Christliche Themen für jede Altersgruppe

In der Haft den Blick aufs Leben richten

Eine Freiheitsstrafe soll keine Endstation sein: Das Ziel heute ist die Wiedereingliederung von Straftätern. Auch dann, wenn sie psychisch erkrankt waren. Hinter jeder Resozialisierung steckt die Geschichte von Menschen: Täter, Opfer, Helfer.

Auf der Station hilft auch mal ein Kicker-Spiel mit dem Psychologen weiter.
(Foto: Hanna Eder)



Das ist auch der Grund, warum bei ihm der Maßregelvollzug greift. Grundsätzlich verfolgt das Strafrecht nämlich zwei Linien: Die eine lautet schlicht: Auf eine Tat, für die jemand schuldig gesprochen wird, folgt die Strafe als Sühne. Die zweite Schiene: Wird bei einem Täter eine besondere Gefahr erkannt, zum Beispiel aufgrund einer Persönlichkeitsstruktur, eines Suchtverhaltens oder ähnlichem, dann geht es auch um Vorbeugung für die Zukunft, die so genannten Maßregeln, die der Besserung und Sicherung dienen. Während die einen in Gefängnissen ihre Strafe absitzen, werden die anderen in psychiatrische Enrichtungen eingewiesen.

„Das Ziel jeder Behandlung ist es, die Patienten des Maßregelvollzugs wieder in die Gesellschaft einzugliedern und sie auf ein straffreies Leben vorzubereiten“, betont Psychologe Traub. „Es geht darum, dass Patienten Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.“

Das häufigste Delikt von Patienten in der forensischen Klinik ist gefährliche Körperverletzung, gefolgt von Brandstiftung und versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten, erklärt der Psychologe. Die häufigste Diagnose sei eine paranoide Schizophrenie. Das trifft auf rund 80 Prozent der Patienten im Maßregelvollzug zu.

Zur Stationsgemeinschaft von Herbert W. gehören rund 13 Patienten im Alter von 24 bis 53 Jahren. Die Patienten wohnen in Zwei- und Drei-Bett-Zimmern, die zweckmäßig eingerichtet sind: Bett, Schrank, Schreibtisch, Waschbecken. Die Tage der Patienten sind streng getaktet. Herbert W. zählt auf: 6.30 Uhr Aufstehen, Körperpflege, dann die erste Morgenzigarette im Raucherraum. Um 7.30 Uhr beginnt die Arbeitstherapie. Herbert W. arbeitet im Bistro-Kiosk auf dem Klinikgelände. „Brötchen schmieren; Kasse, Bestellungen und Verkauf machen“, erzählt der Patient. „Dann 15-minütige Frühstückspause, um 12 Uhr Mittagessen, dann geht die Arbeit bis 16 Uhr weiter, um 17 Uhr ist Abendessen, danach kann man sich die Zeit flexibel einteilen.“

„Insgesamt 107 Betten stehen für den psychiatrischen Maßregelvollzug in der Weissenau zur Verfügung“, erklärt Chefarzt Udo Frank. Gesetzliche Grundlage für die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Weissenau ist der Paragraf 63 des Strafgesetzbuches. „Straftäter, die aufgrund einer psychischen Erkrankung schuldunfähig oder vermindert schuldfähig sind, sind hier untergebracht“, erklärt er. Das Durchschnittsalter sei um die 40 Jahre.

Und wie erfolgreich ist der Maßregelvollzug? Die Rückfallquote bei psychisch kranken Straftätern bewege sich „im unteren einstelligen Bereich“, sagt der Chefarzt. Er gibt jedoch zu bedenken: „Sie können Hunderte von Patienten erfolgreich rehabilitiert haben; dennoch genügt ein öffentlichkeitswirksamer Einzelfall, um das Behandlungssystem wieder in Frage zu stellen.“

Resozialisierung hat viele Gesichter. Das weiß auch Pfarrer Hans-Dieter Schäfer. Seit 1994 arbeitet der Klinikseelsorger in der Klinik in Weissenau. Er begleitet dort Menschen, die krankheitsbedingt zum Täter geworden sind. Das Büro des Theologen liegt im Haus 41, dem sogenannten K-Bau der Klinik. „Was passiert ist, lässt sich nicht ungeschehen machen“, sagt Schäfer nüchtern. Er wolle jedoch den Patienten helfen, etwas Neues entstehen zu lassen: „Die Tat umwandeln in etwas Gutes.“

Das kann auch eine Herausforderung sein. „Einmal hat mich ein Täter sein Gutachten lesen lassen und seitenweise mit allen Details seines unter psychotischer Ausnahmesituation begangenen Mordes konfrontiert“, erzählt der Pfarrer. „In solchen Momenten brauche ich all meine spirituellen Ressourcen.“ Damals begann Schäfer zu beten. Das Vaterunser. „Um die Bilder besser verarbeiten zu können“, sagt Schäfer. Der Satz „Und erlöse uns von dem Bösen“ habe seitdem eine neue Bedeutung für ihn.

Eine besondere integrative Funktion für die forensischen Patienten hat dem Klinikseelsorger zufolge der Kontakt zur örtlichen Kirchengemeinde. „Jeden Sonntag um 9 Uhr sind Patienten der offenen Stationen in den Gottesdienst unserer Kirchengemeinde eingeladen“, erzählt Schäfer. Jeden Freitag finde zudem das Kirchencafé statt. „Das ist ein Angebot, bei dem ein vertiefendes Thema wie zum Beispiel Biografiearbeit behandelt wird und zu dem auch die Kirchengemeindemitglieder eingeladen sind. „Auch muslimische forensische Patienten sind häufig als Besucher vor Ort“, erzählt Hans-Dieter Schäfer. Gerade durch Angebote wie Kirchencafé würden Ängste und Vorurteile abgebaut.

Herbert W. träumt für die Zeit nach seiner Entlassung von einer eigenen Wohnung. „Ich möchte gerne in einer betreuten Einzelwohnform wohnen und werde sicherlich auch eine psychiatrische Instituts-Ambulanz oder eine Suchtselbsthilfegruppe besuchen“, prognostiziert er. Was ihn stützt? „Meine Familie. Sie hält zu mir.“

Eingliederung, den Weg zurück ins Leben finden, das gilt nicht nur für Menschen in der psychiatrischen Forensik, sondern für alle Inhaftierten. Es ist eine Aufgabe auch für Seelsorger. Seit 1976 gehen Pfarrer in die Gefängnisse. Sie sind sowohl für die Gefangenen als auch für die Bediensteten seelsorgerlich tätig. Gerhard Ding ist einer von rund 300 Gefängnisseelsorgern in den Justizvollzugsanstalten in Deutschland. „Glaube kann dazu beitragen, so eine schwere Zeit im Vollzug überhaupt auszuhalten“, sagt Gerhard Ding, Dekan im Justizvollzug Baden-Württemberg und Gefängnisseelsorger an der Justizvollzugsanstalt Mannheim. Er betreut in dieser Funktion ganz normale Straftäter, ohne psychische Erkrankung. Aber auch ihm geht es um Resozialisierung.

Wiedereingliederung im seelsorgerlichen Sinne bedeutet für ihn nicht nur, dafür zu sorgen, dass der Straftäter nicht mehr rückfällig wird und gute Startbedingungen für das Leben in Freiheit erhält oder der Sicherheit Genüge getan wird. „Wir als Gefängnisseelsorger begleiten Menschen, die Leben beschädigt haben, die Opfer zurückgelassen haben, und schauen hin, wie ein Mensch mit seiner Schuld zurechtkommt.“ Der Seelsorger hat schon oft erfahren, dass Sträflinge sagen: „Wenn ich nur die Uhr zurückdrehen könnte. Glauben Sie mir, ich würde alles dafür tun.“

Ganz wichtig ist für Gerhard Ding daher das seelsorgerliche Einzelgespräch und das damit verbundene Schweigegebot. „Alles, was wir als Seelsorger hören, wird nicht zur Stellungnahme verwendet werden; hier können Zweifel über eine mögliche Resozialisierung geäußert werden, ohne einen Werbeblock für sich selbst vorschieben zu müssen“, betont Ding.

Damit die Eingliederung ins Leben klappt, braucht es nach der Haft Sozialarbeiter, die die Ex-Häftlinge begleiten. Die gemeinnützige Neustart GmbH mit Hauptsitz in Stuttgart organisiert seit 2007 im Auftrag des Landes Baden-Württemberg Dienstleistungen in den Bereichen ‚Hilfe für Täter‘, ‚Hilfe für Opfer‘ und Prävention, auch in Ravensburg. „Wir hoffen, dass Täter durch unsere Sozialarbeit wieder in die Gesellschaft integriert werden“, sagt Andreas Glosser, der die Einrichtung in Ravensburg seit acht Jahren leitet.

Gute Erfahrungen hat „Neustart“ mit ehrenamtlichen Bewährungshelfern gemacht. In Ravensburg sind es rund 100 ehrenamtliche und rund 35 hauptamtliche Bewährungshelfer. Wie Glosser betont, benötige das Thema Resozialisierung Straffälliger mehr Lobby. Die Hilfsangebote der Betreuer reichen nicht. „Wir sind auf die Unterstützung der gesamten Bevölkerung angewiesen“, sagt der Einrichtungsleiter.