sonne scheint, der Herbst hat ein paar Farben ins Grün hinzugemalt.

„Wann immer ich mit ihm unterwegs bin, empfinde ich das als Geschenk. Ich darf in der Natur meine Arbeit verrichten und genieße das zutiefst – täglich“, wiederholt die 59-Jährige.

Im Alltagsleben, so betont sie, sei es auch für Pferde wichtig, die Arbeitskraft richtig einzuteilen. „So, dass der Gaul am Abend noch schaffen kann wie am Morgen. Er soll das gerne tun und mithelfen.“

Acht Stunden dauern ihre Arbeitstage, davon macht sie eine Stunde Mittag.Bei Christel Erz selbst ist das innere Leuchten für ihre Tätigkeit in der Natur bis heute unnachlässig spürbar. Ihr Unternehmen „Rossnatour“ bezeichnet sie als „frauenstarkes Team, das schon so manchem Mann gezeigt hat, was geht“.

Tochter Anne als Pferdewirtschaftsmeisterin und Claudia Stark organisieren mit ihr neben den Arbeitspferden und Forstarbeiten auch Kutschfahrten und den gesamten Ausbildungsbetrieb. Wenn Christel Erz scheinbar mühelos ihre Kaltblüter leitet, und das auch bei Planwagenfahrten, Fahr- und Lenkkursen oder gar Workshops für Geschäftsleute, dann ist die tiefe Verständigung zwischen Mensch und Pferd regelrecht zu fühlen: „Pferde sagen mir, wie es ihnen geht, ob sie Angst haben, ob sie angespannt sind oder entspannt“, sagt Christel Erz und nicht zuletzt aus diesem Grund wurde sie sogar nach Russland geholt, um dort sowjetische Kaltblüter ihrer Neigung nach auszubilden.

Dass Sprachkenntnisse hierzu nicht nötig waren, bewies der Erfolg: Über die Hände, den Körper und eine Leine stellte sie die Verbindung zum Pferd her, ließ die Lernenden nachfühlen, gab kleine Impulse im richtigen Moment. „Pferde sind so viel feiner als wir meinen und es findet viel mehr statt als wir denken können“, sagt sie. Jedes Pferd benötige einen anderen Umgang und dennoch habe sie es geschafft, sechs russische Pferde für die Waldarbeit anzulernen. Auch die Mitarbeiter habe sie unterrichtet und schließlich mit den Tieren zusammengeführt, was wunderbar funktioniert hat.

Alte Technik und Vollernter – eine eigenartig anmutende Kombination, aber für Christel Erz eine wunderbare Arbeit: Sie steht zur Nutzung von Arbeitspferden, jedoch ohne körperlichen Schaden. Das heißt: Eine gute Zeit- und Kräfteeinteilung der Tiere.

Sie selbst sei schon längst im Arbeitstempo eines Pferdes angekommen: „Ich bin langsamer als alle anderen unterwegs, aber wenn man sich auf die Langsamkeit einlässt, tut das erstaunlich gut.“

Den ganzen Tag draußen, an der Luft zu sein, ohne Lärm, inmitten der Natur – das zähle heute zu ihren Grundbedürfnissen.

Über ihre Kaltblüter sagt sie: „Die haben viel Kraft, aber ein kleines Herz und weniger Lungenleistung als andere Pferde. Sie bewegen sich auch gerne auf der Weide und springen, aber nach 300 Metern haben sie genug.“ Die Arbeit, die sie mit ihr verrichten, schaffen sie erst im Alter ab sieben Jahren. Im Sommer bauen sie laut Christel Erz ihre Überstunden der Winterarbeit auf der Weide ab. Eine Zeit, in der Christel Erz besonders gern dem gleichbleibenden Hufschlag ihrer Pferde folgt, die sie auf dem Fuhrwagen lenkt. Und auch dann ist sie in einer Geschwindigkeit unterwegs, die ihren Geist mitkommen lässt.

 

 

 

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