Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jeder Tag ist ein guter Tag

Platz für Lachen und Fröhlichkeit: Der vertrauensvolle Umgang zwischen Bweohnern, Mitarbeitern und Angehörigen ist das tragende Gerüst im Pflegealltag. [Foto: Giacinto Carlucci]

Das Lachen und die fröhlichen Stimmen sind schon von Weitem zu hören. Vor dem Eingangsbereich des Henriettenstifts sitzen zwei plaudernde Frauen auf einer Bank, umrahmt von drei weiteren älteren Herrschaften im Rollstuhl. „Na, bei dem Wetter muss es einem ja gut gehen“, antwortet eine Seniorin der heiter gestimmten Runde auf die entsprechende Frage. „Gehen Sie ruhig rein, drinnen ist es noch schöner und sonniger“, scherzt ein grauhaariger Mann und weist auf die große gläserne Schiebetüre.
Und wirklich: das einfallende Tageslicht sorgt für eine Willkommensatmosphäre der besonderen Art. Der Blick im Foyer fällt auf ein aufgeschlagenes Buch und den daneben stehenden blühenden Blumenstrauß. Bilder von kürzlich Verstorbenen und sehr persönlich gehaltene Abschiedszeilen von Mitarbeitern des Henriettenstifts und von Angehörigen verbinden sich im so genannten „Erinnerungsbuch“ zu einem stillen Gedenken und zu einem Platz über den Tod hinaus.
„Wir denken gerne an seine humorvolle Art und seine Dankbarkeit zurück.“ Die aktuellsten erinnernden und auch tröstenden Worte hat Petra Fehleisen in die weißen Seiten geschrieben. Sie ist seit sechs Jahren die Hausleiterin des Henriettenstifts und seit Beginn ihrer Tätigkeit ist für sie der vertrauensvolle Umgang zwischen Bewohnern, Mitarbeitern und Angehörigen das tragende Gerüst im Pflegealltag. Unter ihrer Führung ist im Haus nach dem Umzug vor etlichen Jahren das Wohngruppenkonzept im Henriettenstift umgesetzt und der Bereich für dementiell Erkrankte erweitert worden. „Mir war wichtig, hier eine gute Sterbekultur aufzubauen.“ Dazu gehören für die Sozial- und Fachwirtin neben geeigneten Räumlichkeiten und professionellen Pflegekräfte auch eine Vielzahl von ergänzenden Maßnahmen, Strukturen, Blickrichtungen.
Zwei der insgesamt sieben Wohnbereiche der Altenhilfeeinrichtung sind seit 2009 auf palliative Pflege spezialisiert. Diese Pflege – auch „palliative care“ genannt – ist ein umfassendes Konzept für die Pflege und Betreuung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase, die auch die soziale Begleitung ihrer Angehörigen mit einschließt. Und sie hat den Aspekt, dass selbst für Menschen, die an einer unheilbaren und weit fortgeschrittenen Krankheit leiden, noch viel getan werden kann. Dabei geht es darum, die bestmögliche Lebensqualität zu erreichen. Oder anders ausgedrückt: „Zusammen mit dem ganzen Team sind wir hier im Henriettenstift bestrebt, aus jedem Tag einen guten Tag zu machen.“
In den Wohnbereichen leben Menschen mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern und Krankheitsphasen. Und manche können trotz ihrer chronisch unheilbaren Krankheit für ein paar Tage außerhalb des Heims bei Verwandten sein oder sind auf der Palliativstation ganz munter unterwegs. Gegen Schmerzen werden Medikamente gegeben, aber es wird darauf geachtet, die unheilbar Kranken nicht unnötigen Strapazen auszusetzen.
Kommen schwerstkranke Menschen in den Palliativ-Wohnbereich des Henriettenstifts, steht für Petra Fehleisen und ihr Team eines im Vordergrund: „Angehörige und Bewohner dort abzuholen, wo sie im Moment sind.“ Das heißt, im Gespräch mit ihnen die aktuellen Ängste  und Unsicherheiten zu erspüren, aber auch zu erfahren, was der Kranke für sein Leben jetzt und im Moment möchte. „Wir fragen deshalb: was ist der Stand, was ist gewünscht? Und auf allen Wegen, die sich jetzt weiter ergeben, möchten wir die Menschen begleiten“, erklärt die gelernte Krankenschwester.
Zunächst sei man im Henriettenstift bestrebt, dass sich die Bewohner in dieser Phase wie zuhause fühlen sollen. Ähnlich wie in der Hospiz-Konzeption können beispielsweise die Angehörigen kommen, gehen, einfach da sein. Individuelle Wünsche sollen so weit wie möglich erfüllt werden. Hat der Kranke Lust auf Musik, ein bestimmtes Essen oder ein Glas Wein, so wird dies selbstverständlich gewährt. Bei großen Ängsten und unruhigen Stunden können Klangschalen im Zimmer eine beruhigende Wirkung haben. Auch sanfte Handmassagen werden angeboten. Petra Fehleisen und die anderen Pflegeexperten im Haus gehen auch allen weiteren Bedürfnissen nach: Ist der Besuch eines zuhörenden Menschen erwünscht oder doch eher die absolute Stille? Möchte der Kranke zusammen mit jemandem ein Gebet sprechen? Gibt es eine andere spirituelle Sehnsucht?
Auch auf scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten achtet man im Palliativ-Wohnbereich: „Ein Bewohner hat sich in seinen letzten Tagen gewünscht, dass die Zimmertüre zum Gang hin immer offen stehen soll.“ Auch nachts ist immer jemand für die Bewohner da. Neben einer engen Zusammenarbeit mit Hospizgruppen ist das Henriettenstift auch in ständigem Kontakt mit der Altenheimseelsorge im Dekanat. Sollte beispielsweise für Angehörige oder Sterbende seelsorgerlicher Beistand gewünscht sein, wird dies ebenso ermöglicht wie die Aussegnung am Bett des Verstorbenen.
In wöchentlichen Zusammenkünften und ethischen Fallbesprechungen tauscht sich das Team auch über die individuellen Pflegemaßnahmen aus, so wie beispielsweise über den Einsatz von Beatmungsgeräten oder das richtige Essen bei ständiger Übelkeit. Ein wichtiges Thema ist auch ein guter Umgang mit den Angehörigen. „Dieser Austausch ist wichtig, denn die Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen ist zeitintensiv und kann sehr belastend sein.“ Deshalb müsse, so Petra Fehleisen, dem Team signalisiert werden: „Das stehen wir gemeinsam durch.“
Regelmäßig haben die  Mitarbeiter die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Gymnastikangebote sollen körperlichen Verspannungen vorbeugen und bestehende Beschwerden lindern. All dies zusammen soll die anstrengende Arbeit erleichtern und die Belegschaft bei den täglichen Herausforderungen stärken.
Unterdessen haben die fröhlichen Senioren den sonnigen Fleck vor dem Haus verlassen und haben sich im großen Gemeinschaftsraum eingefunden. Und schon wieder wird gelacht. Eine Bewohnerin feiert ihren 100. Geburtstag und strahlt: „Mir geht es gut hier und ich freue mich an jedem Tag meines Lebens.“

Das zertifizierte Henriettenstift in Kirchheim unter Teck mit Platz für 84 Bewohner, mit Kurzzeit- und Tagespflege, gehört zum diakonischen Sozialunternehmen „Die Zieglerschen“ in Wilhelmsdorf. Mehr als 4600 Menschen werden von 2700 Mitarbeitenden zum Beispiel in den Bereichen Behindertenhilfe, Sucht- und Jugendhilfe betreut. In der Altenhilfe ist das Unternehmen an 20 Standorten, neben dem Landkreis Esslingen auch in den Landkreisen Rems-Murr, Tübingen, Reutlingen, Ravensburg, Biberach, Tuttlingen und Schwarzwald-Baar-Kreis vertreten.