Christliche Themen für jede Altersgruppe

Interview mit Andi Weiss - „Ich liebe Geschichten“

Andi Weiss ist ein Mann mit vielen Begabungen. Im Gespräch mit Antje Schmitz erläutert der Bühnenkünstler, wodurch er im Leben eine neue Perspektive gefunden hat, was ihm die Musik bedeutet und wie wichtig der Wille zu einem sinnvollen Leben ist.

Andi Weiss. Musiker und Diakon. Foto: Julian RettigAndi Weiss hat ein Faible für Menschen und ihre Biografien. Foto: Julian Rettig

Herr Weiss, Sie machen Musik und schreiben Bücher, arbeiten als Therapeut und Coach. Wie passt das alles zusammen?

Andi Weiss: Ich bin evangelischer Diakon der bayerischen Landeskirche, aber gerade für sechs Jahre beurlaubt. In meiner Kirchenzeit habe ich gemerkt, dass meine große Leidenschaft der Mensch und seine Geschichte ist. Wie denkt ein Mensch, wie redet, glaubt und zweifelt er, das hängt ja mit seiner Geschichte zusammen. Ich liebe Geschichten, schöne und schwierige. Ob ich mich mit einem Menschen unterhalte, der seinen Partner verloren hat, ob ich ein Buch schreibe oder am Klavier sitze – es geht immer um den Menschen und seine Geschichte. Das passt also alles zusammen.

Woraus schöpfen Sie Kraft?

Andi Weiss: Ich finde es schön, wenn ich einen vollen Arbeitstag habe. Wenn mein siebenjähriger Sohn schläft, komponiere ich. Da tanke ich wieder auf. Ich habe drei Geschwister. Wenn es bei uns zuhause gescheppert hat, dann habe mich ans Klavier gesetzt und improvisiert. In den Corona-Monaten kamen besonders viele Menschen mit großen Herausforderungen und Belastungen zu mir in die Beratung. Dann ist es wie eine reinigende Dusche, mich der Kunst zu widmen und zu komponieren.

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» Kunst ist wie eine reinigende Dusche «

Wie war Ihre Zeit als Diakon?

Andi Weiss: Als ich frisch in die Gemeinde kam hatte ich natürlich klare Vorstellungen und ein Glaubenswissen, das ich auf der Kanzel mit der Gemeinde teilte. Aber der Alltag in der Gemeinde hat halt nicht zu den schön klingenden Glaubensaussagen gepasst. Das sitzt man am Sterbebett einer frommen, krebskranken Frau, die betet und glaubt und hofft, dass sie wieder gesund wird und trotzdem stirbt. Dann stehst du mit Eltern am offenen Grab und beerdigst das fünfjährige Kind. Dann musst du damit leben. Da kommen Risse in die auf schönen Marmorsockeln stehenden Glaubenssätze und du musst dich selbst fragen, wie es gelingt, diese beiden Realitäten miteinander in Einklang zu bringen.

Was hat Ihnen geholfen?

Andi Weiss: Ich musste lernen, ein Fragender zu werden. Zwei Sachen haben mir geholfen: Mich ans Klavier zu setzen und die Fragen, die entstanden sind, zu formulieren. Das war das eine. Das andere war ein Satz von Dietrich Bonhoeffer, der gesagt hat: Eigentlich glauben wir nicht an den allmächtigen Gott, sondern der Gott der Bibel ist ein ohnmächtiger Gott, der mitleidet in dieser Welt. Das habe ich mitgenommen in meine Musik. Fragender zu bleiben, nicht Antworten zu geben. Mitzuleiden, nicht alles zu glorifizieren. Dieser Satz „Nur der leidende Gott kann helfen“ hat mir einen Perspektivwechsel ermöglicht. Dieser mächtige Gott wird freiwillig ohnmächtig und leidet mit in dieser Welt. Da habe ich meinen Auftrag herausgelesen. Wenn das die Fußstapfen Jesu sind und wir von Nachfolge sprechen, dann ist das für mich die logische Konsequenz, mit Gott mitzuleiden in dieser Welt. Ich habe mich gefragt, wie ich das machen kann. Die Bücher, CDs, Konzerte und die Beratungsangebote, das ist der Part, wie ich mit meinen Begabungen meinen kleinen Beitrag leisten kann.

Andi Weiss. Foto: Julian Rettig. Andi Weiss. Foto: Julian Rettig.

Was erwartet die Besucher bei Ihren Auftritten?

Andi Weiss: Mein aktuelles Programm heißt: „Gib alles, nur nicht auf!“ Wer hätte gedacht, als ich Mitte 2019 die aktuelle CD veröffentlichte, dass der Titel in den kommenden Jahren so passen würde. Ich nehme Menschen mit in die Frage, wie Leben auch in Krisen sinnvoll, hoffnungsvoll, mutig und trotzig gelingen kann und bin bewegt, was für wunderbare Rückmeldungen ich auf das Programm, die CD und das Buch bekomme. Menschen wünschen sich in dunklen Momenten keine schlau formulierten Lebensempfehlungen, sondern jemanden, der aus der Grube heraus vom „Trotzdem“ des Lebens erzählt und singt. Das gelingt mit dem aktuellen Programm gerade überwältigend gut und das berüht mich immer wieder neu.

Auf Ihrer Website steht „sinnvoll leben“. Das hat mich an den österreichischen Neurologen Viktor Frankl erinnert. Kommt es daher?

Andi Weiss: Ja, Frankl hat ja die psychotherapeutische Richtung der Logotherapie begründet und grenzt sich damit zu Sigmund Freud und Viktor Adler ab. Freud definiert den Menschen mit dem Willen zur Lust, Adler beschreibt ihn mit dem Willen zur Macht, und Frankl sagt: Der Mensch hat den Willen zum Sinn. Das unterscheidet ihn von den Tieren. Und dann sagt er etwas, das für mich der Schlüsselsatz ist: Immer wenn der Wille zum Sinn bei einem Menschen frustriert ist, fällt er zurück in den Willen zur Macht oder in den Willen zur Lust. Damit kann man komplett aufschlüsseln, wie der Mensch tickt, wenn es nicht so läuft, wie es gesund laufen sollte. So ist für mich die Logotherapie das Update zur klassischen Seelsorge. Empathie zeigen und gemeinsam beten, das ist mir sehr wichtig. Aber dann dem Menschen seine eigene Verantwortung aufzuzeigen, rundet die wertschätzende und heilsame Begleitung eines Menschen existentiell ab.

◼ Aktuelle Termine auf www.andi-weiss.de