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In der Hoffnung auf Frieden - Erinnerung an Yitzhak Rabin

Vom Kämpfer zum Diplomaten, der den Frieden wünscht und dafür mit seinem Leben bezahlt: Vor 100 Jahren wurde Jitzchak Rabin geboren. Erinnerung an einen Mann, der einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern suchte.

Bill Clinton, Yitzhak Rabin, Yassar Arafat vor dem Weißen Haus am 13.9.1993. Foto: public domain, employee of the Executive Office of the President of the United StaatesBill Clinton, Yitzhak Rabin, Yassar Arafat vor dem Weißen Haus am 13.9.1993. Foto: public domain, employee of the Executive Office of the President of the United Staates

Der Frieden scheint greifbar nah. Im September 1993 unterzeichnen der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin und Jassir Arafat, Chef der palästinensischen PLO, in Washington das Oslo-Abkommen. Sie vereinbaren, dass sich die israelische Armee aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen zurückzieht. Diese Gebiete sollen von den Palästinensern verwaltet werden. Diese wiederum verpflichten sich, auf Gewalt und Terrorakte zu verzichten. Eine Zwei-Staaten-Lösung scheint greifbar.

Am 13. September 1993 treten Rabin und Arafat mit US-Präsident Bill Clinton vor das Weiße Haus und schütteln sich die Hände. Ein Jahr später werden sie und Israels Außenminister Schimon Peres den Friedensnobelpreis erhalten.

Jüdische Flüchtlinge befreit

Jitzchak Rabin wird in unruhigen Zeiten geboren. Am 1. März 1922 kommt er in Jerusalem zur Welt, das im britischen Mandatsgebiet Palästina liegt. Sein Vater stammt aus der Ukraine, seine Mutter aus Russland. Die beiden sind politisch aktiv, sie engagieren sich in der linken, zionistischen Partei „Achdut haAwoda“. 1938 schließt sich Jitzchak der Hagana an, einer Untergrundmiliz zur Selbstverteidigung der Juden. Später wird er für die Eliteeinheit Palmach rekrutiert und 1945 deren stellvertretender Befehlshaber.

Aus dem zerstörten Europa kommen Überlebende des Holocaust, die in Palästina eine neue Heimat suchen. Die Briten internieren sie, wollen nur noch wenige Juden in ihr Mandatsgebiet lassen. Rabins Ehefrau Leah schildert in ihrem Buch „Ich gehe weiter auf seinem Weg“, wie Rabin und andere Palmach-Kämpfer 1945 200 Flüchtlinge aus einem britischen Lager befreiten und in einem Kibbuz in Sicherheit brachten. Die Briten verurteilen Rabin zu sechs Monaten Haft.

Am 14. Mai 1948 endet das britische Mandat über Palästina, David Ben Gurion ruft den Staat Israel aus. Der israelische Unabhängigkeitskrieg zwischen Juden und Arabern, der im November 1947 begann, geht weiter. Bei den Kämpfen um Jerusalem befehligt Rabin die Harel-Brigade. Er soll mitverantwortlich dafür sein, das etwa 50 000 Palästinenser aus den Städten Lod und Ramla vertrieben werden und ihre Heimat verlieren.

Jitzchak Rabin Nothern Command 1957 Foto: public domain

Jitzchak Rabin Nothern Command 1957 Foto: public domainRabin wird Offizier in der neu gegründeten israelischen Armee und steigt bis zum Generalstabschef auf. Im Sechstagekrieg vom 5. bis 10. Juni 1967 gelingt Israel der Sieg gegen die Nachbarn Ägypten, Jordanien und Syrien. Die Armee erobert unter Rabins Führung den Gazastreifen und das Westjordanland mit Ost-Jerusalem – Gebiete, die später von den Palästinensern verwaltet werden.

Bald darauf endet Rabins militärische Laufbahn und seine diplomatische beginnt. Im Februar 1968 wird er als Botschafter Israels in die Vereinigten Staaten entsandt. Nun wird er mit diplomatischen Mitteln versuchen, das Beste für sein Land zu erreichen. 1973 wird er als Mitglied der Arbeitspartei in die Knesset, das israelische Parlament, gewählt, wird Arbeitsminister, dann Ministerpräsident, später Verteidigungsminister und 1992 erneut Ministerpräsident.

Die Siedler, die das Land der Palästinenser nehmen, nennt Jitzchak Rabin 1976 „eine der größten Bedrohungen für den Staat Israel. Das ist keine Siedlerbewegung, das ist ein Krebsgeschwür im sozialen und demokratischen Gewebe Israels, eine Gruppierung, die das Gesetz in die eigenen Hände nimmt.“ So zitiert ihn Itamar Rabinovich in seiner 2020 erschienenen Biografie „Jitzchak Rabin“. Ihm sei es um Israels Sicherheitsinteressen gegangen, diese seien „untrennbar verknüpft mit dem Streben nach Frieden“. Rabinovich war unter Rabin Botschafter in den USA und schildert auch die jähzornige Seite des Politikers.

Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery hat Rabin als analytischen Menschen erlebt. „Man hatte es mit militärischer Unterdrückung und allem möglichen probiert; am Ende blieb nichts anderes übrig als eine palästinensische Lösung. Das hat Rabin eingesehen.“

Im Sommer 1993 sprechen Vertreter der PLO und der israelischen Regierung miteinander. Die Gespräche münden im Oslo-Abkommen, das am 9. und am 10. September unterschrieben wird. Am 4. Mai 1994 regelt ein weiterer Vertrag, dass die PLO erstmals eine begrenzte Autonomie für den Gazastreifen und das Gebiet um Jericho bekommt.

Die Chance zum Frieden ergreifen

In der Heimat schlägt Rabin auch Hass dafür entgegen, dass er den friedlichen Ausgleich mit den Palästinensern sucht. So werden im Oktober 1995 auf einer Demonstration in Jerusalem Rabin-Puppen verbrannt. Plakate zeigen den Ministerpräsidenten in SS-Uniform.

Doch die Zahl derer, die den Frieden wollen, ist groß. Am 4. November 1995 strömen rund 200 000 Menschen zu einer Friedenskundgebung auf den Platz der Könige Israels in Tel Aviv. Auch Jitzchak Rabin spricht: „27 Jahre lang war ich ein Mann der Armee; solange es keine Gelegenheit für den Frieden gab, habe ich gekämpft. Heute glaube ich, dass es eine Chance für den Frieden gibt, eine große Chance. Diese Chance müssen wir ergreifen, zum Segen jener, die hier stehen, und auch für all jene, die nicht hier stehen – und sie sind viele.“ Als Rabin nach seiner Rede von der Bühne zu seinem Auto geht, treffen ihn Schüsse. Ein rechtsextremer israelischer Student schießt auf den Ministerpräsidenten, der im Ichilov-Hospital seine Verletzungen erliegt.

Ort der Ermordung. Denkmal gestaltet von Yael Artsi. Foto: public domain Ort der Ermordung. Denkmal gestaltet von Yael Artsi. Foto: public domain

Jitzchak Rabin wird auf dem Herzlberg beigesetzt. Dort ruht auch seine Frau Leah. Die Israelis halten die Erinnerung an ihren ermordeten Ministerpräsidenten wach. Am 8. November 1997 demonstrieren mehr als 200 000 Menschen in Tel Aviv für den Frieden und protestieren gegen die Regierung des rechts-nationalen Benjamin Netanjahu. Und heute? Rabins Enkeltochter Noa Rothman sagt 2020 in einem Interview: „Wer seiner wirklich gedenken will, der muss einfordern, wofür er stand: für verantwortungsvolle und ernsthafte politische Führung, für Demokratie, für Dialog und Debatte.“ Doch „das Niveau des politischen Diskurses ist erschreckend niedrig, immer wieder zeigen sich auch Züge einer politischen Radikalisierung, die gefährlich werden kann“.

Jitzchak Rabin gestaltete sein Land als Offizier und als Politiker. Er hat erkannt, dass der Weg der Gewalt in die Irre führt. Er bringt nur Schmerz, keinen Frieden.

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