Christliche Themen für jede Altersgruppe

Im Team für alle Sinne - Zweifel sind die Ameisen des Glaubens

STUTTGART-BAD CANNSTATT – Die Feier zum 20. Jubiläum der ökumenischen Gottesdienstreihe „abendrot“ auf dem Burgholzhof wurde wegen der Corona-Pandemie verschoben. Stattdessen inszenierte das Team der evangelischen Steiggemeinde und der katholischen St.-Martin-Gemeinde einen Gottesdienst über den Zweifel – bildhaft und berührend.

Das abend- rot-Team (von links): Silke Gref, Peter Kuhn, Ingeborg Streicher, Manfred Scherer und Pfarrerin Teresa Nieser. Nicht im Bild ist Kantorin Elena Röser- Pischik. Foto: Julia LutzeyerDas abend- rot-Team (von links): Silke Gref, Peter Kuhn, Ingeborg Streicher, Manfred Scherer und Pfarrerin Teresa Nieser. Nicht im Bild ist Kantorin Elena Röser- Pischik. Foto: Julia Lutzeyer

Auch wenn jeder abendrot-Gottesdienst vom sechsköpfigen Organisationsteam der evangelischen Steiggemeinde in Bad Cannstatt und der benachbarten katholischen Gemeinde St. Martin liebevoll vorbereitet wird, ganz vorhersehen lässt er sich nicht. „Er passiert, ereignet sich“, so fasst Pfarrerin Teresa Nieser die Unwägbarkeiten zusammen. Die ökumenische Gottesdienstreihe entstand vor 20 Jahren.

Immer am dritten Sonntag eines Monats findet die abendrot-Feier statt, oft im Ökumenischen Zentrum Burgholzhof, aber auch an anderen Orten. Die junge Pfarrerin ist seit 2015 mit dabei.

Eigentlich hätte am 21. Juni im ehemaligen Gutshof auf dem Burgholzhof, den die Gemeinden seit Auflösung der US-amerikanischen Kaserne nutzen, ein Jubiläumsgottesdienst mit anschließendem Fest gefeiert werden sollen. „20 Jahre auf Sendung“, steht in der Ankündigung zum ersten Halbjahr 2020. Doch als das Programm gedruckt wurde, beherrschte das Coronavirus noch nicht die Nachrichten.

Zweifel sind die Ameisen des Glaubens

Nun, nachdem die Pandemie auch in Europa Fuß gefasst hat und bei Zusammenkünften Abstandsregeln eingehalten werden müssen, hat das Team umdisponiert. In der Steigkirche geht es an diesem Abend um den Zweifel.

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Das Thema ist ein Blickfang: Links vom Altar, auf dem die orangerote Scheibe das Abendrot symbolisiert und mit dem Motiv des Wandbehangs korrespondiert, blickt man auf das Plakat einer zur Seite schielenden Frau, die grüblerisch auf ihre Unterlippe beißt. Umstellt ist das Bild der Orientierungslosen mit Würfeln, auf denen Fragezeichen prangen.

Das abendrot-Team will die Gottesdienstbesucher jedes Mal ganz neu und mit allen Sinnen ansprechen. Bilder, Musik, Inszenierungen, ein ungewöhnliches Raumprogramm: Mit solchen Elementen lässt sich Stimmung und Aufmerksamkeit erzeugen. „Wichtig ist, dass es niemals bloße Deko ist“, sagt Peter Kuhn aus dem Organisationsteam. „Die Elemente sind immer Teil der Liturgie.“

Bildstark ist die Kirche für den abendrot- Gottesdienst zum Thema Zweifel geschmückt. Foto: Julia Lutzeyer Bildstark ist die Kirche für den abendrot- Gottesdienst zum Thema Zweifel geschmückt. Foto: Julia Lutzeyer

Bildstark ist die Kirche für den abendrot- Gottesdienst zum Thema Zweifel geschmückt. Foto: Julia Lutzeyer

Daran gibt es beim Thema Zweifel keinen Zweifel: Das von vier Akteuren gesungene Gotteslob wird durch einen inszenierten Zwischenruf unterbrochen: „Halt, halt, halt! ... Loben, geht das überhaupt?“ Daran schließt sich die Lesung aus dem Matthäus-Evangelium an, die Pfarrerin Teresa Nieser mit der Einsicht abschließt: „Wer glaubt, kennt Zweifel. Zweifel bewahren den Glauben davor, blind zu werden.“ Später greift sie zum bildhaften Vergleich: „Zweifel sind die Ameisen in der Hose des Glaubens, sie halten lebendig“, und betont: „Der Zweifel hat Hausrecht im Glauben.“

Welche Gedanken sich hinter den Fragezeichen verbergen, verdeutlichen mehrere Stimmen: „Werden meine Kinder gut durchs Leben kommen?“, ist zu hören. Oder: „Wem soll ich trauen, der Wissenschaft, der Politik, keinem?“, „Ob Gott Gebete hört?“, „Die Rettung der Erde: Werden wir es schaffen?“

Der Kirchenraum weitet sich zum Assoziationsraum. Durch die geöffneten Türen und Fenster weht die frische Abendbrise. Und während man von den Bankreihen zusieht, wie aus den Papphockern mit Fragezeichen das Wort „Vielleicht“ entsteht und eine wage Hoffnung die Oberhand gewinnt, staunt man über die konzentrierte Stille.

Bildliche Impressionen, Musik und ein Thema, das sich mit allen Sinnen erfahren lässt. Das ist typisch abendrot-Gottesdienst. Untypisch ist, dass das anschließende Beisammensein bei Häppchen und Getränken virusbedingt entfällt. Schade, gehört doch die persönliche Begegnung zum Wesenskern jedes Gottesdienstes. „Im Grunde sind wir wie eine Personalgemeinde“, sinniert Mitorganisator Manfred Scherer auf dem Vorplatz unter freiem Himmel. Niemand interessiere, wer von den Anwesenden protestantisch, wer katholisch oder ohne christliches Bekenntnis sei. „Alle sind willkommen.“

Eine Besucherin erzählt, dass sie sonst nicht an Gottesdiensten teilnehme, aber oft und gerne die abendrot-Reihe besuche: „Die Inszenierungen sind fantastisch und berühren mich immer sehr.“ Sie erinnert sich an die 300 Rosenblüten, die das Thema Fülle im Zusammenhang mit Franz von Assisi vermittelten. Oder an ein Pfingstfest mit der Losung „Wie wirkt der Geist“ in der Kirche St. Maria, in der eine Windmaschine Stoffbänder in Bewegung setzte. Auch die Umstehenden berichten von unvergesslichen Bildern, die sich tief eingeprägt haben.

„Die Vorbereitung ist stets sehr liebevoll“, sagt Peter Kuhn. Nie käme das Team auf den Gedanken, dass alles auch ein bisschen kleiner und einfacher gehe. Die Ideen werden gesammelt, besprochen, ausgewählt, verfeinert und schließlich in stimmigen Inszenierungen gebündelt.

Bleibt die Frage, wie diese Gottesdienst-Reihe zu ihrem Namen kam. „Das geschah aus dem Moment, als das Abendrot durchs Fenster schien“, erzählt Peter Kuhn.

Zufall oder ein Zeichen? Es ist passiert, so wie sich seither vieles ganz ungeplant ereignet hat und ereignet bei den abendrot-Gottesdiensten. □

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