Christliche Themen für jede Altersgruppe

In Deutschland Christin geworden - Chinesische Studierende

40016724In fast jeder größeren deutschen Stadt gibt es chinesisch-christliche Gemeinden und Bibelkreise. Sie bieten chinesischen Studierenden eine Orientierungshilfe.

Chinesischchristliche Bibelkreise finden oft in Privatwohnungen von Mitgliedern statt. Foto: Reuters/ Thomas PeterChinesisch-christliche Bibelkreise finden oft in Privatwohnungen von Mitgliedern statt. Foto: Reuters/ Thomas Peter

„Überlege dir ernsthaft, ob du Christ sein willst.“ Bais Großvater war nicht gerade begeistert, als er erfuhr, dass die junge Chinesin in Deutschland zum Glauben gefunden hatte. Er macht sich Sorgen, wie es seiner Enkelin bei der Rückkehr nach China ergehen könnte – denn die Kommunistische Partei schränkt die Gläubigen dort immer mehr ein.

Bai (Name von der Redaktion geändert) ist eine von vielen chinesischen Studierenden, die sich in Deutschland taufen lassen. Über 43 000 chinesische Staatsbürger sind derzeit an deutschen Hochschulen eingeschrieben und bilden damit die größte Gruppe von ausländischen Studierenden. Schätzungen zufolge lassen sich gut vier Prozent von ihnen während des Auslandsaufenthalts taufen, wobei die meisten zuvor im Heimatland noch keine Christen waren.

Der Verein „Forum für Mission unter Chinesen in Deutschland“ geht davon aus, dass es gut 70 chinesischchristliche Bibelkreise und Gemeinden in der Bundesrepublik gibt. Einige von ihnen sind nicht registriert und treffen sich in den Privatwohnungen von Mitgliedern.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Bai studiert seit 2017 in einer Universitätsstadt in Baden-Württemberg. Das erste Jahr in Deutschland lief nicht gut für sie. Sie brach sich einen Fuß, hatte Probleme mit dem Studium und es fiel ihr schwer, Zugang zu ihren deutschen Kommilitonen zu finden. Doch dann fügte sich alles wie von selbst – im Nachhinein sagt sie, wie von Gottes Hand – zusammen: Eine Freundin nahm sie zu einem Grillabend bei einer chinesischen Familie mit. Die Gastgeberin hatte zufällig das gleiche Fach studiert und Bai fand endlich einen Kreis von Menschen, in dem sie sich richtig wohl fühlte.

Die Einladung zu einem Bibelkreis nahm sie gerne an und bald fand sie zu Gott. Heute ist Bai überzeugt, dass das alles kein Zufall war: „Selbst in dieser schwierigen Zeit hatte Gott mich im Kopf, obwohl ich da noch nicht mal an ihn geglaubt habe.“

Viele chinesische Studierende finden in Deutschland zum Glauben. Foto: adobe stock/ SewcreamViele chinesische Studierende finden in Deutschland zum Glauben. Foto: adobe stock/ Sewcream

„Wie eine Ersatzfamilie für chinesische Studierende“, so beschreibt Li-Ming chinesisch-christliche Gemeinden. Auch ihr Vater und ihre Mutter kümmern sich um aus -ländische Studierende – und sind so ebenfalls Ersatzeltern. Li-Ming (Name geändert) ist wie Bai Mitte 20, Studentin und Christin. Im Gegensatz zu Bai wurde sie allerdings in Deutschland geboren. Li-Mings Eltern kamen in den 90er-Jahren aus China nach Deutschland. Christen waren ihre Eltern nicht, bevor sie ins Ausland gingen. Mittlerweile leiten sie ehrenamtlich die Gemeindearbeit in einer mittelgroßen hessischen Universitätsstadt – obwohl sie Laien sind. Viele chinesisch-christliche Gemeinden haben nämlich keine festen Pfarrer.

Wie eine Ersatzfamilie im Ausland

Dennoch seien die Gruppen deutschlandweit gut vernetzt, meint Li-Ming. Sie selbst habe davon beispielsweise profitiert, als sie eine Bleibe für ein Praktikum suchte: „Meine Eltern meinten gleich, dass sie an dem Ort jemanden von der Gemeinde kennen, bei dem ich wohnen kann.“

Auch Bai ist dankbar dafür, dass die Gemeindemitglieder sie so freundlich aufgenommen haben. Nachdem diese in lockeren Gesprächen von ihrem Glauben erzählt hatten, bekam sie Lust darauf, an einem Bibelkreis teilzunehmen. Sie fand es angenehm, zu nichts gedrängt zu werden. In China hatte sie das anders erlebt: Dort fühlte Bai sich bald unter Druck gesetzt, sich taufen zu lassen. Seitdem hatte sie Abstand zum Christentum gesucht – bis sie in Deutschland auf die Mitglieder der chinesisch-christlichen Gemeinde stieß. Mittlerweile hat Bai die Ganzkörpertaufe hinter sich und ist begeistert von der christlichen Botschaft und den Lehren ihrer Gemeinde. Insbesondere die Überzeugung, von Gott geliebt zu werden, gibt ihr Kraft. Die Evolutionstheorie, die sie in der Schule in China gelernt hat, stellt sie inzwischen infrage.

Eine wörtliche Bibelauslegung ist unter chinesisch-christlichen Gemeinden keine Ausnahme: Die meisten haben eine evangelikal-konservative Ausrichtung, sind überkonfessionell und unabhängig, also wie Freikirchen organisiert.

Li-Ming besucht mittlerweile vermehrt Gottesdienste einer deutschsprachigen Freikirche. Wie bei vielen chinesischstämmigen Deutschen reichen auch ihre Mandarin-Kenntnisse nicht aus, um die Predigten in der chinesischen Gemeinde zu verstehen. Außerdem habe sie gemerkt, dass sie sich mit der deutschen Kultur mehr identifiziert als mit der chinesischen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, in China zu leben,“ stellt Li-Ming fest.

Ihre Großmütter leben noch in China und sind mittlerweile auch Christinnen geworden. Von den Verwandtschaftsbesuchen bekommt Li-Ming den Eindruck, dass es für Christen in China immer schwieriger wird: „Als ich 2015 dort war, gab es noch offiziell Gottesdienste, 2018 standen dann Polizisten zur Abschreckung vor dem Kirchengebäude und ein Jahr später wurden die Gottesdienste verboten. Jetzt trifft sich meine Oma nur noch privat mit anderen Christen. Sie muss sehr aufpassen, dass das niemand mitbekommt.“

Trotz solcher Berichte will Bai am Glauben festhalten – auch wenn sie zurück in China ist. Aber erst möchte sie noch einige Zeit in Deutschland bleiben: wo sie nicht nur ihren Glauben freier ausüben kann, sondern wo sie sich auch kulturell gerade sehr wohl fühlt. □

Chinesische Mauer. Foto: Andreas Schneemayer, pixabayChinesische Mauer. Foto: Andreas Schneemayer, pixabay

China - Im Land der Superlative

Mit 1,33 Milliarden Einwohnern ist China das bevölkerungsreichste Land der Welt. Es umfasst 9 388 210 Quadratkilometer und ist damit das drittgrößte Land der Erde. Zum Vergleich: In Deutschland leben etwas mehr als 83 Millionen Menschen auf einer Fläche von 357 581 Quadratkilometern.

Die Volksrepublik China wurde am 1. Oktober 1949 nach dem Sturz der Republik China im chinesischen Bürgerkrieg von Mao Tse-tung ausgerufen. Erst nach Maos Tod entwickelte sich China auf Grundlage einer vorsichtigen Reform- und Öffnungspolitik ab 1978 zu einer wirtschaftlichen und technologischen Großmacht: Mit einem Bruttoinlandsprodukt von insgesamt 14 402 Milliarden US-Dollar ist China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

China hat mit 22 133 Kilometern Gesamtlänge die längste Landgrenze der Welt. Der Jangtsekiang fließt 6300 Kilometer quer durch das Reich der Mitte. Er ist weltweit der drittlängste Fluss. Im Norden des Jangtsekiang wird vorwiegend Weizen angebaut, südlich davon vor allem Reis.

THEMA-Heft

Mehr zum „Reich der Mitte“ lesen Sie im THEMA-Heft „China. Die unbekannte Supermacht. Christen zwischen Anpassung und Verfolgung“ für 4,50 Euro (plus 2,90 Euro Versand).

Bestellung: Evangelisches Gemeindeblatt, Augustenstraße 124, 70197 Stuttgart, Telefon 0711-60100-61, Fax 0711-60100-76, E-Mail: vertrieb@evanggemeindeblatt.de