Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jede Chorstunde hat ihren Wert - 40 Jahre ökumenischer Chor

STUTTGART – Singen kann Musizierende und Zuhörer mit Freude und Dankbarkeit erfüllen. Doch nun hat Covid-19 die Menschen im Griff. Auch in Stuttgart-Heslach, wo 40 Jahre Ökumenischer Chor zu feiern gewesen wäre.

Proben unter erschwerten Bedingungen: Chorleiterin Gabriele Degenhardt (links) und David Schmid am Klavier mit einigen Sängerinnen. Foto: Brigitte JähnigenProben unter erschwerten Bedingungen: Chorleiterin Gabriele Degenhardt (links) und David Schmid am Klavier mit einigen Sängerinnen. Foto: Brigitte Jähnigen

„Im Frühjahr wollten wir die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach aufführen, die fiel aus. Dann sollte es einen Jubiläums-Gottesdienst im Sommer geben, der fiel auch aus“, sagt Gabriele Degenhardt. Nun, im November, sind die Chorproben erneut gestoppt worden. An Weihnachten ist der nächste Auftritt geplant.

Seit 1992 bewegt die studierte A-Kirchenmusikerin und ausgebildete Orgelsolistin gemeinsam mit Kollegen die Kirchenmusik in Heslach. Zeit ihres Lebens leistet sie Aufbauarbeit in der Musik, „jedes Lied, jede Stunde hat ihren Wert“, sagt Gabriele Degenhardt. Und nun Covid-19. Nachdem schon im März nach einer Probe in der Domkantorei in Berlin mehrere Sänger und Sängerinnen erkrankt waren, wird in der medizinischen Fachwelt der Zusammenhang von Singen und auch Blasinstrumente spielen und einer möglichen Infektion mit dem Virus diskutiert – Profis wie Laien sind verunsichert.

Ökumenischer Chor  -  Die Chorleiter trauen den Sängern viel zu

Und trotzdem singen sie. So wie Rosemarie Ackermann. „Ich singe mit Leib und Leben im Ökumenischen Chor, alle meine Termine richte ich nach den Chorproben aus“, sagt die 72-Jährige. Seit 40 Jahren, also von Beginn an, sei sie dabei. „Bis dahin beschränkte sich mein aktives Verhältnis zur Musik auf das Klavier, das Singen hatte gefehlt“, erzählt die Heslacherin. Wie gern erinnert sie sich an Aufführungen von Werken wie dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, dem Messias von Georg Friedrich Händel, der Missa Secunda von Hans Leo Hassler, der Schöpfung von Joseph Haydn oder der Marienvesper von Claudio Monteverdi.

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„Unsere Chorleiter trauen uns viel zu, sie bringen uns zu Höchstleistungen“, sagt Rosemarie Ackermann. Vor allem zeitgenössische Kompositionen wie etwa von Arvo Pärt, Bernhard Krol oder Jürgen Essl verlangen eine Änderung von Hörgewohnheiten. Als im Frühjahr alle Chorproben ausgefallen sind, habe ihr das Singen „schrecklich gefehlt“. Dann entwickelten Gabriele Degenhardt und ihr Kollege David Schmid ein Hygienekonzept mit Abstandhalten und Desinfektion und probten in kleinen Gruppen.

Rosemarie Ackermann, Stuttgart. Foto: Brigitte JähnigenNun sitzt Rosemarie Ackermann ein bisschen verloren im großen Gemeindesaal von St. Josef und übt gemeinsam mit anderen Frauen ein Stück des britischen Komponisten Alan Wilson. Das Werk verlangt den Sängerinnen einiges ab. Lebhaft, freundlich und geduldig übt Gabriele Degenhardt mit ihnen. David Schmid führt am Klavier.

Nach einer Pause (lüften, lüften, lüften!) übernimmt der studierte Schulmusiker mit Hauptfach Orgel die nächste Probe mit dem kleinen gemischten Chor. Diesmal sitzt Gabriele Degenhardt am Piano. Wer in einem ökumenischen Chor in Konzerten, aber eben auch in Gottesdiensten in der Matthäuskirche, der Kreuzkirche und in St. Josef singt, wird neben unterschiedlichen Liturgien immer auch eine kirchenmusikalische Bereicherung erleben. „Bachkantaten kannten wir vorher nicht“, sagt Katholikin Rosemarie Ackermann. „Und evangelischen Christen waren zum Beispiel Schubert-Messen unbekannt“, ergänzt Gabriele Degenhardt.

Karen Oßmann, Stuttgart. Foto: Brigitte JähnigenDen Blick über den kirchenmusikalischen Tellerrand hat auch Karen Oßmann gewagt. Anlässlich einer Konfirmation – ihr Sohn war dabei – hatte Gabriele Degenhardt einen Elternchor zusammengestellt. Eine gute Gelegenheit für Karen Oßmann, nach 30 Jahren Abstinenz wieder zu singen. „Ich wurde im ökumenischen Chor nett aufgenommen und es hat viel Spaß gemacht“, sagt die 58-Jährige. Als Corona die Chorproben stoppte, war sie „unendlich traurig“, als in kleinem Kreis wieder gesungen wurde, „so froh“. Der Ökumenische Chor Heslach entstand aus dem langjährigen Engagement der evangelischen und katholischen Gemeindechöre vor Ort und wurde vom weiten Geist vieler Aktiver befördert. Musik als Grundstein der Gemeindearbeit ist so ein fester Bestandteil des kirchlichen und kulturellen Lebens in Heslach geworden. Auch deshalb wurde 2006 der Verein zur Förderung der Kirchenmusik in dem Stuttgarter Stadtteil gegründet.

„In Heslach gibt es ein unglaublich gutes Miteinander, man kennt sich, hilft sich. So ist es auch mit der Kirchenmusik. Wir respektieren uns, akzeptieren uns und leben im Austausch“, sagt Gabriele Degenhardt. „Das bereichert uns alle.“ □

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