Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Jeden Tag ein Wunder“ - Lernplattform "Papierblatt.de"

CALW/BAD LIEBENZELL/WILDBERG – „Papierblatt“ ist eine Lernplattform mit Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben. Über den Namensgeber Mordechai Papirblat ist jetzt ein Buch erschienen: „900 Tage in Auschwitz“. Die Herausgeber um Schuldekan Thorsten Trautwein haben den 97-Jährigen dazu eigens in seiner Heimat in Tel Aviv besucht.

97 Jahre und kein bisschen leise: Mordechai Papirblat erzählt, wie es als Häftling in Auschwitz war. Foto: Pressebild Papierblatt.de97 Jahre und kein bisschen leise: Mordechai Papirblat erzählt, wie es als Häftling in Auschwitz war. Foto: Pressebild Papierblatt.de

Am 23. Januar 1945 hatte für Mordechai Papirblat der Albtraum ein Ende. Er war geflohen, endlich entkommen, nach fast drei Jahren in Auschwitz und seinen Nebenlagern. Als einziger seiner Familie hatte er den Holocaust überlebt und konnte in Israel ein neues Leben beginnen.

Die Erinnerungen an jene schlimmen Jahre hielt er nach dem Krieg in einem Tagebuch fest. Er schloss es weg und übergab es erst 1994 seinem Sohn Shlomo: „Jetzt ist es Zeit, daraus ein Buch zu machen“, sagte er. Es erschien auf Hebräisch, gut 500 bewegende Seiten aus dem Leben eines Mannes, der irgendwann nicht mehr schweigen wollte. Mordechai Papirblats Bericht war einer der ersten auf einer 2016 gegründeten Internetplattform, die Unterrichtsmaterial für Schulen bereitstellen sollte. Sie bekam seinen Namen, auch weil er inhaltlich so gut passte: Papierblatt.

Der Schuldekan für die Kirchenbezirke Calw-Nagold und Neuenbürg, Thorsten Trautwein, hatte sie initiiert, zusammen mit der Hilfsorganisation Zedakah aus Bad Liebenzell, die Holocaust-Überlebende in Israel betreut. Ein weiterer Projektpartner ist das christliche Medienunternehmen Morija aus Wildberg, das für die technische Infrastruktur sorgt. Über 30 Zeitzeugeninterviews stehen auf der Seite, mit Unterrichtsentwürfen und einer umfangreichen Suchfunktion, die es erlaubt, Videosequenzen direkt anzusteuern. In der Corona-Zeit war das ein Segen und ein vielgenutztes Instrument der Wissensvermittlung. „Heute lernt jeder meiner Zehntklässler eine Person aus dem Papierblatt-Archiv kennen und schreibt eine Zusammenfassung drüber“, zitiert Schuldekan Thorsten Trautwein einen Lehrer.

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„Papierblatt“ macht von sich Reden. Es gibt Veranstaltungen, Tagungen und Vorträge, Zeitzeugengespräche und nun erstmal auch eine Buchveröffentlichung aus der eigenen Edition. Sie ist ebenjenem Mordechai Papirblat gewidmet, dessen bewegendes Tagebuch bisher nicht auf Deutsch verfügbar war. Jetzt haben es Thorsten Trautwein, Zedakah und der Morija-Verlag herausgegeben, finanziell gefördert unter anderem von der Württembergischen Landeskirche.

Lernplattform mit vielen Zeitzeugen

Im Vorfeld haben sie Mordechai Papirblatt in Israel besucht und biographisches Material gesammelt, das zwischenzeitlich auch ganz im Sinne des Projekts auf der Schüler-Homepage steht. Ein bewegendes Erlebnis, wie Thorsten Trautwein schildert, man habe dort einen „sympathischen, humorvollen und redegewandten älteren Herrn“ getroffen, der stolz auf seine Kinder und Enkel sei. „Ich habe überlebt und eine Familie gegründet, das ist meine Rache“, hat Papirblat einmal bemerkt. Die fünfstellige Häftlingsnummer „46794“ ist bei ihm so tief in den Arm eingebrannt wie die Erinnerungen an jene grausame Zeit.

Sein Tagebuch gibt Einblicke in den Lageralltag jener Zeit. Schildert zwischen all den Grausamkeiten auch Momente der Menschlichkeit, selbst mit SS-Leuten, die freilich so selten waren, dass sie den Häftlingen fast unheimlich vorkamen. Mit viel Glück „und mindestens einem Wunder pro Tag“ hat Papirblatt überlebt und dabei immer auch Trost in seinem tiefen Glauben gefunden.

Nun will er helfen, dass die Erinnerung bleibt. „Mein Name ist ein Denkmal“, sagt er – und er sagt es auf Deutsch. Auch das gehörte für den gebürtigen Polen zur Überlebensstrategie, die Sprache seiner Peiniger zu können.

Buch-Tipp

Mordechai Papirblat: 900 Tage in Auschwitz. Tagebuch eines Holocaust-Überlebenden.
Edition Papierblatt, 546 Seiten,
14,95 Euro.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de