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Im Reinen mit dem Wasser - Keine Angst mehr vor dem Ertrinken

ROTTENBURG – Als sie über das Mittelmeer geflüchtet sind, hatten Ruzbeh Abbaspur und Karim Khadeeda große Angst vor dem Ertrinken. Heute nehmen sie anderen die Furcht vor dem nassen Element: Die beiden engagieren sich als Schwimmlehrer und Rettungsschwimmer.

Ruzbeh Abbaspur (links) und Karim Khadeeda haben schon mehr als 100 Kindern das Schwimmen beigebracht. Foto: Wolfgang AlbersRuzbeh Abbaspur (links) und Karim Khadeeda haben schon mehr als 100 Kindern das Schwimmen beigebracht. Foto: Wolfgang Albers

Das Wasser ist jetzt ihr Freund. Ganz intensiv hat das Ruzbeh Abbaspur gespürt, als er nach dem Abitur mit Freunden nach Neapel gefahren ist: „Es war ein unglaubliches Gefühl, sich in das Wasser hineinzuwerfen und im Meer zu schwimmen. Ich habe keine Angst mehr.“ Warum auch: der Student der Fahrzeugund Motorentechnik ist mittlerweile sogar Rettungsschwimmer.

Wie Karim Khadeeda, für den das Wasser momentan sogar ein Arbeitgeber ist. Der angehende Industriekaufmann gibt Schwimmkurse und ist einer derjenigen, die es den Rottenburgern ermöglicht, überhaupt ins Freibad gehen zu können. Dort macht Karim Khadeeda Badeaufsicht. Er und das Wasser sind im Reinen: „Es gefällt mir, schwimmen zu können und besonders auch, anderen helfen zu können.“

Denn das Wasser war auch schon mal ihr Feind. 2014 ist die iranische Familie Abbaspur mit einem Schlauchboot von der Türkei aus auf das Mittelmeer gefahren: der 16-jährige Ruzbeh, sein jüngerer Bruder, seine Eltern. Eine afghanische Familie saß noch mit im Boot.

Angst ins dunkle Wasser zu schauen

Im Jahr 2015 saß auch der 14-jährige Karim Khadeeda mit seiner ältesten Schwester auf einem dichtgefüllten Boot auf dem Mittelmeer. „Alle waren nervös, alle hatten Angst. Keiner hat gesagt, was passieren könnte, aber alle waren voll mit Gedanken. Dass das Boot kentern könnte.“

"Wir hatten Angst, ins Wasser zu schauen, in das tiefe, dunkle Wasser“, sagt Ruzbeh Abbaspur. „Wir konnten nicht schwimmen.“ Wie auch? Seine Familie hat in Tonekabon gelebt, eine Stadt am Kaspischen Meer. „Wir haben schöne Strände, aber für mich war das Wasser in dieser riesigen Menge beängstigend“, erinnert er sich.

Die Stadt im Iran hatte auch ein Schwimmbad. „Da war ich immer auf der Nichtschwimmerseite.“ Schwimmen lernen war nämlich nur im Privatunterricht möglich, dafür hatte die Familie nicht das Geld.

Da, wo Karim Khadeeda gelebt hat, in der Provinz um die irakische Stadt Mossul, wäre ein Schwimmbad purer Luxus gewesen. „Das ist eine ziemliche Wüste, das Land stirbt dort, die Pflanzen werden immer weniger. Wasser war sehr wichtig: zum Trinken und für die Tiere. Da hat man nicht drin gebadet. Wir mussten sogar Trinkwasser kaufen.“

Fast das einzige Gewässer dort war ein etwa 15 Meter breiter Kanal, der die Felder bewässerte. „Es sind viele darin gestorben, viele sind ertrunken, im Irak können die meisten nicht schwimmen.“

Mit einem Schlauch haben sie es auf die andere Seite geschafft: „Irgendwie. Drüben war ein See entstanden. Das Wasser war sehr schmutzig, es war immer ein bis zwei Meter tief. Da habe ich mich getraut, ins Wasser zu gehen. Ich bin ein bisschen geschwommen und mit dem Boot gefahren, um Fische zu fangen. Aber wenn mich jemand ins Wasser geschmissen hätte, ob ich da überlebt hätte, das weiß ich nicht.“

Genau das waren auch die Gedanken auf dem Boot im Mittelmeer. „Geh mal ein bisschen rüber“, sagten andere im Boot zu ihm. „Ich saß ganz an der Seite und dann war da das Wasser. Wo sollte ich denn hin? Ich hatte so viel Stress auf dem Boot, viele Leute saßen auf meinen Beinen, bestimmt drei oder vier.“

Ständig jagten Gedanken durch seinen Kopf: „Okay, das Boot wird untergehen. Würde ich es überhaupt schaffen, mit dem Kopf aus dem Wasser zu kommen, würde ich über Wasser bleiben können?“ Es blieb bei den Gedanken – das Boot schaffte es auf eine griechische Insel, und auch die anderen sieben Mitglieder der jesidischen Familie überlebten einige Monate später ihre Flucht. Wie auch die Familie Abbaspur.

Aber Ruzbeh hat erlebt, dass das nicht allen gelang: „Es gab mehr Boote als nur unseres, manche Boote haben es nicht geschafft. Wir mussten mit ansehen, dass andere Menschen ertranken, Erwachsene und Kinder ... schreckliche Bilder, die wir alle lang in unserem Kopf hatten. Meine Mutter hat damals viel geweint, so kannte ich sie gar nicht.“ Beide Familien kamen nach Tübingen. Und dort saß Ruzbeh Ende Juli 2015 im Freibad und genoss einfach das Treiben um sich herum. Neben ihm, auf einer Bank, saß ein kleines Mädchen, das gerade aus dem Wasser gekommen war. Eine Frau trocknete es ab.

Rottenburg. Dagmar Müller hat die Schwimm- Initiative gestartet. Foto: Wolfgang AlbersDagmar Müller hat die Schwimm- Initiative gestartet. Foto: Wolfgang Albers

„Diese Frau“, sagt Rurbeh Abbaspur heute, „hat mein Leben verändert.“ Er hatte Dagmar Müller getroffen. Eine ehemalige IBM-Managerin, die im Ruhestand auf ganz andere Zahlen geschaut hat. Dass Ertrinken die zweithäufigste Todesart ist für Kinder bis 15 Jahre. Dass 60 Prozent der Kinder, die die Grundschule verlassen, nicht sicher schwimmen können. Und dass dies vor allem Kinder sind, deren Eltern sich privaten Schwimmunterricht nicht leisten können.

Dagmar Müller forderte Firmen auf, kostenlose Schwimmkurse zu spenden – das war der Beginn der Initiative „Schwimmen für alle Kinder“. Mit rund 20 Kindern startete sie, mittlerweile haben über 500 Kinder als Beleg ihrer Fertigkeiten im Wasser die begehrten Abzeichen wie das Seepferdchen oder das Schwimmabzeichen Bronze bekommen.

Stolz hatte Karim Khadeeda sie an seiner Badehose, und als sie zu klein war, hat er sie sorgsam abgemacht: „Ich habe sie immer noch zu Hause. Ich habe mir gesagt: Ich komme jetzt wirklich klar mit Wasser.“

Integration durch Schwimmen

Bei „Schwimmen für alle Kinder“ geht es aber nicht nur um die Sicherheit im Wasser. Sondern auch um Integration. Von Anfang an hat die Initiative gezielt Flüchtlingskinder angesprochen. Wie Ruzbeh und Karim, die durch die Schwimmkurse die Chance auf eine neue Aufgabe sahen. Karim blieb als Übersetzer dabei, erklärte anderen irakischen Kindern die Bewegungen. Und Ruzbeh blieb bei seinem Schwimmtrainer als Assistent – selbst einmal Kurse zu geben war sein Ziel.

Das hatte Dagmar Müller bemerkt und schlug beiden vor, die Ausbildung zu machen. Zwingend ist dabei auch die Prüfung zum Rettungsschwimmer. Tauchen, Temposchwimmen, Befreiung aus Umklammerungen und Würgegriffen, Abschleppen in Kleidung – Ruzbeh Abbaspur und Karim Khadeeda mussten hart trainieren.

Vor allen unterzutauchen war eine Überwindung. „Tauchen war ganz schlimm für mich“, sagt Karim Khadeeda. „Es ist dunkel im Wasser, man hört nichts – vielleicht hatte ich noch zuviel Angst von der Überfahrt.“ Auch Ruzbeh Abbaspur denkt, dass da manches hochkam: „Alles, was mit Atmen zu tun hat, war sehr schwer für mich.“

Aber: Sie haben sich durchgebissen. Und sind wichtige Stützen in der Initiative. Über 100 Kinder haben sie schon unterrichtet. „Krass, Alter“, denkt Ruzbeh Abbaspur manchmal über ihren Weg und wohin er geführt hat: „Wenn der Schwimmschüler schwimmt – dann bin ich so stolz.“

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