Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jeder benötigt mal Hilfe - Barrierefreies Wegeleitsystem

LUDWIGSBURG – Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen darf kein Lippenbekenntnis bleiben. Darum entsteht an der Evangelischen Hochschule, wo jetzt das Sommersemester begonnen hat, ein Wegeleitsystem. Es lässt die Frage nach Behinderung überflüssig werden – weil es jedem zu Hilfe kommt, der Hilfe brauchen kann.

Barrierefrei in die Hochschule ‒ eine neue App soll dabei helfen. Foto: Susanne Müller-BajiBarrierefrei in die Hochschule ‒ eine neue App soll dabei helfen. Foto: Susanne Müller-Baji

Beim Ortstermin vor dem Haupteingang der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg wird überdeutlich, wie wichtig eine App zur Orientierung wäre: Drei Pflegerinnen sind mit ihren betagten Schützlingen auf dem Weg zur Corona-Impfung. Die angegebene Adresse ist allerdings weniger leicht zu finden als gedacht, Online-Karten helfen nicht bei der Suche nach barrierefreien Wegen. Ulrike Faulhaber vom Rektorat der Evangelischen Hochschule kennt das Problem: „Unser Campus geht fließend in den Rest der Karlshöhe über – und das Areal ist sehr weitläufig.” Jeder soll teilhaben, niemand ausgeschlossen werden. Man sei sich an der Evangelischen Hochschule seiner Verantwortung bewusst, wahre Inklusion zu leben, sagt Simone Danz, Professorin für inklusive Pädagogik und Heilpädagogik.

Danz ist als sogenannte Enthinderungsbeauftragte und als Contergangeschädigte besonders sensibel für Hindernisse, die sich unvermittelt auftun können. Danz und ihr dreiköpfiges Team aus studentischen Hilfskräften arbeitet derzeit mit externen Technikern an einer App. Sie funktioniert wie ein erweitertes Navigationssystem und weist den Weg von der Bushaltestelle zum Campus und zur Turnhalle, führt durch alle Gebäude der Hochschule und zum Verwaltungsgebäude der Karlshöhe. Sie enthält Informationen für Blinde, Seh- und Hörbehinderte sowie Mobilitätseingeschränkte und wird überdies in leichter Sprache abrufbar sein.

Das neue Wegeleitsystem zeigt dabei die geeignetste Verbindung zwischen zwei Punkten auf, führt etwa ins Archiv oder an den Getränke-automaten. Es zeigt aber auch, wo sich etwa der Ruheraum befindet oder die nächstgelegene behindertengerechte Toilette und welcher Weg barrierefrei dorthin führt. Möglich machen dies in den Gebäuden angebrachte Bluetooth-Signale, die ein dichtes Bild möglicher Wege und Hindernisse zeichnen.

Zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2020 gab es einen Testlauf, bei dem auch Blinde und eine Rollstuhlfahrerin das Wegeleitsystem erprobten. Simone Danz ist zufrieden mit den Ergebnissen und plant weitere Testläufe. „Die App wird im Sommer für die Öffentlichkeit freigegeben, ich hoffe im Juli. Spätestens bis zum Beginn des Wintersemesters soll alles fertig sein.“

Die Enthinderungsbeauftragte denkt über weitere praktische Hilfen nach. Über eine Funktion, die einen zum nächstgelegenen barrierefreien Notausgang leitet. Über eine Ruffunktion, die die eigene Position automatisch übermittelt: „Und dann kommt jemand und hilft mir.” Egal ob man beim Umsteigen vom Auto in den Rollstuhl Hilfe braucht, mit einer schweren Traglast vor einem defekten Fahrstuhl steht oder als Frau nachts nicht unbegleitet zum Parkplatz gehen möchte.

Denn das ist der eigentliche Gedanke hinter all diesen Ansätzen: Sie fragen nicht nach Behinderung. Sondern stellen die Tatsache in den Mittelpunkt, dass jeder einmal Hilfe gebrauchen kann – und Inklusion im Grunde nichts anderes ist, als sich in die Situation anderer Menschen hineinzudenken und dann einfach danach zu handeln. □

◼ Mehr zu der Hochschule unter www.eh-ludwigsburg.de

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