Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ist das nicht ein Wunder?

Landwirtschaft und Glauben waren schon immer stark verwoben, sagt Bauernwerk-Pfarrer Clemens Dirscherl. Wie aus dieser Verflechtung die Erntebittgottesdienste entstanden, warum die Bauern trotzdem an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, erklärt er im Gespräch mit Frank Lutz.


(Foto: epd-bild)


Steht die Landwirtschaft wegen des Klimawandels vor noch größeren Herausforderungen?

Clemens Dirscherl: Der Klimawandel ist ein gravierender Veränderungsprozess, der in Jahrzehnten eingeordnet werden muss. Die Landwirtschaft wird sich darauf einstellen, dass es Niederschläge heftiger, aber oft zeitverzögert mit Trockenzeiten geben wird. Man wird das Wetter auch versicherungstechnisch noch stärker in den Blick nehmen. Aber dem Klimawandel gewinnen manche sogar positive Seiten ab.


Welche denn?

Clemens Dirscherl: Man wird neu über Anbaustrukturen und Pflanzen nachdenken. Beim Weinbau steht eine Verschiebung im Sortenprogramm an. Im Gartenbau kommen Artischocken oder Paprika hinzu. Man probiert auch Neues aus, Sonnenblumen zum Beispiel, beim Soja geschieht das ja schon. Dadurch würden wir eine neue Angebotsvielfalt erhalten. Andererseits drohen starke Niederschläge mit ungeheuren Wassermengen, die Aussaat zu erschweren. Es wird mehr extreme Wetterereignisse mit Hagelschlag geben und wir werden neue Krankheiten bekommen. Schon jetzt bereiten invasive Schädlinge, die bei uns gar nicht üblich sind, Probleme. Das alles ist ein Bedrohungspotenzial für die heimische Landwirtschaft, das erst erforscht wird.


Hat jemand, der so abhängig von der Natur ist wie die Landwirte, automatisch ein viel engeres Verhältnis zur Schöpfung und damit zu Gott?

Clemens Dirscherl: Ob die Bauern durch ihre Natureinbindung näher an der Schöpfung und Gott dran sind, wird immer auch hinterfragt. Allerdings ist bis heute die religiöse Bindung bei den Bauern noch stärker als in den Städten. Das verändert sich aber. Ich bin jetzt viele Jahre in Hohebuch und habe regelmäßig mit Junglandwirten zu tun. In dieser Zeit hat sich die Landwirtschaft der übrigen Gesellschaft angepasst: Technik­orientierung, Freizeitverhalten, Mobilität, insgesamt die Lebenswerte. Das ist ja gut. Das Interesse an Glauben, Bibelarbeit und theologischen Fragestellungen nimmt aber auch ab. Andererseits erlebe ich die jungen Landwirte sehr glaubensnah, wenn sie äußern: „Ist es nicht ein Wunder, wie neues Leben heranwächst?“ oder „Wenn man sieht, wie ein Kälbchen geboren wird, fragt man sich schon, ob da nicht wer dahintersteckt.“ Es ist oft aber eine Scheu da, das Wort „Gott“ oder „Schöpfung“ in den Mund zu nehmen.


Spielt nicht schon in der Bibel die Landwirtschaft eine zentrale Rolle?

Clemens Dirscherl: Definitiv. Ohne Landwirtschaft wären Jesu Gleichnisse gar nicht vorstellbar. Die Bibel ist so reich an Schöpfungsbezug und die Botschaften werden oft durch landwirtschaftliche Situationen vermittelt.


Hat die Kirche die besondere Rolle der Bauern immer gewürdigt?

Clemens Dirscherl: Martin Luther hat ja in den Bauernkriegen eine zwiespältige Rolle gespielt. Auch heute hat es die Landwirtschaft mit ihrer Kirche nicht immer leicht, wenn ich zum Beispiel an manche extreme schöpfungstheologische Positionen denke. Historisch waren Glaube und Landwirtschaft aber schon immer sehr stark verwoben, so dass das naturwissenschaftlich-technische Denken bei den Bauern nicht so stark ausgeprägt war und Unwetter mit Hagelschlägen zum Beispiel als Strafe Gottes für das sündige Erdenvolk wahrgenommen wurden. Es haben sich daraus gerade in Württemberg auch spezielle Gottesdienstformen und Gebete entwickelt. Seit 200 Jahren gibt es etwa den Erntebittgottesdienst. Auslöser war damals ein Vulkanausbruch in Indonesien mit extremen meteorologischen Auswirkungen in der Atmosphäre. Europa wurde von einer Kältewelle heimgesucht und es kam zu Missernten. Damals haben die Obrigkeiten die Agrarforschung vorangetrieben: Die Agrarfakultät in Hohenheim und der Aufbau der Landwirtschaftsberatung sind das Ergebnis.


Haben die Bauern davon profitiert?

Clemens Dirscherl: Produktionstechnisch ja, gesellschaftlich weniger, denn gleichzeitig wurden sie marginalisiert. Das hat auch wirtschaftshistorische Gründe. In den Niederlanden, Dänemark, den USA oder Neuseeland war der Agrarsektor Motor der Industrialisierung, in Deutschland waren das Maschinenbau und Bergbau. Bis heute gehen bei uns die Exportinteressen der Industrie vor. Man scheint oft zu denken: „Wenn es weniger Bauern gibt, ist das für die Wirtschaft nicht so schlimm.“


Was sind die Folgen für den einzelnen Landwirt?

Clemens Dirscherl: Zunächst einmal leidet ihre gesellschaftliche Stellung, sowohl was ihre ideelle als auch ihre finanzielle Wertschätzung angeht. In Deutschland werden nur 11,2 Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben – das ist der niedrigste Wert in der EU. Dann besteht ein Widerspruch zwischen den hohen gesellschaftlichen Erwartungen – etwa dass die landwirtschaftlichen Betriebe klein bleiben, hohe Tierschutz- und Umweltstandards erfüllen sollen – und der Bereitschaft, dafür zu zahlen. Es gibt hehre Verlautbarungen, nach denen der Großteil der Verbraucher bereit wäre, mehr Geld für regional, öko, fair und so weiter auszugeben – und dann dominiert doch der Billigmichel beim Discounter. Die Bauern fühlen sich dann betrogen – und damit wären wir beim Thema Wahrhaftigkeit. Der Landwirt muss zu 100 Prozent auf Bio umstellen, während der Verbraucher Bio kauft, wenn es ihm passt. Und der Handel betrachtet Bio als Kür beziehungsweise Werbung. Es herrscht eine Unverhältnismäßigkeit am Markt durch die ungleichen Kräfteverhältnisse zwischen Erzeugern und Abnehmern. Die Landwirte fühlen sich dabei betrogen und ohnmächtig.


Wie kann man die Bauern unterstützen?

Clemens Dirscherl: Man kann im Laden nach der Herkunft der Ware fragen: ob sie aus Deutschland, von Landwirten aus der Region stammen. Man sollte bei Lebensmitteln nicht den Pfennigfuchser ausleben. Und wo man mit Landwirten zu tun hat, kann man ihnen Anerkennung aussprechen, nach dem Motto: „Gut, dass wir noch Bauern haben, sonst hätten wir nichts zu beißen und nicht unsere schöne Heimat“. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist mir auch: Feldwege sind Wege zwischen Feldern, auf denen Landwirte ihre Arbeit verrichten. Viele fühlen sich da oft vertrieben: Wenn sie Gülle transportieren, Schlepper fahren oder auch mal spritzen, werden sie beschimpft. Das sind Dinge, die einfach nicht gehen.

Clemens Dirscherl ist Geschäftsführer des Evange­lischen Bauernwerks und EKD-Ratsbeauftragter für Agrarfragen. Er kennt die Zusammenhänge zwischen Kirche und Landwirtschaft.