Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Ich weiß, wie es war“

Unbeschreibliches zu beschreiben, das ist Wendelgard von Staden gelungen. Sie hat als 19-Jährige erlebt, wie KZ-Häftlinge auf dem Hof ihrer Eltern erschienen, hat über den Zaun des Lagers Wiesengrund geblickt und darüber ein Buch verfasst. Aber das ist längst nicht alles. 


Wendelgard von Staden (Foto: Werner Kuhnle)


Der Name von Neurath wurde für die Familie zum Türöffner beim Lagerkommandanten. Denn der Bruder von Wendelgards Vater, Konstantin von Neurath, war Hitlers erster Außenminister bis 1938. „Und die SS konnte sich gar nicht vorstellen, dass wir nicht so dachten wie sie“, erzählt Wendelgard von Staden heute. So ist sie inzwischen die einzige noch lebende Außenstehende, die das KZ Vaihingen von innen gesehen hat. Immer wenn sie zu dem Waldstückchen lief, das ihrem Vater gehörte, kam sie durch das Sperrgebiet – diese Erlaubnis hatte die Familie. Wenn sie dann auf einen Baum kletterte, konnte sie ins Lager blicken.

Seit 1986 lebt Wendelgard von Staden auf dem Gut ihres Onkels, dem Außenminister. Hingeschmiegt zwischen Weinbergen und dem Fluss liegt es hinter einer Bahnbrücke. Aus der Ferne ist das Rauschen des Verkehrs zu hören, das aber bald vom Park, der Birkenallee und der Villa gedämpft wird. Das Herrschaftshaus des Onkels steht nicht mehr. Es wurde 1960 gesprengt. Das Loch, das dadurch gerissen wurde, hat Wendelgard von Staden mit dem Aushubmaterial der Bahn verfüllen lassen.

1985 hat Wendelgard von Staden das Anwesen geerbt. „Zu meinem Erstaunen“, sagt sie. Damals lebte sie mit ihrem Mann, dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt und ehemaligen deutschen Botschafter in Washington, Berndt von Staden, in Bonn. Das Gut war verfallen, also packte Wendelgard von Staden an und restaurierte alle Häuser, um sie eins nach dem anderen zu vermieten.

„Ich war ständig auf dem Gerüst“, erinnert sie sich. „Schauen Sie sich mal meine Hände an“, sagt sie und blickt auf ihre Handflächen. Ja, diese Hände kannten die Landwirtschaft von Jugend an. Und auch an diesem Tag ist die 91-Jährige seit sechs Uhr auf den Beinen, betreut die Dachdecker auf dem Hof und kümmert sich um die Enkeltochter, die selbst gebackene Muffins auf den Tisch stellt.

Wendelgard von Staden gießt Kaffee aus einer Thermoskanne ein. „Das brauche ich jetzt“, sagt sie und springt ein paar Mal auf, ehe sie auf einem der barock anmutenden Stühle Platz nimmt. Hinter ihr sind Fotografien aufgereiht, unter ihnen ein Bild ihrer Mutter. Über ihr prangen wuchtige Bücher in den Regalen: Dantes göttliche Komödie, Schillers Wallenstein. Rechts von ihr ein offener Kamin.

„Ich möchte so gerne noch ein Buch schreiben, aber ich komme einfach nicht dazu“, seufzt Wendelgard von Staden. Ihr Buch „Nacht über dem Tal“, das 1979 veröffentlicht wurde, hat sie eigentlich für sich geschrieben, um den Eisberg zu schmelzen, der ihr auf der Seele lag, wie sie in einem Hörfunk-Interview erzählte. Wendelgard von Staden beschreibt darin in einfachen Worten, was sie in den acht Monaten erlebt hatte, als das KZ bestand, bis es im März 1945 aufgelöst wurde und die Häftlinge ins KZ Dachau abtransportiert wurden.

Als die Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff das Manuskript las, hat sie es einem Verleger gegeben. Das Buch schlug ein und ist noch heute zu kaufen. Sehr zur Verwunderung der Autorin, die sich noch an die erste Lesung in der örtlichen Buchhandlung erinnert. Sie dachte nicht, dass das Buch jemanden interessieren könnte, eher befürchtete sie, dass die Vaihinger es übel nehmen könnten, diese Geschichte öffentlich gemacht zu haben. „Aber als ich bei der Buchhandlung ankam, warteten dort 700 Menschen vor der Tür“, erzählt sie. „Und dann wurde ich ständig eingeladen, von Schulen und Universitäten.“

Das Interesse erklärt sie sich mit dem amerikanischen Vierteiler „Holocaust“, der 1978 erschienen war. „Damals haben viele das Wort ,Holocaust‘ noch gar nicht gekannt“, sagt sie. „Zum ersten Mal konnten sich jüngere Menschen vorstellen, was damals passiert ist.“ Und so hat auch ihr Buch Eindruck gemacht und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Schonungslos beschreibt die Autorin darin, was sie gesehen, gehört und erlebt hat. Keine Wertung findet statt. Die Tatsachen sprechen für sich. Bei Ernest Hemmingway hat sie sich diese Erzählweise abgeschaut, erklärt sie. „Man soll seine eigenen Gefühle nicht dazwischen bringen“, habe der Schriftsteller gesagt. Gerade deshalb fällt ihr in der Begegnung mit Schülern auf: „Sie fragen nicht nach Tatsachen, sondern nach meinen Gefühlen. Aber wir haben uns mit unseren Gefühlswelten nicht so beschäftigt.“ Heute gehe es oft um die Seele, um Beziehungen. „Das war damals nicht so.“

Vieles hat sich verändert. Auch das Tal ist nicht mehr so, wie es war. Der Bahnhof wurde gebaut und die Bahntrasse aufgeschüttet. Das elterliche Gut war nach dem Krieg verkauft worden. Die Grundstücke wurden Bauland. Kleinglattbach wuchs von 400 auf 4000 Einwohner.

Wendelgard von Staden verschränkt die Hände über dem Knie und denkt nach. Als ihr Buch erschienen war, kam sie aus den USA nach Vaihingen, um das Tal wieder zu sehen. „Ich hätte es kaum wieder erkannt.“ „‘S Täle“ hieß das Tal im Dorf. „Wiesengrund“ hat es die SS genannt. Als „Nachtigallental“ bezeichnete es die Bahn, als die Bauarbeiten begannen.

Wendelgard von Staden steht auf der Anhöhe, wo heute der KZ-Friedhof ist und blickt hinunter in das schmale Tal: Ganz unten fließt der Glattbach. „Das alles gehörte meinem Vater“, sagt sie. Ihre weißen Haare wehen im Wind. Einen Fuß hat sie in Schrittstellung stehen. Mit der Hand deutet sie nach Süden: Dort standen die Baracken. „Wenn man dort drüben auf den Baum gestiegen ist, konnte man sie sehen“, erzählt sie und macht den Eindruck, als könnte sie auf den Baum klettern und es demonstrieren. Das enteignete Gelände ist in öffentlicher Hand geblieben. Die Familie wollte es nie wieder zurück.

Sie dreht sich um. Hinter ihr ist der Friedhof. Er steht auf der Leimengrube, der Lehm-Grube. „Zwischen 40 und 80 Menschen haben sie dort jeden Tag tot hineingekippt.“ 2000 Namen sind auf den schwarzen Stelen zu lesen und erinnern an die Opfer. Grabsteine mit Ziffern gedenken der Toten, deren Häftlingsnummern bekannt waren. Einige wenige Grabplatten weisen den Namen, Geburts- und Sterbedatum aus. Diese Leichen konnten später identifiziert werden, nachdem die Franzosen das Lager befreit haben und die Verstorbenen 1954 exhumieren ließen. 29. März 1945 ist bei einem als Todesdatum zu lesen. Am 7. April kamen die Alliierten.

Die Soldaten fanden ein fast geräumtes Lager vor. Noch rund 600 Häftlinge, die zu schwach zum Transport waren oder sich tot gestellt hatten, konnten befreit werden. Die ersten Häftlinge waren im August 1944 aus Auschwitz als arbeitsfähig abkommandiert worden. Sie sollten der „Vernichtung durch Arbeit“ preisgegeben werden. Denn die Nazis wollten sie in der unterirdischen Flugzeugfabrik einsetzen. Wendelgard von Staden sah, wie die Arbeiter Zementsäcke schleppen mussten. Der Plan war, die Flugzeuge aus einem Stollen heraus Richtung Frankreich starten zu lassen. Aber die Fabrik wurde entdeckt und unentwegt bombardiert. Der Plan wurde nach wenigen Monaten aufgegeben. Das Lager wurde in eine SS-Krankenanstalt umfunktioniert. Aus ganz Europa wurden Tausende Kranke und Sterbende hierhergebracht – und ihrem Schicksal überlassen.

60 Jahre später hat sich einer dieser Häftlinge bei Wendelgard von Staden gemeldet. „Er wollte das Grab meiner Mutter besuchen“, erzählt sie. Denn Irmgard von Neurath gelang es, die Häftlinge auf ihrem Hof von den Wachen zu trennen und ihnen heimlich zu essen zu geben. Einer davon war dieser Häftling, der so geschwächt war, dass er alle zwei Stunden Nahrung benötigte. Nur so habe er später den Typhus überstanden, der das Lager heimsuchte, erzählte er Wendelgard von Staden. Sie führte den Mann damals an das Grab ihrer Mutter. „Dort kniete er nieder und hielt eine Rede an meine Mutter“, erinnert sie sich. „Dabei haben wir ihm nur zu essen gegeben. Was ist das schon?“

Wendelgard von Staden läuft ein Stück nach unten, Richtung Schlossberg. Auf der anderen Straßenseite ist das Dokumentationszentrum sichtbar. Die Fundamente der Duschbaracke sind überdacht. Besucher können einen Film über das KZ ansehen. Jede Woche kommen dort Busse an. Schüler, aber auch Angehörige von NS-Opfern, die nach Namen suchen.

1985 hatte die Stadt Vaihingen im Rahmen einer Ausstellung zum Kriegsende auch ehemalige Häftlinge des KZ Wiesengrund eingeladen. „Das war so beeindruckend“, sagt Wendelgard von Staden. „Diese Menschen lernten dieses Deutschland kennen, vor dem sie bisher nur Angst hatten. Der Besuch hat ihre ganze Vorstellung von diesem Land verändert.“

Noch oft hat Wendelgard von Staden die Erfahrung gemacht, dass ihre Geschichte in den Köpfen anderer Menschen etwas verändert: Als sie nach dem Volkswirtschaft-Studium in Tübingen ein Stipendium in Frankreich erhält, schlägt ihr der Hass auf die Deutschen entgegen. „Aber es machte mir nichts aus“, sagt sie. „Denn ich wusste, wie es war. Ich habe es gesehen.“ Sie erzählte den Franzosen, wie die Menschen in einer Diktatur gelebt haben, und wie ihre Familie den KZ-Häftlingen geholfen hat. „Ich hatte eine weiße Weste“, sagt sie und meint das in keiner Weise überheblich. Vielmehr zeigt es ihr Selbstbewusstsein, das ihr half, sich mit der Vergangenheit zu konfrontieren.

Ähnlich erging es ihr in den USA. „Innerlich vollkommen frei“ habe sie sich gefühlt, dort zu diskutieren und auch klar zu machen, dass „nicht alle Schweinehunde waren“. Vor allem jüdische Senatoren wurden ihre Gesprächspartner.

Hellwach zu bleiben – das würde sie gerne an die nächste Generation weiter geben. „Ich werdet sehen, wie die Welt wird, wenn ihr nicht aufpasst“, meint sie und fügt hinzu, was das Schwierige dabei ist: „Es geschieht alles in den Köpfen.“

Die Fähigkeit zur Analyse glaubt Wendelgard von Staden von ihrer Mutter zu haben. „Wenn sie nicht immer so viel diskutiert hätte, hätte ich mich später nicht so engagiert“, sagt sie. Ihr war immer klar, dass Menschen sich etwas vormachten, wenn sie glaubten, der Führer wüsste gar nicht, was alles Schreckliches passierte. Die 91-Jährige ist daher auch sicher: „Wenn wir den Krieg nicht so dermaßen verloren hätten, dann hätten wir die NS-Gedanken nie überwunden.“

Es habe radikal kommen müssen, damit eine spätere Generation alles in Frage stellen konnte. „Das tun sie heute, und das ist fabelhaft“, sagt sie. Die jungen Leute seien tolerant und interessiert, „eine gute Generation“. Sorgen macht ihr nur, dass bei einigen das Geld so eine große Rolle spiele.

Das eigentliche Zentrum von Kleinglattbach ist immer noch die alte Peterskirche, die erst jüngst renoviert wurde, aber schon längst durch die Christuskirche ersetzt ist, und das Hofgut, das die von Neuraths 1862 erworben hatten, nun aber meist unzugänglich ist. Dort steigt die einstige Hoferbin energisch aus dem Auto und marschiert in den Innenhof, wo die Kartoffelkeller heute noch zu sehen sind. Dort spielt sich die Szene aus dem Buch ab, in der Irmgard von Neurath in einem Kessel Kartoffeln kochen lässt, als die Häftlinge zum ersten Mal auf den Hof schlurften. Der Topf fällt um. Die ausgehungerten Menschen stürzen sich auf die kochend heißen Kartoffeln und verschlingen sie. Im Buch schreibt von Staden: „,Was sind denn das für Menschen‘, fragte meine Mutter entsetzt. ,Das sind ja gar keine Menschen mehr.‘ – ,Das sind Juden‘ antwortete der Wachmann, ,Untermenschen sind das. Das können Sie doch selber sehen.‘“ Da fasste ihre Mutter den Plan zu helfen.

Wendelgard von Staden blickt sich weiter um. „Diese Eiche wurde gepflanzt, als mein Vater geboren wurde“, erzählt sie und erinnert sich an die großen Kornscheuern mit den dicken Balken, an die Dreschflegel und daran, dass hier einmal der Mittelpunkt des Dorfes war. Sie erinnert sich auch, wie der erste Most gepresst wurde und dass sie eine „herrliche Jugend“ hatte. Und der zwölf Hektar große Park entsteht wieder vor ihrem inneren Auge, der sich dort erstreckte, wo heute ein Wohngebiet steht.

Ihr Mann Berndt von Staden ist 2014 gestorben. Er ist auf dem Friedhof in Kleinglattbach begraben, im Familiengrab. „Und ich lege mich irgendwann daneben“, sagt Wendelgard von Staden. Aber vorher würde sie gerne noch die Geschichte dieses Grabes schreiben, von den Menschen erzählen, die dort bestattet sind und von überall her aus Europa kamen. Ein Abschnitt deutscher Geschichte käme dabei zustande, ist sie sicher. Ihr Mann zum Beispiel sei Baltendeutscher aus Estland gewesen, ein Flüchtling. Wendelgard von Staden beobachtet deshalb auch sehr genau die Situation der heutigen Flüchtlinge in Deutschland.

Das größte Problem sieht sie darin, dass die Menschen raus aus den Lagern müssen. „Sie brauchen Beschäftigung.“ Ob sie sich dann integrieren, sei eine zweite Frage. Schließlich kommen sie aus einer ganz anderen Kultur. Sie kann sich vorstellen, dass viele nach einigen Jahren Heimweh bekommen und zurückkehren wollen, wenn es möglich ist.

Parallelen zu ihren Erfahrungen 1944/45 sieht sie dabei übrigens nicht. „Das war ganz etwas anderes“, sagt sie. Die Juden seien damals als Rasse verfolgt worden. Ein unvergleichbares Verbrechen. Eines, das sie mit ihren Augen gesehen hat. Eines, das ihr Leben geprägt, aber nicht beherrscht hat. Und so hat Wendelgard von Staden noch ein Ziel: Sie will ihre Biographie zu Ende schreiben. „Mein erstes Buch hat mit dem Kriegsende aufgehört“, sagt sie. „Aber ich habe ja noch lange weitergelebt.“


Die KZ-Gedenkstätte, Fuchsloch 2, 71665 Vaihingen an der Enz im Internet: www.gedenkstaette-vaihingen.de, Telefon 07042-817751, Öffnungszeiten sonntags 14 bis 17 Uhr.