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Jede Karte ein Unikat

STUTTGART – Die Postkarte wird in diesem Jahr 150 Jahre alt – und behauptet sich erfolgreich in der digitalen Welt. In Stuttgart gibt es sogar eine professionelle Postkartenschreiberin: Sabine Rieker verschickt die Grüße auf Papier im Abonnement an zahlende Kunden.


Sabine Rieker ist von Beruf Postkartenschreiberin. Ihr Arbeitsplatz ist im Café. (Foto: Werner Kuhnle)


Am 1. Oktober 1869 gab Österreich-Ungarn die ersten Postkarten heraus. Die Deutsche Reichspost zog neun Monate später nach. Was damals eine Neuheit war, gilt heute als antiquiert. Das Internet ist der Gradmesser politischer und gesellschaftlicher Strömungen. E-Mails haben Briefen den Rang abgelaufen, mit Messenger-Diensten schicken Urlauber ihren Liebsten zu Hause Grüße inklusive Foto.

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Eine Umfrage unter seinen Studenten habe ergeben, dass sich jeder gerne eine Karte wünscht, sagt Hajo Diekmannshenke. Der Sprachwissenschaftler von der Universität Koblenz-Landau beschäftigt sich seit Jahren mit Postkarten. Umgekehrt schreibe aber kaum jemand gerne.

Genau das hat auch Sabine Rieker gemerkt. Sie lebt beruflich, ohne dass sie es in dieser Form vorhatte, allein vom Postkartenschreiben. Sie habe immer schon gern und viel geschrieben, erzählt die 32-jährige Stuttgarterin, die früher für eine Werbeagentur arbeitete. In ihrem Stammcafé sei sie dann beim Kartenschreiben darauf angesprochen und gefragt worden, ob sie sich nicht vorstellen könnte, regelmäßig Postkarten an Fremde zu schreiben, die das dann als „Postkartenabonnement“ bezahlen. Inzwischen verlassen unzählige Karten das „Atelier für Postkartenschreibung“, ihren Tisch im Café. An manchen Tagen schreibe sie gar nicht, dann wiederum können es auch mal 40 an einem Tag sein, sagt Rieker. Auf den Karten steht, was sie selbst erlebt hat. „Ich gehe aber auch auf das ein, was ich vom anderen weiß.“

Denn häufig schreiben ihr Menschen, die für Dritte ein Postkartenabo abschließen, ausführlich über den Beschenkten, „weil sie sich nicht vorstellen können, dass ich sonst etwas zu schreiben hätte“. Sie frage sich dann manchmal, warum die Leute nicht selbst zu Karte und Stift greifen, was weniger zeitaufwendig gewesen wäre. Eine Ursache glaubt sie entdeckt zu haben. „Viele haben ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Handschrift.“ Ausgelöst etwa durch traumatische Erlebnisse aus der Grundschule. „Aber auch für mich war es eine Herausforderung, meine Schrift so zu entwickeln, dass es mir gefällt auf der Karte.“ Jedes Stück ist ein Unikat, verziert mit Stempeln, Schnörkeln und Verzierungen. Nachdem sie sich lange gegen diesen Schritt gewehrt habe, landen inzwischen auch Fotos ihrer Karten auf ihrer Internetseite. Allerdings könne etwa Kugelschreiber auf schwarzem Untergrund nicht am Bildschirm, nur in natura gelesen werden. Vom Gefühl des Kartons in der Hand ganz zu schweigen, sagt Rieker.

So bleibt die Postkarte eine Bastion des Haptischen und Zeitaufwendigen. Und schwimmt auf einer Welle der Entschleunigung mit, die sich mit Achtsamkeitstrainings, Yogakursen oder Pilgerreisen in die unterschiedlichsten Bereiche ausdifferenziert hat. Was auch daran liegt, erklärt Sprachwissenschaftler Hajo Diekmannshenke, dass die Postkarte anders als elektronische Kommunikation keine direkte Antwort erwarte.

Wie lang die Karte unterwegs ist, hängt vom Ort des Postkastens, dem befördernden Unternehmen, der Leserlichkeit der Adresse, dem Wetter und anderer Faktoren ab. Im Grunde eine Wundertüte – die Menschen auf der ganzen Welt fasziniert.

So schicken sich mehr als 750?000 Menschen weltweit als sogenannte Postcrosser Karten. 50 Millionen Grüße sind so schon in Briefkästen gelandet. Die Idee hinter dem System, für das sich Kartenfans im Internet anmelden, ist: Nur wer selbst eine Karte verschickt, kann auch eine erhalten. Die Motivationen der Schreiber sind ganz unterschiedlich. Sara von den Bermudas will ihren beiden Söhnen durch Postcrossing die Welt jenseits der Inselgruppe näherbringen, Oxana aus dem Westjordanland freut sich über Kochrezepte per Post, während „marecky“ um Nachsicht bittet, dass seine Karten erst zwischen Ende August und Anfang Oktober herausgehen können. Dann ist der antarktische Winter vorbei – und Flugzeuge können wieder vom ewigen Eis starten.

Während aber immer mehr Postcrosser ihre erhaltenen Karten im Internet zeigen, haben sich Postkarten-Apps genauso wenig durchsetzen können wie elektronische Postkarten.

Es liege eben doch ein besonderer Zauber in echten Karten, sagt Sabine Rieker. Und nicht zu vergessen: Anders als zur Frühphase des Mediums gilt die Karte heute als besonders seriös, auch wenn sich am formelhaften Schreiben seit Anbeginn nie groß etwas geändert habe, sagt der Forscher Diekmannshenke. Die Deutsche Bundespost transportierte 2017 trotz digitaler Konkurrenz noch immer 195 Millionen Postkarten. Der Höhepunkt liege zur Urlaubszeit, sagt Postsprecher Stefan Heß.

 

 

 

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