Christliche Themen für jede Altersgruppe

Immer derselbe Geist

An Pfingsten wurde der Heilige Geist ausgegossen, erzählt Lukas in Apostelgeschichte Kapitel 2, auf alle, die damals zu diesem Wallfahrtsfest nach Jerusalem gekommen waren. Er zählt die Herkunftsländer auf, eine lange Liste. „Ausgießen“ schreibt Lukas und zitiert den Propheten Joel. Dieses Ausgießen, wie geht das? Was bewirkt es? Welche Vorbilder gibt’s im Ersten Testament? 


Vorbilder gibt es im Alten Testament mehrere. Wenn Gott seinen Geist ausgießt, seine Kraft, seine Energie, dann spüren die Menschen diese Dynamik, geraten in Ekstase – und bleiben miteinander verbunden.  „Da kam der Herr in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie vorübergehend in ekstatische Begeisterung wie Propheten; danach aber nicht mehr.“ (4.Mose 11,25) In Israel war Prophetentum ursprünglich mit ekstatischen Zuständen verbunden, wie singen, tanzen, lallen.

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Saul wird gesalbt, bekommt den Geist, wird König. Aber wegen einer Eigenmächtigkeit nimmt Gott seinen Geist wieder von ihm, Saul wird schwer depressiv. David taucht auf, wie ein Musiktherapeut, spielt für Saul Harfe. Samuel, der „Königsmacher“, salbt David heimlich zum neuen König. Bei Saul und David ist vom Heiligen Geist die Rede. Das bedeutet aber nicht, dass alle Könige oder Machthaber qua Amt Gottes Geist haben.

Die Propheten in der Bibel sind keine Hellseher, Wahrsager der Zukunft oder politischen Wetterfrösche. Die Welt können die biblischen Propheten anders wahrnehmen, denn sie sehen tiefer, weiter, erfassen Zusammenhänge intensiver. So erkennen sie Strukturen und Entwicklungen ganz anders. Von daher können sie die Verhältnisse analysieren, unterscheiden und bewerten, auch die Politik kritisieren, wo sie in die Irre läuft. Wo sie nicht Gott und den Menschen dienlich ist. Sie empfangen Visionen – und sie geben diese Bilder weiter. Wie bei Ezechiel mit seiner Vision der Auferweckung der Toten: Gott haucht ihnen seinen Odem ein, seinen Geist, und die einstigen Leichen leben wieder. (Ez 37)

Was Luther hier mit Odem wiedergibt, heißt im Hebräischen rúach. Hauch, Wind, Geist bedeutet es. Zu Beginn der Schöpfung flattert Gottes rúach heftig über dem Urmeer des Chaos. „Rúach hakodêsh“ ist der Heilige Geist. Im Griechisch des Neuen Testaments „pneûma hágion“, und „spiritus sanctus“ auf Latein. Femininum, Neutrum, Maskulinum – offenkundig verstehen diese alten Sprachen Gottes Geist unterschiedlich. Sie denken sich seine Schöpferkraft, Energie und Dynamik so verschieden, wie der grammatische Vergleich ihre verschiedenen Aspekte dokumentiert. Energisch, gewaltig und gnädig, voller Verständnis, warmherzig und barmherzig, unabhängig, geradlinig und vorurteilsfrei. Wichtig ist: Grundsätzlich wirkt der Heilige Geist im Alten Testament nicht anders als im Neuen: Es ist derselbe Geist, derselbe Gott.

Jesus bekommt bei seiner Taufe im Jordan Gottes Geist. Er lässt sich taufen von Johannes, schreibt Markus am Anfang seines Evangeliums. „Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah (nur) er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Markus betont, dass diese Offenbarung Jesus allein zuteilwird. Das hier angesprochene Geheimnis der Person Jesu wurde erst aufgrund seiner Auferweckung öffentlich verkündigt.

Mit seiner Taufe wird Jesus zu Gottes geliebtem Sohn, bekommt Gottes Heiligen Geist, wird sein Gesalbter, sein Messias, sein Christus. Er bekommt Wunderkräfte, heilt Krankheiten, vermittelt Weisheit und Erkenntnis, stärkt auch bei vermeintlichen Verlierern das Gottvertrauen und holt Menschen aus dem Gefängnis ihrer Ängste. Er kann prophetisch reden und die Geister unterscheiden: Was dient dem Kommen des Reiches Gottes und stört sein Ankommen?

Also was steht einer Welt, wie Gott sie will, alles so im Wege, dass Menschen hungern, dürsten, weder Würde noch Liebe spüren, an Gottes Güte zweifeln bis sie gar verzweifeln? Die Ursachen dafür angehen zu können, voller Selbstbewusstsein, Mut und Gottvertrauens, das gehört gewiss zu den Gaben des Geistes.

Was wirkt der Heilige Geist, was sind also seine Gaben? In der Geschichte der Kirche hat es als Antwort lauter Listen gegeben. Neben dem Gottvertrauen Liebe, Feindesliebe, das Prinzip Hoffnung. Gastfreundschaft ist eine Gabe des Geistes, steht bei Paulus, im Hebräerbrief: diese Philoxenía – wörtlich die Liebe zu Fremden, ist ein besonderes Kennzeichen für Leute der Gemeinde- und Kirchenleitung, sagt der 1. Timotheusbrief.

Kunstwerke gehören zu den Gaben des Geistes, zum Beispiel Bachs Chaconne, Michelangelos David, Leonardos Mona Lisa, die Elbphilharmonie und Venedig. Ja, Kreativität gehört dazu, wo sie Gutes, Wahres und Schönes hervorbringt, sei es bei Malern, Bildhauern, Komponisten und Sängern, bei Autoren, Schauspielern und Regisseuren, bei Architekten und Städteplanern, klugen Politikern und Diplomaten, die sich selbstlos für Frieden einsetzen, Zivilcourage haben und der Verelendung, Ausbeutung und Menschenverachtung deutlich Widerstand entgegensetzen, bei fleißigen wie genialen Ingenieuren für einen schonenderen Umgang mit der Schöpfung, für ein gelingendes Leben, in Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie. Gesunde Kreativität baut Brücken zum Reich Gottes, sagen wir heute.

In der Pfingstgeschichte schreibt Lukas, wie Petrus den Verdacht abwehrt, die Verzückten seien besoffen. In seiner Rede zitiert Petrus den Propheten Joel: Alle bekommen Gottes Geist. Alle. Ohne Unterschied von Geschlecht, Alter, sozialem Rang, alle. „Hier gibt es keinen Unterschied mehr“ zitiert an einer Stelle Paulus genau diesen Geist aus dem Taufverständnis der Galater, „es hat auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau. Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zu einem Menschen geworden.“ (Gal 3,28)

Das klingt schön, utopisch. Lukas bringt als Höhepunkt seines Pfingstberichts auch eine Utopie. Die Gemeinde beschreibt er mit einem faszinierenden Bild als neue menschliche, geistbegabte gelingende Gemeinschaft ohne Entfremdung, in Gottes Nähe: „Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ (Apg 2,46)

Für Lukas ist das keine Vertröstung, kein frommes Märchen vom St. Nimmerleinstag, sondern das, was dann bei Ernst Bloch „Konkrete Utopie“ heißt. Ich habe den Philosophen zu Beginn meines Studiums in Tübingen noch gehört, und ich könnte ihn nicht besser beschreiben, wie ihn Walter Jens charakterisiert hat: „Ernst Bloch, der die deutsche Sprache zugleich mit lutherischer Kraft und sentimentalischem, heineschem Witz, mit marxschem Pathos und dem Rebellenmut Thomas Münzers traktiert.“

Für Ernst Bloch ist eine „konkrete Utopie“ der Begriff, mit dem der Zustand nach einer real möglichen Gesellschaftsveränderung gemeint ist. Also eben keine Vertröstung auf irgendwann einmal. So zitiert Ernst Bloch aus dem „Startup“ des jungen Karl Marx, erst 26 Jahre alt, etwas, was wie eine Art kategorischer Imperativ klingt, den er aus den Gaben des Geistes im Neuen Testament ableitet, mit der prophetischen Gabe der Unterscheidung der Geister. Es gehe darum, all die Verhältnisse völlig zu ändern, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

So kann man auch zu Lukas’ Schilderung von Pfingsten und den couragierten, kreativen und liebevoll-gastfreundlichen Auswirkungen des Heiligen Geistes sagen, sie ist eine konkrete Utopie für alle Christen, wenn er vor den oben zitierten Versen schreibt: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ (Apg 2,44-46)