Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Ich kenne nur Menschen“ - Pfarrer Andre Trocme

In einem abgelegenen Bergdorf in Frankreich hat der Pfarrer André Trocmé mit seiner Frau und den Bewohnern während des Zweiten Weltkriegs mehrere tausend jüdische Menschen gerettet. In den USA ist seine Geschichte präsenter als hier, wo man diesen „Gerechten unter den Völkern“ kaum kennt. Eine Erinnerung an den vor 50 Jahren verstorbenen Protestanten.

Magda und André Trocmé während ihrer Zeit in Le Chambon-sur-Lignon. Foto: Nelly Trocmé HewettMagda und André Trocmé während ihrer Zeit in Le Chambon-sur-Lignon. Foto: Nelly Trocmé Hewett

Oskar Schindler ist spätestens seit dem Hollywood-Film von Steven Spielberg ein fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses: Ein Fabrikant, der „seine“ Juden vor den Gaskammern gerettet hat. Aber wer kennt André und Magda Trocmé? Auch sie haben mit der Hilfe einer ganzen Region zwischen 3000 und 5000 Menschen gerettet. Die Zahlen schwanken in den unterschiedlichen Quellen. Politische Flüchtlinge, verfolgte Juden aus vielen Ländern, jüdische Kinder, deren Eltern in die Todeslager deportiert wurden, haben in dem abgeschiedenen Bergdorf Le Chambon-sur-Lignon mit der Hilfe von vielen überlebt.

Manche der Flüchtlinge sind später in die USA ausgewandert, dort ist die Geschichte der stillen Helden von Le Chambon bekannter als hier. Still, weil weder Trocmé noch die anderen Dörfler viel Aufhebens um ihren lebensgefährlichen Einsatz zugunsten der Verfolgten gemacht haben.

Getan, was gerade zu tun war

Barack Obama hat im Jahr 2009 der Christen von Le Chambon mit diesen Worten gedacht: „Nicht ein einziger Jude, der kam, wurde abgewiesen oder verraten. Doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis die Dorfbewohner von dem erzählten, was sie getan hatten – und auch dann taten sie es nur widerstrebend. ‚Warum nennt ihr uns gut?‘ fragten sie. ‚Wir haben doch nur getan, was getan werden musste.‘“

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Wie kam es dazu, dass dieses Bergdorf zu einer Hochburg der Menschlichkeit wurde, angeführt von einem Pfarrer und seiner Frau? Die Geschichte hat Hanna Schott in dem Buch „Von Liebe und Widerstand“ aufgeschrieben und dafür neben vielen anderen Quellen die unveröffentlichten Erinnerungen des Ehepaars ausgewertet.

André, so schreibt Schott, ist ein extrem prinzipientreuer, vom Pazifismus überzeugter und manchmal etwas verkopfter französischer Pfarrer, dessen Mutter Deutsche war. Magda, seine Frau, ist zwar gesundheitlich angegriffen, aber zäh, pragmatisch und tatkräftig. Sie stammt aus Florenz und hat sich schon früh der sozialen Arbeit verschrieben. Die beiden lernen sich in New York kennen, als sie 1926 ein Auslandsstudienjahr machen. Zurück in Frankreich ist die dritte Pfarrstelle von André Trocmé ein abgeschiedenes Dorf in den Cevennen. Da haben die Trocmés schon vier Kinder und dort, so hoffen es die Dienstherren der französischen reformierten Kirche, wird der pazifistisch eingestellte Pfarrer nicht groß auffallen.

Bergdorf in den Cevennen. Foto: jacqueline macou, pixabayBergdorf in den Cevennen. Foto: jacqueline macou, pixabay

Die kleine Ortschaft Le Chambonsur-Lignon auf einer Hochebene in den Cevennen ist fast ausschließlich von Hugenotten bewohnt. So werden die Protestanten in Frankreich genannt, die eine jahrhundertelange Verfolgungsgeschichte im erzkatholischen Frankreich hinter sich haben. Die Bauern auf den verstreuten Höfen sind fromme und bibelfeste Christen, die der Staatsmacht seit jeher kritisch gegenüber stehen. So hat Le Chambon mit den umliegenden Weilern eine Tradition als Zufluchtsort für Verfolgte, die die Hugenotten einst selbst waren. Dort haben sich im Ersten Weltkrieg desertierte Soldaten aus dem Elsass versteckt, in den 1930er- Jahren sind es spanische Republikaner, die vor der Franco-Diktatur geflohen sind.

Bauern verstecken die Juden

Als Luftkurort – die Industriestadt St. Etienne ist nicht weit – besitzt Le Chambon eine bemerkenswerte Zahl von Hotels und Pensionen. Ab 1940 werden sie nach und nach mit jüdischen Flüchtlingen gefüllt. Das Pfarrhaus der Trocmés wird zur Helferzentrale, dort laufen die Fäden zusammen, um die verfolgten Menschen zu verteilen. Viele Bauern in den umliegenen Höfen sind bereit, Juden aufzunehmen. „Auf diesem Hof gibt es drei alte Testamente“, so wurde unter den Helfern kommuniziert, wo die vom Vichy-Regime Gejagten Unterschlupf gefunden haben. „Wir wissen nicht, was ein Jude ist. Wir kennen nur Menschen“. Das hat Trocmé 1942 dem Minister für Jugend geantwortet, nachdem dieser angekündigt hatte, die Zahl der Juden im Ort zu erheben.

Pfarrer Trocmé war beliebt in Le Chambon. Foto: Nelly Trocmé HewettPfarrer Trocmé war beliebt in Le Chambon. Foto: Nelly Trocmé Hewett

Unbehelligt blieben die couragierten Widerständler nicht: André Trocmé und zwei weitere Männer wurden 1943 verhaftet. Das halbe Dorf stand auf der Straße und hat sich singend von ihnen verabschiedet. Die drei kamen nach wenigen Monaten wieder frei, die Kirchenleitung hatte wohl die Hände im Spiel. Daniel Trocmé, ein Neffe des Pfarrers, der die Schule geleitet hat, in der auch viele Verfolgte unterrichtet wurden, hat sein Engagement dagegen mit dem Leben bezahlt. Er wurde in Majdanek ermordet.

Die letzten Monate des Kriegs hat André Trocmé in Verstecken überlebt. Nach 1945 war er Pfarrer in Genf und als Vortragsredner in pazifistischen Kreisen gefragt. Seine Ehrung als „Gerechter unter den Völkern“ hat Trocmé nicht mehr erlebt, am 5. Juni 1971 ist er mit 70 Jahren gestorben. Seine Frau Magda und die gesamte Region haben diesen Ehrentitel später ebenso vom Staat Israel erhalten.

◼Mehr über das Museum zum Widerstand in Le Chambon unter www.memoireduchambon.com

Buch-Tipp

Von Liebe und Wiederstand. Magda und Andre Trocme


Hanna Schott: Von Liebe und Widerstand. Magda & André Trocmé: Der Mut dieses Paares rettete Tausende.

Neufeld Verlag, Cuxhaven

4. Auflage 2018

14,90 Euro.

 

 

 

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de