Christliche Themen für jede Altersgruppe

Interview mit Ernst-Wilhelm Gohl, künftiger Landesbischof

Nach zähen Verhandlungen hat die Landessynode ihre Wahl getroffen: Ernst-Wilhelm Gohl tritt die Nachfolge von Landesbischof Frank Otfried July an. Im Gespräch mit Tobias Glawion und Antje Schmitz erläutert der Ulmer Dekan, wie er Vertrauen gewinnen und auch einmal Neues ausprobieren möchte. Das Gespräch fand während der Synode im Stuttgarter Hospitalhof statt.

Herr Gohl, vor ungefähr fünf Stunden sind Sie gewählt worden. Wie fühlt sich das jetzt an?

Ernst-Wilhelm Gohl: Für mich ist das immer noch etwas unwirklich. Ich kam noch nicht groß zum Nachdenken, weil gerade so viele Gespräche stattfinden. Aber ich bin froh, dass jetzt die Wahlhandlung hinter uns liegt. Die Anspannung, die ist weg.

Sie wurden im fünften Wahlgang gewählt. Ist da ein bisschen Bauchgrummeln dabei?

Ernst-Wilhelm Gohl: Nein. Wir hatten befürchtet, dass es lange dauern wird, wenn drei Kandidaten ins Rennen gehen. Die Überlegung war ja, dass sich die Synode für einen Kandidaten der beiden großen Gesprächskreise entscheidet. Wenn’s dann keine Einigkeit gibt, könnte ich die Option sein.

Ihre Frau ist Apothekerin. Mussten Sie sie anrufen und Aspirin bestellen, weil Ihnen die Wahl Kopfschmerzen bereitet hat?

Ernst-Wilhelm Gohl: Es war umgekehrt, meine Frau hat mich angerufen und gefragt: Wie geht’s dir denn? Es war klar, dass der Wahlprozess schwierig wird. Es sind viele Gespräche gelaufen, in denen die unterschiedlichen Positionen deutlich wurden und man sich auch deutlich die Meinung gesagt hat. Vor dem Hintergrund finde ich es ein starkes Zeichen – und das hat nichts mit meiner Person zu tun –, dass man trotzdem einen Bischof gefunden hat. Das ist eine Botschaft ins Land hinein.

» Ein starkes Zeichen «

Sehen Sie den Kompromiss als Chance oder als Bürde?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ich bin ein Freund der Kompromisse. In einer Demokratie ist ein Kompromiss etwas Starkes. Gerade in unseren polarisierten Zeiten. Wenn jeder sagt, ich verfolge meine Richtung, dann führt das zu nichts. Von daher hat ein Kompromiss keinen Makel. Natürlich hätte ich es mir auch anders gewünscht, aber wenn es so nicht ist, dann ist das Hauptzeichen, dass die Synode miteinander – das heißt ja auch „Synode“ – eine Lösung findet.

In Ihrer Rede vor der Synode haben Sie gesagt, es ist wichtig, innerhalb des Gremiums Vertrauen zu schaffen und die Hand auszustrecken. Wie wollen Sie das angehen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ich werde auf die Menschen zugehen. Es ist mir wichtig, dass wir offen darüber sprechen, wenn sie etwas stört oder verletzt hat. Kritik nehme ich an.

Aber dann müssen wir uns als Kirche auch wieder besinnen, dass wir einen Auftrag haben. Kirchenpolitische Macht zeigt sich in unterschiedlichen Prägungen. Wenn man diese zusammenführt, ist es ein Reichtum.

Nun sollen ja auch die 1,9 Millionen Kirchenmitglieder im Land sagen: Das ist mein Bischof. Wie wollen Sie diese gewinnen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Das klingt vielleicht banal, aber es ist wichtig, dass man mit den Menschen im Gespräch ist und zuhört, was sie bewegt, und dass ich meine Position deutlich mache. Ich habe in Ulm erlebt, dass man in die Gesellschaft hineinwirken kann. Das Evangelium richtet sich ja in die Welt.

Wie wollen Sie Vertrauen gewinnen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Die Menschen sollen wissen, dass ich mein Wort halte und dass sie Kritik äußern können. Ein Bischof ist ja kein Heiliger. Ich bin nach wie vor Pfarrer der Landeskirche. Die Menschen müssen erleben, dass man sie ernst nimmt und zu seinem Wort steht. Und sie sollen spüren: In Stuttgart weiß man, wie die Gemeinden ticken. Bei Prozessen, die in Stuttgart anders gesehen wurden, möchte ich mit Erfahrungen aus meinen 30 Jahren als Pfarrer anregen, auch mal in eine andere Richtung zu denken.

Wie wollen Sie verlorene Mitglieder zurückgewinnen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Wir haben am Ulmer Münster eine Kircheneintrittsstelle. Da hängt ein Plakat mit zehn guten Gründen, in der Kirche zu sein. Das wird von den Touristen oft fotografiert. Wir müssen informieren, was wir als Kirche alles Gutes machen und was in den Gemeinden geschieht, das halte ich für ganz wichtig. Und zur Missbrauchsdebatte: Verlorenes Vertrauen gewinne ich nur durch absolute Offenheit und Transparenz zurück. Die Menschen müssen wissen, dass bei uns nichts unter den Tisch gekehrt wird, sondern zu staatlichen Stellen geht. Wir sind bei der Prävention auf dem neuesten Stand und bleiben da ständig dran.

Bei welchen Aufgaben wollen Sie die Ärmel hochkrempeln?

Ernst-Wilhelm Gohl: Wir müssen nicht nur Strukturdebatten führen, sondern auch wieder theologisch diskutieren. Die Kirche hat vom Evangelium her viele gute Botschaften. In unsicheren Zeiten von Corona und Ukraine-Krieg haben wir die Chance, den Menschen Hoffnung und Vergewisserung zu geben – das brauchen wir auch als Gesellschaft. Wir haben eine wertvolle Aufgabe. Und den Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat in die Gesellschaft zu bringen.

Ernst-Wilhelm Gohl, künftiger Landesbischof in Württemberg, Interview Evangelisches Gemeindeblatt. Foto Julian RettigHoffnung und Vergewisserung geben, darin sieht Ernst-Wilhelm Gohl eine wichtige Aufgabe der Kirche. Das Gemeindeblatt-Interview wurde auch fürs Kirchenfernsehen aufgezeichnet. Fotos: Julian Rettig

www.kirchenfernsehen.de


Welche Ideen bringen Sie vom Ulmer Münster mit nach Stuttgart?

Ernst-Wilhelm Gohl: Die Freude am Ausprobieren. Dazu gehört auch, dass man Fehler macht. Wir sind Menschen, nicht Gott. Als Menschen werden wir Fehler machen. Ich will ermutigen, Dinge auszuprobieren.

Was haben Sie sich zur Vorbereitung aufs Bischofsamt vorgenommen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Noch nichts. Ich habe morgen drei Gottesdienste, dann noch einige Hochzeiten, wir feiern ein großes Tauffest. Ich werde mit Landesbischof July Kontakt aufnehmen. Er hat mir angeboten, darüber zu sprechen, was ansteht. Sorge nicht, jeder Tag hat seine eigene Mühe. Ich werde Tag für Tag schauen.

Wie würden Sie Konfirmanden erklären, was Sie zukünftig machen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ein Bischof ist ein Pfarrer. Jetzt bin ich nicht mehr nur für die Jungen zuständig, sondern für die Landeskirche, aber mit der gleichen Aufgabe: dass wir uns überlegen, wie wir das Evangelium unter die Menschen bringen können.

Was werden Sie vermissen, wenn sie von Ulm nach Stuttgart ziehen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ich lebe sehr gern in Ulm und war noch nie so lange an einem Ort und kenne in Ulm viele Menschen. Das Münster ist eine wunderbare Kirche, wo wir mit dem Kirchenfenster noch mal ein tolles Projekt hinbekommen haben. Es wird einen Abschiedsschmerz geben.

Und worauf freuen Sie sich in Stuttgart?

Ernst-Wilhelm Gohl: Für mich macht in einer Stadt ganz viel der Kontakt mit Menschen aus, die ich kenne. In der Nordbahnhofstraße hatten meine Eltern eine Pfarrstelle. Als ich dort durchgelaufen bin, wurde ich etwas wehmütig. Nun schließt sich der Kreis.

Was hat Sie in diesen Tagen auf der Synode am meisten bewegt?

Ernst-Wilhelm Gohl: Dass die Synode zur Einigung gekommen ist. Darin sehe ich einen großen Vertrauensbeweis. Dass wir eine Einigung erzielen, fand ich bewegend, denn das war nicht klar. Darin sehe ich auch ein Geschenk des Heiligen Geistes, dass er zusammenführt. □

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen