Christliche Themen für jede Altersgruppe

Im Garten des Glaubens

Glaube ist kein unveränderliches Möbelstück. Glaube lebt, Glaube wandelt sich, weil der Mensch sich im Laufe seines Lebens entwickelt, weil er Höhen und Tiefen durchlebt, weil er wächst und weil er reifer wird. Und es lohnt sich, diesen Reifungsprozess genauer anzusehen.

Bild: Großeltern und Kinder verbindet die Suche nach Geborgenheit. (Foto:© photophonie | Fotolia.com)

Die Zeiten haben sich geändert, und das ist gut so. Das, was wir Glauben nennen, ist ehrlicher geworden, allerdings nicht einfacher. Seit der Aufklärung und dem Siegeszug der Naturwissenschaften ist es nicht mehr selbstverständlich, überhaupt an einem Gottesglauben festzuhalten. Oder es waren politische Regime wie das Dritte Reich oder der SED-Staat, die dem religiösen Glauben erfolgreich den Garaus machten und zu einer spirituellen Versteppung ganzer Gesellschaftsbereiche beigetragen haben.

Und so müssten wir, wenn wir uns auf unseren Spaziergang durch den Garten menschlicher Glaubenshaltungen machen, beginnen mit jenen Menschen, für die das Vertrauen in Gott nicht mehr erschwinglich ist oder die daran jedes Interesse verloren haben. Ich meine, es käme darauf an, genau hinzuschauen, und zwar nicht nur mit einem kritischen Blick, sondern auch mit Augen und Ohren, die verstehen und im Zweifelsfall immer der Güte und der Empathie den Vortritt lassen.

Einander zuhören und verstehen wollen

Vielleicht gehört auch das zum spirituellen Reifungsprozess in der zweiten Lebenshälfte oder im Verlauf des Älterwerdens, dass glaubende und nichtglaubende Menschen voreinander das Visier hochklappen, einander zuhören und verstehen wollen, so dass jeder dem anderen seine Biografie des Glaubens oder der Glaubenszweifel erzählen kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Unser Spaziergang setzt sich fort: hinüber zu den Blumenbeeten, Lauben und Rabatten, wo Glaube (noch) zu gelingen scheint. Wo er als das Selbstverständlichste der Welt gilt und vielleicht sogar als das Kostbarste, das das Leben für uns bereithält. Wo Menschen eingebunden sind in eine tragende Gemeinschaft gemeinsamer religiöser Traditionen und Überzeugungen.

Wo ein neuer spiritueller Aufbruch junge Menschen begeistert und beflügelt. Oder wo Menschen Zuflucht suchen in eher abgeschotteten Kreisen, weil sie ihnen Halt bieten und Wärme spenden in einer spirituell kalten Gesellschaft. Wo die katholische Kirche noch das Gefühl von „Mutter Kirche“ vermittelt und der Papst wie eine Art Schutzheiliger des Glaubens inmitten von Skeptizismus und Wissenschaftsgläubigkeit verehrt wird. Oder wo freikirchliche Gemeinschaften einem die Sicherheit einer geistlichen Familie vermitteln.

Es gibt in diesem Garten glaubende Menschen, die mit wenig zufrieden sind, und jene, die gar nicht darauf kommen, dass jede Glaubensüberzeugung auch verstanden, durchdacht und geprüft werden sollte. Aber es gibt auch jene, die nicht nur mitgehen, mitmachen oder mitschwimmen wollen, weil ihnen nämlich Authentizität in Glaubensfragen wichtiger ist als Konformität; die das Gefühl haben, im Laufe ihres Lebens verändere sich auch manches, was ihnen als geistliches Lebensfundament mitgegeben wurde oder worauf sie sich stets verlassen haben. Mit denen, die so empfinden, möchte ich mir nun im Garten des Glaubens (und des Nicht-Glaubens) ein stilles Plätzchen suchen, damit wir miteinander reden können!

Aus Gottesbildern herauswachsen

Das Herauswachsen aus dem, was nicht mehr „passt“, gilt  ganz wesentlich auch für unser Glaubensleben, unsere Glaubensvorstellungen und Gottesbilder sowie für die Gestalt unserer Gottesbeziehung. Ja, auch jemand, der aus Gründen der Redlichkeit einen „tapferen Atheismus“ meint vertreten zu müssen, kann sich auf einer spirituellen Reise befinden. Nicht dass er oder sie doch wieder am Ufer des kirchlichen Glaubens landet und reumütig das ehrwürdige Glaubensbekenntnis aufsagt. Es kann aber die Zeit kommen, wo man sich seiner Gottesabsage nicht mehr so sicher ist. Vielleicht stellt sich die Ahnung ein, dass wir doch in einem grundsätzlichen Sinn von einem Geheimnis umgeben sind, das größer ist als wir und unsere Erkenntnisse.

Was für ein wunderbares Abenteuer es ist, wenn man immer wieder die Lust verspürt, innerlich aufzubrechen und nicht an dem festzuhängen, was man selbst einmal geglaubt, gesagt, gemeint oder anderen „gepredigt“ hat. Das bezieht sich gerade auf unsere Vorstellungen von Gott, wo wir niemals so viel gefunden oder erkannt hätten, dass es nicht noch viel mehr gibt, was wir nicht wissen und allenfalls suchen können. Schweigen, Fragen, Suchen und Staunen erscheinen mir in dieser Angelegenheit als die angemessene Grundhaltung im dritten oder vierten Lebensquartal.

Wir müssen uns klar machen, dass es nicht nur die Biografie unseres Lebensverlaufs gibt, sondern auch die Biografie unseres Glaubens (einschließlich unseres Unglaubens, Aberglaubens und Kleinglaubens). Glaube darf sich wandeln und muss sich wandeln!

Viele religiöse, fest im Glauben verankerte Menschen verstehen das nicht. Sie sind so geprägt worden, dass man sich im Blick auf Gott eine Reihe von Fragen gar nicht gestatten darf. Und andere sind so in ihrer kirchlichen Gruppe oder Gemeinde verhaftet geblieben, dass es ein Risiko gewesen wäre, religiös „querzudenken“ – man hätte sich schnell zum Außenseiter gemacht. Denn wir Menschen denken in der Regel nicht „gegen“ die Gruppe, die uns trägt oder in der wir unsere wichtigsten Beziehungen pflegen.

Der Preis, den wir dafür zahlen, ist, dass sich ein ganz persönlicher, unverwechselbarer Glaube gar nicht richtig entwickeln kann: Wir glauben, was die anderen glauben; schließlich möchten wir Teil der Gemeinschaft sein und bleiben. Aber was, wenn Gottes Stimme nicht vernehmbar ist, ohne dass wir auch in uns hineinlauschen? Wenn wir Gottes Stimme nicht auch in unserem eigenen Innersten zu vernehmen wagen? Nicht, dass wir über eine eigene, private Offenbarungsquelle verfügen und auf die großen gemeinschaftlichen Erzähltraditionen des Glaubens (aller Religionen) verzichten könnten! Aber sollte Gott, wenn es ihn denn gibt und er zu uns zu sprechen vermag, sich nur „äußerlich“ äußern und nicht auch „innerlich“?

Es gibt Antworten, die wir nicht mehr benötigen

Ein gereifter Glaube verzichtet auf Antworten, die keine sind. Man hat ohnehin erfahren, dass für einen wachsamen, einen „spirituell erwachten“, ehrlichen und nachdenklichen Menschen, auch wenn er sich als Christ oder Christin versteht, sich im Lauf des Lebens die Zahl der Fragen vermehrt und die der Antworten verringert. Und irgendwann findet man das nicht einmal mehr beunruhigend, sondern befreiend.

Der Weg bis zu diesem Punkt kann jedoch bisweilen schmerzhaft sein – so wie jede Geburt mit Schmerz und Bedrängnis verbunden ist. Derzeit ist zumindest in den westlichen Gesellschaften zu beobachten, dass religiös gebundene Menschen sich vor Fragen gestellt sehen, die sich früher nur notorische Zweifler und Querulanten zu stellen getraut hätten.

Einmal habe ich einem alten Menschen, der sich mit allzu viel Grübeln über Gott und den rechten Glauben plagte, geschrieben, dass er vermutlich das „Elia-Prinzip“ kenne. Da kommt Gott bzw. ein Engel Gottes zu dem lebensmüde gewordenen, tief angefochtenen Propheten Elia, um dafür zu sorgen, dass Elia erst einmal ausgiebig schläft und isst! Das sollte man wörtlich nehmen, allerdings auch nicht zu wörtlich.

Für mich bedeutet diese Weisheit, dass unser spirituelles Leben vor Gott immer eine ganz „materielle“ Seite benötigt, und dazu gehört ein Stück Lebenskunst. Darunter verstehe ich alles, was wir selbst tun und gestalten können, um gut zu uns selbst zu sein und uns möglichst an jedem Tag zu einer kleinen Freude zu verhelfen.

Im Alter, wenn die Kräfte allmählich nachlassen und manche Grenzen enger werden, geht es um viele so genannte „kleine Dinge“, die man für sich tun kann und an denen man seine Freude hat. Manchmal ist es eine Fernsehsendung, die man sich vorher schon aussucht. Manchmal ist es eine kleine Delikatesse oder ein neues Kleidungsstück. Manchmal auch eine Bitte, die man sich einmal anderen gegenüber zu äußern wagt. Manchmal tut eine kleine Veränderung in der Wohnung gut und natürlich immer wieder ein gutes Buch.

Worauf ich hinaus will, ist, dass es für unser Seelenwohl und auch für unser geistliches Ergehen nötig ist, die leibliche Seite unseres Daseins bewusst und aktiv zu gestalten. Dabei gilt manchmal auch der Satz: „Ein bisschen Leichtsinn segnet Gott!“

Noch wichtiger als eine natürliche und ganzheitliche Gestaltung des Alltags ist, dass wir lernen, wirklich in Berührung zu sein mit uns selbst, mit unseren inneren Regungen und Gefühlen. Das ist alles andere als selbstverständlich, und manche haben es nie gelernt. Zudem beobachtet man bisweilen bei sehr frommen Menschen, dass sie allenthalben Bibelverse zitieren und bekennen, „dass Gott keine Fehler macht“, aber sie selbst sind im Laufe des Lebens eigentümlich starr geworden, als würde ihr Glaube ihnen vor allem beigebracht haben, stets eisern zu lächeln.

Wieder andere benutzen Gott als Umgehungsstraße, um ihre ganz realen Probleme. Gott muss es richten, wofür vertraut man ihm denn sonst! Einmal habe ich zu solch einem Menschen, dem die Frömmigkeit aus den Haarspitzen troff, in einem Beratungsgespräch (wegen seiner Eheprobleme) gesagt: Ich kann Ihnen jetzt nur unter der Bedingung helfen, dass während dieses Gesprächs die Worte „Gott“, „Jesus“, „Beten“ und „Bibel“ kein einziges Mal von Ihnen in den Mund genommen werden! Wir sprechen jetzt einmal wirklich von Ihnen und dem, wie Sie Ihre Schwierigkeiten angehen können! Eine tiefe Einsicht besagt, dass wir Gott niemals „an uns vorbei“ erkennen und erfahren können. Wer seine eigenen Wunden und Zerrissenheiten ausblendet und den eigenen Träumen und Begabungen misstraut, wird dies alles dann umso gründlicher auf Gott projizieren.

Sich selbst vermeiden und aus dem Weg gehen, ist kein Weg, der zu Gott führt. Das Gottesbild, das dabei herauskommt, ist meist nur das Vexierbild unserer Verdrängungen. Oder Gott wird mit einer Glorie umkränzt, die keinen anderen Zweck hat, als das Dunkle und Unansehnliche im eigenen Leben zu überdecken.

Darum gilt: Man kann nicht gut „bei Gott“ sein, wenn man schlecht „bei sich selbst“ ist.  Am Ende läuft es darauf hinaus, mit sich selbst einen realistischen, aber auch großherzigen Umgang zu pflegen, damit die Beziehung zu Gott nicht dafür herhalten muss, dass wir von ihm alles Mögliche erwarten, wofür wir eigentlich selbst zuständig und verantwortlich sind.

Es gibt Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die werden regelrecht zu Philosophen. Sie können gar nicht genug bekommen, vor allem können sie nicht genug lesen: im Blick auf die Menschheitsgeschichte, die Geschichte der Philosophie, die Religions- und Theologiegeschichte. Ich finde das wunderbar.

Jedoch verhält es sich in den meisten Fällen anders. Spätestens wenn das Älterwerden mit Grenzen, Einschränkungen, Belastungen und Unglück verbunden ist, haben wir keinen Appetit auf philosophische Gourmetgerichte und keine Kraft für geistige Höhenflüge in Theoriewolken hinein und über sie hinaus. Da brauchen wir etwas ganz Einfaches, das trägt. Gerade, wenn’s um den Glauben geht.

Das hat nichts mit geistiger Bequemlichkeit oder Beschränktheit zu tun, sondern damit, dass der Glaube uns wenig hilft, solange  er nur im Kopf stattfindet und in gelehrten Gedankengängen. Was uns zum Leben und zum Sterben hilft, muss so einfach sein, dass Kinder es bereits verstehen und Sterbende es noch irgendwie spüren können.

Was Kinder und Sterbende verstehen, ist zum Beispiel die Berührung durch eine segnende Hand, vielleicht verbunden mit dem leisen Zuspruch: „Fürchte dich nicht! Es ist alles gut!“ Was Kinder und Alte verstehen, ist, wenn der Glaube sich verbindet mit der Melodie eines Liedes. Was Kinder und Alte verstehen, ist, wenn ihnen jemand sagt: Du bist umhüllt von etwas Größerem; betrachte es wie die Burg, die dich schützt, und das Kleid, das dich wärmt!

Was Kinder und Alte verstehen, ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das im Zentrum all dessen steht, was Jesus den Menschen seiner Zeit zu sagen versuchte: Betrachte Gott nie anders, als dass du dir seine geöffneten Arme vorstellst, die dich erwarten und umschließen. Ganz gleich, wie du ankommst und was gewesen ist! Das meine ich mit Einfachheit. Kindisch ist daran weiß Gott gar nichts.

Der Kreis schließt sich

Bekanntlich führen Stoffwechselveränderungen im Gehirn im fortgeschrittenen oder hohen Alter dazu, dass Erinnerungen an lange zurückliegende Ereignisse der Jugendzeit wieder wach werden, während sich soeben Erlebtes alsbald verflüchtigt.

Daher wird, muss und darf es auch eine Spiritualität, eine Glaubensweise „am Ende des Weges“ geben, die diesem Gesetz des Alterns entspricht. Von Regression dürfte man dabei nur sprechen, wenn sich jemand sozusagen vor der Zeit in ein kindliches Gemüt flüchtet, weil er das bequem findet.

Aber wir brauchen, sofern wir ein hohes Alter erreichen dürfen, auch die Erlaubnis – oder besser: wir haben das Recht, dass der Kreis sich schließt und das „Kind im Greis“ sich dem Kind von damals wieder annähert. Wohl dem, der im hohen Alter Lieder und Gebete kennt, durch die er als Kind Vertrauen lernte!

Es ist zu befürchten, dass ein solcher Schatz aus Kindheitstagen immer mehr abhanden kommt und dann im Alter nicht als Trostkraft zur Verfügung steht.

Von dem großen und berühmten Theologen Karl Barth wird berichtet, dass er in seinen letzten Lebensjahren, gesundheitlich arg gebeutelt und eingeschränkt, abends nicht nur Mozartmusik gehört und ein Glas Wein getrunken, sondern oft Lieder aus seiner Kindheit gesungen habe. Sein letzter Assistent, Eberhard Busch, hat den letzten Abend, den er mit seinem Lehrer kurz vor Barths Tod verbrachte, für die Nachwelt aufgeschrieben:

„Wir hatten abends zusammengesessen, und der Abend hatte sich in die Länge gezogen. Es war schließlich weit nach Mitternacht, in der Nacht zum ersten Advent. Karl Barth bat gleichwohl, noch abzuwarten, bis er im Bett liege, um dann noch etwas zu singen. Ich hatte ihn schon manches Mal singen gehört, zuweilen auch, wenn er allein am Schreibtisch saß, und das regelrecht, mit dem Gesangbuch in der Hand. Und wenn er in einem Gottesdienst war, pflegte man selbst in großer Versammlung seine Stimme herauszuhören. Er sang mit der Kraft eines Löwen. So sang er auch jetzt, obwohl das Fenster seines Zimmers zur nachtdunklen Straße hin offenstand. Ich warf einen fragenden Blick dorthin. Ob es wohl Beschwerden wegen nächtlicher Ruhestörung geben könnte? Doch er liebte es zu ­betonen: ‚Lasset den Lobgesang hören!‘ Sei es denn auch in vorgerückter Stunde! Als ich in sein Schlafzimmer trat, sang er eben eines seiner unvergessenen Kinderlieder von einst:

‚Jetzt schlof i frehlig y,

es isch hitte luschtig gsi.

Der lieb Gott het recht a mi denkt,

und het mir hit vyl Fraide gschenkt…‘

Und dann schlug er zu gemeinsamem Gesang das Adventslied vor: ‚Nun jauchzet all ihr Frommen, in dieser Gnadenzeit…‘, in dem es zuletzt heißt:

ER wird nun bald erscheinen

In seiner Herrlichkeit,

der all euer Klag und Weinen

verwandeln wird in Freud.

Er ist’s, der helfen kann.

Macht eure Lampen fertig,

und seid stets sein gewärtig,

er ist schon auf der Bahn.

So sangen wir. Und er sang so laut wie eh und je.

Und das war der Abschied.“