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„Ich vermisse deutsches Essen“ - FSJ in Cordoba - Interview mit Lia Marquard

 

ULM – Lia Marquard ging vor einem halben Jahr als Freiwillige des Gustav-Adolf-Werks nach Argentinien. Vor ihrer Abreise erzählte sie, was sie erwartet (Gemeindeblatt 34/2019, S. 28). Im Interview mit Isabella Hafner berichtet sie nun zur Halbzeit ihres Freiwilligenjahrs, wie es in Córdoba wirklich ist.

Mit Freundinnen im Tageszentrum für Menschen mit Behinderung und der nächtliche Blick auf die Stadt. (Foto: Privat)

Wie war das Ankommen in Córdoba? Wie hast du es erlebt?

Lia Marquard: Bevor ich in Córdoba ankam, war ich erst mal zwei Wochen in Buenos Aires auf einem Seminar mit anderen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machten – und zwar in Paraguay, Uruguay und Argentinien. Die Zeit war wirklich schön und ich konnte gute Freundschaften schließen. Als ich dann mit meinen zwei sehr lieben Mitbewohnerinnen nach 13 Stunden Warten am Busbahnhof und weiteren zehn Stunden Busfahrt in Córdoba ankam, wurden wir abgeholt und zu unserer wunderschönen Wohnung gebracht. Noch am selben Morgen zeigte man uns unsere Projekte. Ich weiß noch, dass ich sehr erschöpft war, aber mir nichts anmerken lassen wollte. Die erste Zeit war nicht so leicht für mich, da ich auf einmal statt 60 – wie im Seminar in Buenos Aires – nur noch zwei Freiwillige um mich hatte. Dazu konnte ich die Sprache nicht. Ich habe mich auf einen Schlag sehr einsam gefühlt. Zum Glück hatte ich aber noch meine zwei Mitbewohnerinnen um mich herum.

Wie lebst du nun dort, in Córdoba?

Lia Marquard: Ich lebe mit zwei deutschen Mädchen in einer großen Wohnung zusammen. Wir hatten totales Glück mit der Wohnung: Wir haben alle ein eigenes Zimmer und eine schöne große Küche, die auch unser Aufenthaltsraum ist. Unsere Wohnung ist direkt verbunden mit der Kirche. Wir haben einen riesigen Garten, den wir uns mit unseren Nachbarn teilen. Das sind zwei Studentinnen und ein Student. Seit Dezember haben wir auch ein neues Familienmitglied: unsere Hündin Lucy!

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Lia Marquard: Ich stehe um 8.30 Uhr auf, mache mich fertig und laufe etwa eine Viertelstunde in die Arbeit. Dort bin ich von 9 bis 13 Uhr immer im gleichen Workshop. Das heißt, ich bemale da zum Beispiel mit den Chicos – so werden hier die Menschen mit Behinderungen genannt – meist selbst geschriebene Bücher. Oder wir dichten irgendetwas Schönes. Um 13 Uhr gibt es dann Essen und bis 14 Uhr eine Pause, in der ich gerne mal in der Sonne liege und ein bisschen döse. Mein Lieblings-Workshop ist mittwochs. Da sollen die Chicos Gleichgewicht und innere Ruhe lernen. Nach der Arbeit, das ist gegen 16 Uhr, gehe ich nach Hause und entspanne meistens im Garten oder in der Küche oder koche mit meinen Mit-bewohnerinnen. Montags und mittwochs gehe ich auch seit ein paar Monaten ins Kickboxen.

FSJ in Cordoba, Lia mit HündinKlappt es mit der Sprache?

Lia Marquard: Also ich würde schon behaupten, dass es mit der Sprache klappt. Kommt aber darauf an, wie man „klappen“ definiert. Ich kann noch nicht perfektes Spanisch und ich verstehe auch noch nicht alles und manchmal gibt es Tage, an denen ich gar nichts verstehe. Aber im Großen und Ganzen habe ich mich um Welten verbessert und das Schöne daran ist, dass nicht nur ich das bemerke, sondern auch meine Kollegen, die Chicos, meine Bekannten und meine Mitbewohnerinnen. Mir fällt oft auf, dass ich meistens viel zu kritisch mit mir bin, was die Sprache betrifft. Aber wenn man sich mal überlegt, dass ich davor kaum einen Satz von mir geben konnte und nun Gespräche führen kann, ist das ein riesiger Fortschritt!

 

 

 

 

 

 

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Hast du manchmal Heimweh? Was vermisst du?

Lia Marquard: Ja, zurzeit hab ich großes Heimweh! Ich vermisse meine Familie sehr. Um die Weihnachtszeit war es am schlimmsten. Zurzeit schwächt es sich wieder ein bisschen ab. Ich vermisse außerdem mein bequemes Bett und einfach mal wieder bei mir zuhause auf dem Sofa zu liegen und meine Familie zu nerven. Ich vermisse außerdem ganz extrem das deutsche Essen! Sowas findet man hier nicht. Was sich vielleicht auch total komisch anhört, ist, dass ich einen Plan vermisse. Einen Plan für das Leben. In der Schule wusstest du, was du nächstes Jahr machst, und hier ist alles so unsicher. Man lebt immer und ständig in den Tag hinein.

Was hättest du nie so erwartet? Was ist ganz anders als in Ulm?

Lia Marquard: Auf jedenFall die Anonymität. In einer riesigen Stadt wie Córdoba gehst du nicht davon aus, wenn du mal in die Stadt fährst, dass dir jemand Bekanntes über den Weg läuft. In Ulm ist das schon so. Was ich dagegen nie so extrem erwartet habe hier, ist die Gelassenheit, die die Menschen haben. Und das meine ich nicht nur positiv. Dazu zählt nicht nur, sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer einen kühlen Kopf zu bewahren, sondern auch Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.

Was war ein besonderes Erlebnis, an das du noch oft denkst?

Lia Marquard: Als ich mit dem Bus von der Stadt nach Hause gefahren bin und zum ersten Mal verstanden habe, wie der Bus fährt, wie Córdoba aufgebaut ist und in was für einer wunderschönen Stadt ich wohne!

Freundinen in Cordoba. Foto: Privat

FSJlerinnen in Cordoba, nachts, Stadtpanorama. Plätzchenbacken. (Fotos: Privat)

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