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Hungern oder frieren? - Energiearmut

Die Lebensmittelpreise steigen, die Energiepreise auch. Für einige bedeutet das, auf Urlaubsreisen zu verzichten. Andere haben finanziell überhaupt keinen Spielraum und sind von Energiearmut bedroht. So wie Martina Beyrich und Frank Botallico.

Bleibt der Einkaufswagen leer oder die Heizung aus? Bei der derzeitigen Teuerung müssen sich Menschen mit wenig Geld solche Fragen immer öfter stellen. Foto: adobe stock/ oatawaBleibt der Einkaufswagen leer oder die Heizung aus? Bei der derzeitigen Teuerung müssen sich Menschen mit wenig Geld solche Fragen immer öfter stellen. Foto: adobe stock/ oatawa

Wann Martina Beyrich (Name geändert) zuletzt in Urlaub war? Sie denkt nach. 2014 war das, eine Woche lang war sie eingeladen. Denn in Urlaub fahren ist ein Luxus, den sich die alleinerziehende Mutter von vier Kindern nicht leisten kann. Als sogenannte Leistungsempfängerin lebt sie von staatlicher Unterstützung, von Hartz IV.

Die Corona-Pandemie, der Angriffskrieg auf die Ukraine und gestörte Lieferketten haben eine große Teuerung ausgelöst. Das trifft Menschen wie Martina Beyrich doppelt hart. Sie selbst erhält 459 Euro im Monat plus Wohngeld. Etwas auf die Seite legen? Das ist nicht möglich. Wenn dann noch ein Brief im Postkasten liegt, in dem 400 Euro Nachzahlung für Strom gefordert werden, muss Martina Beyrich passen. Das Geld hat sie einfach nicht. Gemeinsam mit Petra Brinckmann, ihrer Betreuerin von der Ambulanten Hilfe der Erlacher Höhe, muss sie schauen, wie sie einen Ausweg finden, damit ihr nicht der Strom abgestellt wird.

Das Geld ist einfach nicht da

Die Erlacher Höhe ist ein diakonisches Sozialunternehmen. Am Standort in der Backnanger Karlstraße arbeitet Frank Botallico. Der 50-Jährige erledigt Hausmeisteraufgaben und hilft überall dort aus, wo es nötig ist. Er verdient Mindestlohn, bekommt 10,45 Euro in der Stunde. Wenn er einkauft, schaut er konsequent nach Angeboten. Am Wochenende gönnt er sich auch mal Bratwürstchen und Schokolade. Bisher konnte er 50 Euro im Monat auf die Seite legen, dass ist seit der Teuerung nicht mehr möglich. Noch weiß er nicht, was er an Energiekosten nachzahlen und welchen Abschlag er künftig leisten muss. Wenn die Nachzahlung kommt, „dann gehe ich zu Herrn Belz“. Michael Belz leitet bei der Erlacher Höhe die Abteilung Ambulante Hilfen Rems-Murr.

Martina Beyrich und Frank Botallico haben ein Dach über dem Kopf. Beide finden Unterstützung bei der Ambulanten Hilfe der Erlacher Höhe. Aber Geld herbeizaubern kann die auch nicht. Die steigenden Energiekosten erwischen Menschen mit geringem Einkommen voll. Worauf sollen sie verzichten? Sollen sie hungern oder frieren?

Energiekosten. Heizung. Foto: adobe stock/ Gerhard SeybertFoto: adobe stock/ Gerhard Seybert

Michael Belz berichtet, dass die Sozialkaufhäuser der Einrichtung seit Beginn des Ukraine-Kriegs förmlich überrannt werden. „Es geht nicht mehr nur um Lebensmittel, wir merken es auch bei der Kleidung.“ Die Zahl der Hilfsbedürftigen wächst.

„Die Armutsentwicklung war bereits ohne die Energiekrise problematisch“, sagt Wolfgang Sartorius, der Leiter der Erlacher Höhe, „der soziale Friede ist in Gefahr.“ Er lehnt eine Unterstützung nach dem Gießkannenprinzip, wie sie beispielsweise die Energiepreispauschale von 300 Euro darstellt, als Almosen ab. Nur ein Bruchteil komme bei Menschen wie Martina Beyrich und Frank Bottalico an.

Stattdessen fordert Sartorius dauerhafte Entlastungen für einkommensarme Menschen. „Der Regelsatz für den laufenden Lebensunterhalt muss um mindestens 100 Euro im Monat erhöht werden“, sagt er. Erhöhte Abschläge und Nachzahlungen bei den Heizkosten sollten die Jobcenter und Sozialämter übernehmen. Stromkosten sollen aus dem Hartz-IV-Regelsatz herausgenommen werden. Außerdem fordert Sartorius ein gesetzliches Verbot von Strom- und Gassperren in Privathaushalten. Damit im Winter niemand in Deutschland frieren muss.

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