Christliche Themen für jede Altersgruppe

Irdisches Blingbling überall - Weihnachten fällt aus dem Rahmen

STUTTGART – Kein Weihnachtsmarkt, kein gemeinschaftliches Glühweintrinken, keine Winterfantasie auf finnischen Rentierfellen, nicht einmal „Jingle Bells“ aus den Lautsprechern: Wo kommt man in der Stuttgarter Innenstadt in Zeiten des Abstandwahrens und Mund-Nasen-Schutz-Tragens in vorweihnachtliche Stimmung? Ein Selbstversuch.

Corona. Weihnachten. Foto: Couleur, pixabayCorona. Weihnachten. Foto: Couleur, pixabay

Maske auf, ein Blick aufs Smartphone, die Corona-Warn-App zeigt grün: kein erhöhtes Risiko. Los geht’s. Mal schauen, ob bei einem Streifzug durch die Stuttgarter Innenstadt am frühen Vorabend des ersten Advents vorweihnachtliche Gefühle aufkommen.

Klar, die Bedingungen dafür stehen nicht zum Besten. Wegen der anhaltend hohen Corona-Fallzahlen hat die Stadt den Weihnachtsmarkt abgesagt und nur einzelne Verkaufsstände „mit dem typischen weihnachtlichen Sortiment“ zugelassen, war in der Zeitung zu lesen. Aber es könnte ja sein, dass sich dieser Lockdown light mit abgesagten Veranstaltungen, geschlossenen Restaurants und unverstelltem Markt-, Schiller- und Karlsplatz irgendwie entschleunigend auswirkt und den Vorweihnachtsstress reduziert, der sich für gewöhnlich vor dem Fest anbahnt, vor allem samstags.

Corona-Weihnachten -  Nur wenige verteilte Stände

Wo beginnt die Innenstadt? Vielleicht an der ersten Citykirche auf dem Weg, am Gotteshaus des Hospitalhofs. Tatsächlich ist es dort, wo viele Restaurants geschlossen sind und es kaum Geschäfte gibt, fast sonntäglich ruhig. Im Innenhof blühen rot die Rosen. Ein eigenartiger Kontrast zum Weihnachtsbaum, dessen schmucklose Spitze kaum über das Erdgeschoss hinausragt. Wer nicht darüber Bescheid weiß, dass hier an den Adventsdienstagen um 18 Uhr gottesdienstliche Feiern bei Kerzenschein und mit Feuerschalen stattfinden, der gewinnt den Eindruck: Nichts los hier. Kein Plakat verweist darauf. Mag ja noch kommen.

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Kaum 200 Meter davon entfernt: Menschen, bepackt mit Einkaufstüten. Ein paar Schritte weiter fällt der Blick auf die ersten Buden. Wollsocken, gebrannte Mandeln, Magenbrot. Davor eine Desinfektionsstation für die Hände mit der Aufforderung „Bitte aufs Pedal treten“. Kein Vergnügen, die knuspersüße Knabberei mit den Fingern direkt aus der Tüte zu essen. Der chemische Geruch steigt einem in der Nase.

Foto: Julia LutzeyerEmsiges Menschengewimmel auch auf der Königstraße, der gut ein Kilometer langen Fußgängerzone. In deren Baumkronen scheinen lauter Glühwürmchen zu sitzen. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich die goldgelben Lichtpünktchen als LED-Leuchten. Diese Illumination zählt zu den „Glanzlichtern Stuttgart“, mit der die Stadt der Bevölkerung ein wenig Weihnachtsatmosphäre spendieren will. Und den Anreiz erhöht, die Geschenke und anderes mehr doch in den niedergelassenen Geschäften vor Ort zu kaufen und nicht über den Versandhandel im Internet zu bestellen.

In einem Telefonat mit Sven Hahn, Geschäftsführer der die Stuttgarter Gewerbetreibenden vertretenden City-Initiative, ist später zu erfahren, dass die Einkaufsmeile deutlich weniger stark besucht ist als normalerweise. Demnach halten sich derzeit etwa ein gutes Drittel weniger Menschen auf der Königstraße auf als im Vergleichsmonat eines Jahres ohne Pandemie. Deswegen begrüßt der City-Inititative-Geschäftsführer nicht nur die weihnachtliche Beleuchtung und den Budenzauber mit Glühwein zum Mitnehmen, sondern wirbt mit einer Kampagne auch dafür, den lokalen Handel zu unterstützen und etwas gegen das Ladensterben und die drohende Innenstadtverödung zu unternehmen. „Es geht darum, die Stadt als Aufenthaltsort zu stärken und attraktiv zu halten.“ Ist die Gastronomie, sind Kinos, Museen, Theater und Veranstaltungen geschlossen, stimmt der ganze Mix nicht mehr. „Die Leute kommen, um etwas zu erleben“, sagt Hahn, eben nicht allein, um einzukaufen.

Advent im großstädtischen Raum erleben! Ist das in dieser Ausnahmesituation überhaupt möglich? Die Idee, im Innenhof des Alten Schlosses danach zu suchen, führt jedenfalls in die Irre. Statt auf einen Christbaum oder Adventskranz trifft man dort auf Container. Sie fungieren als Infostände für die „Fashion“-Ausstellung, die auf absehbare Zeit nur digital den Laufsteg geht.

Also weiter, über den wundersam leeren, sonst zu dieser Zeit mit den Buden des Weihnachtsmarkts zugestellten Schillerplatz hinüber zur Stiftskirche. Und siehe da: Am Portal weckt ein Plakat mit der Aufschrift „Weihnachten fällt aus dem Rahmen – Raum für Neues“ die Neugier und ermuntert dazu, am Adventsmoment teilzunehmen. Der Blick auf die Uhr verrät: Beginn ist in zehn Minuten. Die vergehen mit einem Spaziergang über den nahen Marktplatz, dessen Pflaster gerade neu verlegt wird. Trotz geschmücktem Weihnachtsbaum und Sternenschweif am Rathausturm sieht es hier vor allem nach Baustelle aus.

Auf dem Rückweg zur Stiftskirche geht’s vorbei an überquellenden Mülleimern. Jede Menge Pappbecher, aus denen Glühwein und Kaffee zum Mitnehmen getrunken wurde, verschmierte Snack-Boxen und Einwegmasken sind unschöne Begleiterscheinungen der geschlossenen Gastronomie und des noch immer grassierenden Virus.

Corona-Weihnachten: Auszeit im Kirchenraum tut gut

„Möchten Sie zum Adventsmoment oder nur die Kirche besichtigen?“, lautet freundlich die Nachfrage am Eingang der Stiftskirche. „Zum Adventsmoment, bitte.“ Dann darf man sich einen Platz suchen. Bereitgelegte Sitzkissen gibt es in jeder zweiten Bank, einzeln oder paarweise. Viel mehr als eine Handvoll Menschen sind nicht erschienen. Da zählt der links vor dem Altar platzierte Posaunenchor schon mehr Köpfe. Sein „Tochter Zion“ füllt den Raum mit freudig jauchzendem Klang. Eine Frau tritt hinzu, stellt sich als neue Citydiakonin Doris Beck vor und erinnert die Anwesenden daran, dass Singen derzeit nicht möglich ist. „Ich lese den Liedtext, im Anschluss spielt der Posaunenchor die Melodie, so dass Sie im Herzen mitsingen können: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...“ Dazu und zum Impuls über die Beschwernisse der Zeit sind Diabilder von einem Stuttgarter Brauhaus und Kino-Reklame in großen Lettern eingeblendet. „Ohne Kunst und Kultur wird’s still“ ist da zu lesen, die Buchstaben „uns“ sind rot hervorgehoben. Die Pandemie bestimmt auch das Thema dieser Bildmeditation mit Impuls. Dennoch: Die Auszeit im Kirchenraum tut gut. Und da der Adventsweg im Chorraum noch eine halbe Stunde begangen werden kann, betreten die Besucher anschließend in sicherem Abstand voneinander den Tunnel aus schwarzem Tuch. Hier herrscht erst Enge, danach leuchtet ein Licht in der Krippe über der weiten Welt. Wer mag, hinterlässt eine Botschaft, nimmt eine Ermutigungstüte oder eine Weihnachtsgeschichte aus dem Bilderrahmen.

Porsche Lichtinstallation, Stuttgart. Foto: Juli LutzeyerPorsche Lichtinstallation, Stuttgart. Foto: Juli Lutzeyer

Draußen ist es dunkel geworden. Der richtige Zeitpunkt, um am Schlossplatz die Lichtinstallationen anzuschauen, mit denen das Stadt-Marketing auf „Stuttgarter Glanzlichter“ aufmerksam macht. Das irdische Blingbling mit Porsche, Wilhelma-Elefant und Fernsehturm überstrahlt den festlich geschmückten Weihnachtbaum vor dem Königsbau. Adventliche Motive wie eine im Gras wie abgestürzt liegende Weihnachtskugel spielen eine Nebenrolle. So will sich keine vorweihnachtliche Stimmung einstellen. □

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